Stille Rosen

Verein für Gehörlose „Stille Rosen“um Martina Soppa und Hans-Jürgen Wolf erhält Preis im Rahmen von „re-flect“ in Schönebeck

Große Ehre für den Schönebecker Gehörlosenverein „Stille Rosen“: Die Aktiven um Martina Soppa und Hans-Jürgen Wolf wurden mit dem dritten Platz beim landesweiten Projekt „re-flect“ geehrt. Der Preis wurde jetzt in Schönebeck übergeben.

Von Andre Schneider
Dorit Schubert (Paritätischer, von links), Franziska Bredow (offener Kanal Stendal), Hans-Jürgen Wolf, Martina Soppa (beide Stille Rosen) und Bernd Zürcher (Kunstplatte) trafen sich in Schönebeck zur Preisübergabe.
Dorit Schubert (Paritätischer, von links), Franziska Bredow (offener Kanal Stendal), Hans-Jürgen Wolf, Martina Soppa (beide Stille Rosen) und Bernd Zürcher (Kunstplatte) trafen sich in Schönebeck zur Preisübergabe. Foto: Andre Schneider

Schönebeck - „Wir hatten eigentlich gehofft, unter die ersten zehn zu kommen“, sagte Hans-Jürgen Wolf, als der Preis übergeben wurde. Seine Erwartungen wurden bei Weitem übertroffen: Bei dem landesweit ausgeschriebenen Projekt „re-flect“ reichte es für den gehörlosen-gerechten Stummfilm der Gruppe für den dritten Platz – ein riesen Erfolg.

Die 13. Auflage des landesweiten Wettbewerbes „re-flect“ stand unter Motto „Mensch, du hast Recht“. Die Veranstalter wollten ein Zeichen für eine vielfältige, demokratische Gesellschaft, für Weltoffenheit und Toleranz - für eine Welt, in der jeder Mensch gleichermaßen in Sicherheit und in Würde leben und selbstbestimmt an der Gesellschaft teilhaben kann. Ausgerichtet wurde der Wettbewerb von vier Partnern: der Paritätische Sachsen-Anhalt, dem offenen Kanal Stendal, dem Theater der Altmark und der Stendaler Initiative Kunstplatte. Teilnehmen konnten Initiativen aus ganz Sachsen-Anhalt. „Jeder Bürger oder jede Initiative, die sich für soziale Themen engagiert, konnte mitmachen“, erläuterte Franziska Bredow, die beim offenen Kanal Stendal das Projekt mitbetreute. Die Preisverleihung konnte in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie nur digital stattfinden, weshalb der Pokal und ein handsigniertes Trikot des Handball-Bundesligisten SC Magdeburg nun in Schönebeck übergeben wurden.

Zehn Minuten lang „Allein“

Doch zurück zum Film der „Stillen Rosen“: Der 10-minütige Streifen „Allein“ beschäftigt sich mit einem Problem von Gehörlosen. „Es geht um geistige Verarmung von Gehörlosen im Alter“, beschreibt „Regisseur“ Hans-Jürgen Wolf. Das Video beginnt mit einer Trauerfeier in der Jakobikirche. Die gehörlose Protagonistin Karin muss sich von ihrem Mann verabschieden. Leider sei, wie der Pfarrer (Hans-Jürgen Wolf) sagt, „konnte aus terminlichen Gründen“ kein Gebärden-Übersetzer dabei sein. Karin lebt seit der Beerdigung in einer betreuten Wohnanlage. Niemand kann sich mit ihr verständigen, sie ist mit ihrer Trauer allein, niemand versteht sie.

Der Film zeigt das Problem von Gehörlosen deutlich auf. Lösungsansätze, wie Telefonie mit Video, werden ebenfalls thematisiert. „Es sollten mehr Menschen die Gebärdensprache können“, fordert ein Schriftband am Ende des Films, der komplett untertitelt ist, so dass ihn auch Gehörlose verstehen und mitverfolgen können.

Keinesfalls Einzelfälle

Die Probleme von Gehörlosen sind keinesfalls Einzelfälle. Nach Angaben des Gehörlosenbundes leben in der Bundesrepublik Deutschland circa 80 000 Gehörlose. Nach Angaben des Deutschen Schwerhörigenbundes gibt es darüber hinaus circa 16 Millionen Schwerhörige. Etwa 140 000 davon haben einen Grad der Behinderung von mehr als 70 Prozent und sind auf Gebärdensprachdolmetscher angewiesen. In Sachsen-Anhalt bekommen sie unter anderem Hilfe vom Verein Beratungsstelle für Hörbehinderte. Nach eigenen Angaben vermittelt der Verein Hilfe für Gehörlose, die von Krankenkassen oder anderen öffentlichen Stellen nicht geleistet werden können

Höhrbehindertenhilfe e. V.

Seit 1994 ist die Gebärdensprache in Sachsen-Anhalt eine anerkannte selbstständige Sprache.

Damit wird den gehörlosen, spätertaubten und schwerhörigen Menschen die Möglichkeit gegeben, sich in ihrer Sprache zu verständigen. Dies sei laut dem Verein Hörbehindertenhilfe ein wichtiger Schritt zur Integration der hörbehinderten Menschen in unserer Gesellschaft.

Die vom Land geförderten Leistungen beziehen sich ausschließlich auf den privaten Bereich, der nicht von anderen Kostenträgern, wie Krankenkassen, Behörden u.ä. abgesichert werden kann.

Die vermittelten Übersetzer helfen im täglichen Leben, zum Beispiel bei Arztbesuchen, Behördengängen, Verhandlungen mit Versicherungen, Bankterminen, bei Rechtsanwälten und Notaren oder auch bei Elternversammlungen.

In Sachsen-Anhalt arbeiten 135 Dolmetscher

Quelle: Hörbehindertenhilfe

Kommentar von Andre Schneider

Aufmerksame Volksstimme-Leser wissen, dass ich mich vor etwa einem halben Jahr selbst ein paar Stunden in die Blindheit begeben habe (hier). Nun also ein kleiner, zugegebenermaßen ziemlich kurzer Ausflug in die Welt der Gehörlosen. Vergleichbar? Jein! Am Ende des Films der „Stillen Rosen“ wird eine US-Amerikanerin zitiert. Sie meint, Blinde würden von der Sache getrennt, Gehörlose von dem Menschen. Zugegeben, der Vergleich blind vs taub hinkt, drängt sich dennoch auf. Was beide Gruppen jedoch gemein haben: Sie brauchen Verständnis. Sie können unsere Gesellschaft bereichern und haben eine andere Sichtweise auf die Welt. Mit ein paar kleinen Tricks können wir die Welt für alle lebenswerter gestalten.