Glinde l Verzweiflung kann auch in einem einzigen Satz formuliert werden. In einem eindringlichen, der nicht nur offen, sondern auch zwischen den Zeilen eine ganze Geschichte erzählen kann. Es geht um den 17-Jährigen mutmaßlichen schwerstkriminellen Jugendlichen, der in ersten sechs Monaten des Jahres 2020 mehr als 40 Straftaten begangen haben soll – also durchschnittlich alle vier bis fünf Tage eine.

Nennen wir ihn in diesem Beitrag Maiki, um ihn zu schützen. Maiki ist den Erziehern des Kinder- und Jugendsportparkes in Glinde kein Unbekannter. Viele Male haben die Betreuer ihn schon bei der Polizei nach irgendwelchen Aktionen abgeholt und wieder in die offene Einrichtung gebracht. Zuletzt am 29. Juni 2020, bis er gut eineinhalb Wochen später erneut abhaut.

Sprechen und beschützen

Und dann fällt dieser eine Satz von Remo Kannegießer, dem Geschäftsführer des Vereines Nestwärme, der die Einrichtung in Glinde betreibt. Dieser eine Satz, der die Hilflosigkeit und den Stolz gleichermaßen beschreibt: „Wir haben es geschafft, dass Maiki zehn Tage bei uns geblieben ist und keine Straftat begangen hat.“ Zehn Tage haben die Pädagogen nicht zum ersten Mal versucht, mit dem Jugendlichen zu arbeiten.

Sie haben mit ihm gesprochen, waren da, haben ihn beschützt. Zehn Tage haben sie versucht, in die sonderbare Gedankenwelt dieses Jungen einzudringen, den sie selbst als „Systemsprenger“ beschreiben. Als jemanden, der immer wieder aus seinem betreuten Leben ausbricht und austickt – vor allem dann, wenn zusätzlich Alkohol und Drogen im Spiel sind.

Teuren Pkw geklaut

Wer sich die Facebook-Seite von Maiki anschaut, sieht auf den Bildern ein ganz normales Kind. Freundlich lächelt er in die Kamera und strahlt Vertrauen aus. Würde man diesem Jugendlichen die Geldbörse borgen und bitten, beim Bäcker Kuchen zu kaufen, könnte man sicher davon ausgehen, dass er mit Kuchen und Geld auch wieder zurückkommt. Maiki zeigt im Internet seine frühere Leidenschaft für Fahrräder und im späteren Verlauf auch für Autos. Für schicke und aufgemotzte Nobelkarossen.

So eine war es auch, die Mitte Juli 2020 Ziel eines neuen Diebstahls wurde. Ein spektakulärer Autounfall stoppt vorerst die kriminelle Karriere von Maiki. Inzwischen sitzt er in Untersuchungshaft. Für Remo Kannegießer und seinen Erzieher Marcus Bergmann eine gute Nachricht. Letzterer ist derjenige, der wohl die meiste Zeit mit Maiki verbrachte, wenn er denn in Glinde war.

Bergmann ist im Gegensatz zu seinem Chef Kannegießer ein ruhiger Mensch, der es aber dennoch schafft, mit seinem Schweigen mitanzuklagen. „Ich habe das Gefühl, dass Polizei und Justiz in diesem Fall versagt haben. Und nicht nur einmal“, schäumt Remo Kannegießer.

Einfamilienhaus in Glinde zerstört

Traurige Berühmtheit erlangt Maiki, als er Mitte Januar 2020 mit zwei anderen Kindern und Jugendlichen in einer noch nie dagewesenen Gewaltorgie ein Einfamilienhaus förmlich zerlegt. In diesem Zusammenhang bemängeln die Verantwortlichen von Nestwärme eine vielleicht nicht ganz korrekte Ermittlung. Das weist der Pressesprecher der Polizeiinspektion Magdeburg, Frank Küssner, zurück: „Bei allen drei Personen wurden damals noch vor Ort die Atemalkoholwerte bestimmt beziehungsweise erfolgten Schnelltests auf Drogenkonsum. Die Ergebnisse wurden entsprechend dokumentiert.“

Was in den Monaten danach folgt, dürfte ebenso einmalig sein: Gegen den 17-jährigen Tatverdächtigen wird im Revierkriminaldienst des Polizeireviers Salzlandkreis seit Anfang des Jahres 2020 in insgesamt 40 Verfahren ermittelt. Dabei handelt es sich nach Auskunft der Magdeburger Polizei in erster Linie um Eigentumsdelikte sowie Straftaten im Bereich der Kfz-Kriminalität.

Straftaten in kurzen Abständen

Maiki begeht also in immer kürzeren Abständen Straftaten, die die Polizei gar nicht so zügig ermitteln kann, wie sie anfallen. Unter dem Radar von Polizei und Justiz wächst damit ein Jugendlicher heran, für den es keine Definition zu geben scheint: Er soll so lange wie möglich in der Obhut der Jugendhilfe bleiben, bevor der nächste Schritt des Jugendarrests und damit eine möglichen Gefängnislaufbahn auf Maiki zukommt.

