Eggersdorf l Die Ereignisse an dem ungewöhnlich warmen und sonnigen Tag im April 1945 werden die Eggersdorfer wohl nie vergessen. 2019 jährt sich zum 74. Mal der Todesmarsch, der in und hinter Eggersdorf sein jähes Ende fand. Elli Spaleniak (geb. Hellge) ist eine der letzten Zeitzeugen, die das grausame Erlebnis bewusst erlebt haben. Die damals 20-Jährige ging durch das Dorf in Richtung Elternhaus, als sie die Häftlinge erblickte. „Ich ging gerade nach Hause, als ich von weitem die vielen Menschen sah.“ Die genauen Hintergründe kannte sie zu dieser noch Zeit nicht. Auch wusste sie nicht, was das Ziel der Elendskolonne werden sollte.

„Die Straßen waren wie leer gefegt. Den ganzen Tag über war eine beklemmende Ruhe zu spüren. Wir waren in der Erwartung der Amerikaner. Vieles war ungewiss“, erinnert sich die Bauerntochter.Den Todesmarsch patroilierten Volkssturm- und Schutzstaffel-angehörige (SS) und Funktionshäftlinge, sogenannte Kapos. Schon davor waren einige Zwangsarbeiter aus dem Außenlager Altengrabow im Dorf untergebracht. Gegen Ende des Krieges betrug die Anzahl nach Schätzungen circa 40 bis 50 ausländische Hilfskräfte. „Alle Zwangsarbeiter hatten Angst vor den Nationalsozialisten auf ihren Fahrrädern. Die Meisten verkrochen sich beim Anblick der jungen Männer schnell“, erzählt Spaleniak.

In den Innenhof geprügelt

Endlich angekommen auf dem Gehöft von Vater Willi Hellge, dann die Überraschung: Mehr als 350 Häftlinge werden in den Innenhof im damaligen Sackwinkel 1 (heute Reformstraße) gedrängt, teilweise geprügelt. Elli Spaleniak erinnert sich genau an den Moment, als sie einen der Kapos ansprach: „Die Menschen mussten noch im Innenhof rund um den Mistberg weitergehen. Leise unterhielten sich viele. Das klang wie ein großer Bienenschwarm. Ohne für mich erkennbaren Grund wurde ein Häftling durch einen Kapo zusammengeschlagen. Ich sprach den Aufseherhäftling an und fragte, warum er dies machte. Darauf bekam ich keine Antwort, nur einen leeren Blick. Vor den Kapos und den SS-Männern hatte ich keine Angst.“ Zur Nacht trieben die Aufseher die Häftlinge in die große Scheune. Vor den vorderen Toren wurden große Ackerwagen mit Ballast vorgefahren. Die Dämmerung nutzten dann einige, um durch die hinteren Tore zu fliehen. Diese waren nicht extra gesichert gewesen. Viele waren dafür dennoch schlichtweg zu erschöpft. Gleichzeitig sollten die Eggersdorfer Einwohner Panzersperren an den Eingangsstraßen des Dorfes errichten. Da der Amerikaner zu der Zeit schon nah am Dorf gewesen seien musste, wurden die Sperren nicht weisungsgemäß geschlossen. Vermutlich war den Bürgern die Sinnlosigkeit dieser Aktion bewusst.

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Am darauf folgenden Tag suchte man vergeblich die SS-Wachen. Diese hatten sich bereit abgesetzt. Die Kolonne zog weiter und vor den Toren Großmühlingens setzten die verbliebenen Volkssturmwachleute ihre Karabiner ab und suchten das Weite.

Da war sie endlich, die Freiheit. Die knapp 300 Verbliebenden des anfänglich mit über 2000 Zwangsteilnehmern gestarteten Todesmarsches hatten es geschafft: Sie waren dem Nazi-Regime lebendig entkommen. Nach sieben Tagen Todesmarsch und etlichen Jahren in Konzentrationslagern.

Genau 33 Liter Milch

Die Häftlinge, die zu schwach für diesen letzten Marsch nach Großmühlingen waren, saßen noch in der Scheune. Elli Spaleniak erinnert sich genau an die Anzahl: „Ich sollte, auf Weisung der Amerikaner, jedem genau einen Liter Milch geben. Genau 33 sind dageblieben.“

Der Häftling, der von dem Kapo geschlagen wurde und den die Zeitzeugin versuchte zu schützen, kam noch einmal zurück und suchte nach Elli Spaleniak. „Er sagte zu mir, dass ich das erste deutsche Mädchen gewesen bin, die ihm mit Würde entgegen trat.“

Die aktuellen Entwicklungen und das Wiedererstarken der Kräfte am rechten politischen Rand stimmen Elli Spaleniak allerdings nachdenklich. „Die Entwicklung macht mir Angst. Ich sehe im Fernsehen Fackelmärsche und entsetzliche Plakate. Diese jungen Leute können gar nicht abschätzen, was für ein Leid sie damit verursachen“.