Schönebeck l Bei seinem ersten offiziellen Boxkampf im Schönebecker Stadtpark war Franz Heise gerade einmal 13 Jahre alt. Das war 1948. Der Jugendliche aus Bad Salzelmen war so aufgeregt, dass er seinem Gegner aus Nervosität schon vor dem ersten Gong zur Begrüßung ins Gesicht schlug. Das gab gleich mal eine Verwarnung vom Schiedsrichter. „Den Kampf habe ich aber trotzdem gewonnen“, erinnert sich Franz Heise, der in diesen Tagen seinen 85. Geburtstag feiert, auch wenn er sich an den Namen seines ersten Gegners nicht mehr erinnern kann. Aus diesem Anlass hat er noch einmal sein altes Fotoalbum rausgeholt und mit der Volksstimme über seine Karriere gesprochen.

Seinen größten Erfolg erzielte Franz Heise 1953, als er mit 17 Jahren einer von vier DDR-Juniorenmeistern aus Schönebeck im Boxen wurde. „Mit 54 Kilo kämpfte ich im Bantamgewicht“, erzählt Heise. Bantam liegt zwischen Fliegen- und Federgewicht. Der Name geht tatsächlich auf das indonesische Bantamhuhn zurück. Im Finale besiegte Franz Heise den Boxmeister des Vorjahres. Vier junge Boxer aus Schönebeck gewannen 1953 die Titel in unterschiedlichen Gewichtsklassen: Erich Barnick, Franz Kühn, Jens Thomsen und Franz Heise.

Nach dem Krieg nur Sport im Kopf

Im Alter von zehn Jahren erlebte Heise das Ende des Zweiten Weltkrieges in Schönebeck. In einer seiner frühesten Erinnerungen hatte er als Pimpf im Jungvolk kurz vor dem Ende noch Panzersperren bauen müssen. Er musste mitansehen, wie ein Mann auf offener Straße erschossen wurde. Eine Kugel schlug in das Fenster seines Elternhauses in Bad Salzelmen ein.

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Der junge Heise hatte nur Sport im Kopf, war schon Turner und Leichtathlet, als ein Bekannter ihn mit zum Boxen zur BSG Chemie Schönebeck mitnahm. „Mein Vater wollte damals, dass ich mich für einen Sport entscheide“, erzählt er. Der Junge blieb beim Boxen. Der Vater war aus der Kriegsgefangenschaft in Belgien heimgekehrt und boxte selbst. Und wachte streng darüber, dass sein Sohn das Training auch ernst nahm. Als der junge Heise einmal schwänzte und seine Eltern darüber anlog, setzte es Prügel. Ein anderes Mal boxten Vater und Sohn im Hof in Bad Salzelmen gegen einander. Der Junge erwischte seinen Vater mit einem Schlag mitten im Gesicht. „Da bin ich vor Schreck weggerannt“, so Heise. Ärger gab es deswegen nicht.

Dann trainierte er bei Aufbau Börde Magdeburg, oder später einfach „der Club“. Geboxt wurde damals in der ganzen DDR, Berlin, Altenweddingen, Bitterfeld. Die Volksstimme schrieb in den 1950er Jahren über das Talent von der Elbe: „Den besten Kampf des Abends bestritten im Senioren-Bantamgewicht DDR-Meister Heise, Chemie Schönebeck, gegen Fintzel, Chemie Leuna. Heise boxte aus allen Lagen und gewann über Fintzel.“

Ein Fuhrunternehmer aus Schönebeck fuhr die Sportler in seinem Lkw zu den Wettkämpfen. Dessen Tochter Rosi, selbst Handballerin, war immer gern mit den Sportlern unterwegs. Heise ging mit ihr aus, und beide sind bis heute glücklich verheiratet. „Ich bin immer zu den Kämpfen mitgefahren, aber Angst hatte ich nie um ihn“, sagt sie heute. Später bauten sie ein Haus in Sachsenland und bekamen einen Sohn. Heute sind beide Rentner und leben in einer Wohnung zentral am Markt.

Zahn beim Boxen bei der Arbeit verloren

Beruflich begann Heise zunächst eine Lehre als Tischler, wurde aber gefeuert, weil eine Verletzung am Knie nicht anerkannt wurde und er somit als NVA-Verweigerer galt. Danach war er beim Sprengstoffwerk. Später arbeitete er lange Zeit beim Fenster- und Türenbau in Magdeburg, wo er jeden Tag mit dem Fahrrad hinfuhr. Einmal brachte er seine Boxhandschuhe aus Jux mit zur Arbeit. Ein Kollege trat gegen ihn an und rammte ihm dabei den Kopf ins Gesicht, so dass er einen Zahn verlor. „Seit damals habe ich einen Goldzahn“, so Heise. Es sollte der einzige Zahn bleiben, den er verlieren würde.

Im Ring war Heise vor allem ein Techniker, wie er erzählt. Selten schlug er einen Gegner K.o. „Nur wenn sie mir direkt in den Schlag liefen. Und dann taten sie mir leid“, sagt Heise, und er macht tatsächlich einen traurigen Eindruck, während er das erzählt. Einmal beugte er sich über einen am Boden liegenden Gegner und wollte ihm helfen. Doch der Schiedsrichter drängte ihn ab und dachte, Heise hätte noch nicht genug.

Auch zum Klassenfeind konnten die jungen Sportler seinerzeit fahren. 1956 ging es zum 50-jährigen Jubiläum vom Kölner Boxclub SV Colonia. Bei der Veranstaltung traf er sein großes Idol, Max Schmeling. „Schmeling war der Beste von allen. Er könnte selbst die ganzen Großen von heute mit einem feuchten Handtuch aus dem Ring hauen“, so Heise. Sein Trainer konnte den damals 20-Jährigen gerade noch davon abhalten, Schmelings viel ältere Ehefrau, die Schauspielerin Anny Ondra, zum Tanzen aufzufordern.

Nach seiner aktiven Karriere war Heise noch Trainer im Haus der Pioniere in Magdeburg. Offiziell hatte er 249 Kämpfe und vielleicht 180 Siege, 30 durch K.o., soweit er sich erinnern kann. Die restlichen Kämpfe gingen unentschieden aus. 1968 hörte er endgültig mit dem Sport auf. Manchmal trifft er sich noch mit alten Boxfreunden. Dann schauen sie bei Turnieren der heutigen Boxer in Schönebeck zu.

Seine alten Boxhandschuhe hat Franz Heise nicht mehr aufgehoben. Sie sind beim Umzug von Sachsenland in die Schönebecker Innenstadt verloren gegangen. Doch solche Andenken brauche er auch heute nicht mehr. Stattdessen blättert er lieber in seinen alten Fotoalben mit Bildern von damals. Aber: „Er hat noch zwei kleine Boxhandschuhe am Autorückspiegel“, sagt seine Frau Rosi.