Ohne Pause nehmen die Glinder Pädagogen Maiki immer wieder bei sich auf, wenn andere Einrichtungen im Salzlandkreis plötzlich – wenn es um Maiki geht – zu 100 Prozent belegt sind. Nach Auskunft des Landratsamtes bieten 24 Träger der freien Jugendhilfe eine entsprechende Hilfe im Salzlandkreis an. „Wichtig dabei: Die Konzeptionen und Leistungsbeschreibungen sind unterschiedlich, und nicht jede Heimeinrichtung nimmt dementsprechend jede Altersgruppe und/oder Suchtproblematiken, jedes Geschlecht etc. an“, erklärt Marianne Bothe aus der Pressestelle.

Immer wieder aufgenommen

Wenn Maiki nun so ein schwieriger Jugendlicher ist, der regelmäßig dafür sorgt, so einen Träger wie Nestwärme regelmäßig in negative Schlagzeilen zu befördern, warum wird er von den Mitarbeitern Tag und Nacht aufgenommen? „Weil es unsere Aufgabe ist“, sagt Marcus Bergmann unaufgeregt. Träger wie unter anderem Nestwärme haben die Aufgabe, adäquat auf die Kinder und Jugendlichen aufzupassen, diese zu erziehen und zu fördern und eben ausdrücklich auch „Systemsprenger“.

Das weiß auch das Landratsamt in Bernburg. „Wir sind den Verantwortlichen dankbar, dass der genannte Träger jederzeit auch die sogenannten Systemsprenger beherbergt. Der Fachdienst Jugend und Familie schätzt im Übrigen die Zusammenarbeit grundsätzlich mit allen Trägern als gut ein.“

Lücke zwischen Jugendhilfe und -arrest

Der „Fall Maiki“ zeigt nach Auffassung von Nestwärme ein weiteres Defizit auf: die Lücke zwischen Jugendhilfe und Jugendarrest. Der Kinder- und Jugendsportpark in Glinde ist keine Einrichtung, die eingezäunt ist, in der die Mädchen und Jungen eingeschlossen und bewacht werden. „Das ist auch gar nicht unsere Aufgabe. Wir nehmen sie auf, wollen sie betreuen und nach Möglichkeit wieder in ihre Familie zurückbringen oder eine andere Einrichtung finden, die maßgeschneidert für die Betroffenen ist“, sagt Remo Kannegießer.

Selbstverständlich hatte auch Maiki die Chance, immer wieder abzuhauen. Die Glinder Betreuer haben auch gar keine rechtliche Handhabe, irgendwelche Türen oder Fenster zu verschließen. Im Gegenteil: Würden sie es machen, würden sie sich strafbar machen. Und genau in diesem Graubereich zwischen der letzten Möglichkeit einer pädagogischen Erziehung und einem Arrest scheint Sachsen-Anhalt stiefmütterlich aufgestellt zu sein. „In anderen Bundesländern gibt es beschützende und geschlossene Einrichtungen, die nah an der Kinder- und Jugendpsychatrie angelehnt sind“, so Remo Kannegießer.

Das sieht das Sozialministerium nicht so. „Bereits jetzt gibt es in Sachsen-Anhalt eine Vielzahl von Plätzen in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe, die auf die besonderen Bedarfslagen von Kindern und Jugendlichen mit Hilfebedarfen angemessen und erfolgreich reagieren und die notwendige therapeutische Unterstützung gewährleisten können.“

Anklage wurde erhoben

Dabei erfolgt die Unterbringung und Versorgung dieser Kinder und Jugendlichen regelmäßig nicht in gesonderten Einrichtungen. Vielmehr werden diese jungen Menschen gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen mit anderen Bedarfslagen betreut und gefördert. „Von einer Lücke zu sprechen, beschreibt die Situation daher nicht zutreffend“, so eine Sprecherin des Ministeriums.

Inzwischen kommt auch bei der Justiz Bewegung in die Sache. An die Tatortarbeit nach der Straftat im Glider Einfamilienhaus schlossen sich in den folgenden Tagen und Wochen die kriminalpolizeilichen Ermittlungen an. „Mit Datum vom 16. April wurde das entsprechende Ermittlungsverfahren an die Staatsanwaltschaft Magdeburg abgegeben“, teilte Polizeisprecher Frank Küssner gestern mit. „Im Weiteren wurde laut hier vorliegender Information am 23. Juni Anklage vor dem Jugendschöffengericht erhoben.“

Warum kein Arrest?

Damit muss sich Maiki nun der Verantwortung stellen. Nach Auskunft des Nestwärme-Geschäftsführers lag aber auch aus früherer Zeit ein Jugendarrest vor. Eine entsprechende Anfrage beim Justizministerium bringt darüber keine Gewissheit: Von einem Jugendarrest gegen Maiki weiß man dort nichts. Das ist wohl auch zweitrangig, denn ob die Vollstreckung dieses Arrests überhaupt vollzogen worden wäre, scheint fraglich. Die entsprechende Einrichtung war seit dem 21. März bis Ende Juni geschlossen – wegen der Corona-Pandemie.