Kitzrettung

Verein „Wildtierretter“ spürt mit Drohne junge Rehe (Kitze) auf, Helfer retten sie in Barby, Montplaisir und Glinde

Um die Gefahr der Tötung von Rehkitzen bei der Wiesenmahd zu minimieren und somit aktiven Tierschutz zu betreiben, wurde der Verein Wildtierretter Sachsen-Anhalt e.?V. gegründet. Davon machte jetzt auch eine Landwirtin aus Barby-Monplaisir Gebrauch.

Von Thomas Linßner 14.06.2021, 16:16
Junge Rehe werden mit HIlfe von Drohnen vor dem sicheren Tod gerettet
Junge Rehe werden mit HIlfe von Drohnen vor dem sicheren Tod gerettet Linßner

Barby - „So früh bin ich zum letzten Mal aufgestanden, als ich dahinten noch gearbeitet habe“, deutet einer der Helfer in Richtung Maisan-Werk, das am Horizont zu sehen ist. Dort war an DDR-Tagen Schichtbeginn um 5.30 Uhr.

Jetzt ist es auch so früh. Über den Elbwiesen hat sich der zarte Nebel bereits verflüchtigt. Die Sonne begann schon vor einer dreiviertel Stunde ihr Tagwerk. Das Gras auf den Wiesen steht hüfthoch: Brennnessel, Wiesenfuchsschwanz, Klette, Sauerampfer, Löwenzahn.

Höchste Zeit zum Mähen

„Höchste Zeit, dass wir mähen“, begrüßt Schäferin Claudia Gerstenberg die Anwesenden. Ihre Sorgenfalten der vergangenen beiden Jahre, wo um diese Zeit das Futter für ihre 600 Mutterschafe äußerst knapp war, sind verschwunden. 2021 sieht es deutlich besser aus.

Weil sie „einen guten Draht“ zu Barbys Hegeringchef Tobias Wostry hat, fragte sie: „Bei der Wiesenmahd im vergangenen Jahr wurden neun Kitze getötet. Kann man da nichts dagegen tun?“

„Kann man!“, stellte Wostry den Kontakt zum Landesjagdverband Sachsen-Anhalt her, unter dessen Dach es den Verein „Wildtierretter Sachsen-Anhalt e.?V.“ gibt. Ich fliege in 50 Metern Höhe. Wenn ich was entdecke, gehe ich auf zehn Meter runter.

8000-Euro-Superdrohne

Hier engagiert sich Jan Driesnack aus Magdeburg ehrenamtlich, der mit reichlich Equipment in Sachen Drohnenflug gekommen ist. Kernstück ist eine 8000 Euro teure Superdrohne mit sechs Rotoren, die eine Menge Hightech an Bord hat. Zum Beispiel eine Wärmekamera. Mit ihr wird die Wärmedifferenz zwischen der Umgebung und der Körpertemperatur des jeweiligen Tieres aufgezeigt.

Daher beginnt die Rehkitzrettung auch in den frühen Morgenstunden, wenn die Umgebung noch nicht von der Sonne erwärmt wurde und die Körpertemperatur der Kitze sich deutlich von der Umgebung abhebt.

So ähnlich wie beim Kartendienst

„Wir wollen 30 Hektar zwischen Monplaisir und dem Glinder Jungeswerder mähen“, beschreibt Claudia einen etwa hundert Meter breiten Streifen zwischen Elbe und Weg. Jan Driesnack programmiert die Flugroute. Das funktioniert so ähnlich wie bei GoogleMaps. Am Ende sieht es aus, als hätte er Heizwendel auf dem Display. Vor zur Elbe, zurück zum Weg, Richtung Norden, wieder vor zur Elbe, zurück ... und so weiter. Dadurch wird der orange Hexacopter das Gebiet flächendeckend abstreifen. „Ich fliege in 50 Metern Höhe. Wenn ich was entdecke, gehe ich auf zehn Meter runter“, erklärt Driesnack das Prinzip.

Und so kommt es. Tobias Wostry, Tochter Madeline, Jagdkumpel Sven Oertel mit Freundin Bea, Claudia Gerstenberg, Cornell Möbus und Gero Weinhardt stiefeln los. Über ihnen summt gleichmäßig die Drohne wie ein aufgeregter Hornissenschwarm.

Gummistiefel oder Bergschuhe

Auf dem Display erkennt man kleine weiße Punkte, die sich zielstrebig vorwärtsbewegen. Es sind die Kitzsucher. Bis auf Madeline haben sie Gummistiefel oder Bergschuhe an. Die braucht man. Es ist quatschnass. Jemand frotzelt in Richtung Turnschuh-Madeline: „Siehst du, wenn dein Vater Briefmarkensammler wäre, bräuchtest du dich nicht so früh durch die Brennnesseln zu quälen.“

Plötzlich verlässt die Drohne ihre Höhe und geht runter. „Hier muss was sein“, ist der Hegeringvorsitzende angespannt. Und wirklich. Punktgenau unter der Drohne drückt sich ein Rehkitz in das hohe Gras. Tobias Wostry - alle Helfer tragen Handschuhe, des Fremdgeruches wegen - will es schnappen. Doch Bambi ist schon so gut entwickelt, dass es türmt. „Ist ja nicht schlecht“, verfolgt Drohnenflieger Jan den schnell entschwindenden weißen Punkt auf seinem Display, „das hätte es sicherlich auch gemacht, wenn das Mähwerk gekommen wäre.“

Ricke springt aus dem Gras

Hundert Meter weiter springt eine Ricke aus dem Gras. Hier muss das Kitz in der Nähe sein. Die Elektro-Hummel mit der Wärmebildkamera entdeckt es. Doch auch hier das gleiche Spiel: Mama springt los, das Kitz flitzt hinterher. „Die Rehe hier sind aber schon verdammt gut entwickelt“, witzelt Cornell Möbus aus Tornitz. Vor wenigen Stunden ist er erst aus Frankreich zurückgekommen, wo er Biogas- anlagen aufbaut und wartet. „Ich habe meinem Chef gesagt: Jetzt ist Heuzeit, ich muss nach Hause“, grinst der Hobby-Landwirt, der in der Szene ein bekanntes Ring- reiter-Gesicht ist.

Neben Hexacopter-Pilot Jan steht aufmerksam Gero Weinhardt, der wiederum ein bekanntes Glinder Lichtmess-Gesicht ist. Er ist beim Landesjagdverband Sachsen-Anhalt e.?V. angestellt und besorgt dort die Öffentlichkeitsarbeit. Weinhardt hatte zuvor Pappkartons gefaltet und mit Luftlöchern versehen. Darin würden die Kitze „geparkt“, bis die Wiese gemäht ist, um sie danach wieder in die Natur zu Mama zu entlassen. Doch auf Claudias Schafwiese sind die Bambis in diesem Jahr offenbar schon ganz schön flink für ihr Alter, so dass keines in den Karton braucht.Wenn der Wiesenfuchsschwanz blüht, fängt der Sommer an.

„Wenn der Wiesenfuchsschwanz blüht, fängt der Sommer an“

Gero hält unterdessen einen Kurzvortrag am Busen der Natur, der interessant ist. Es sind solche Sätze wie: „Wenn der Wiesenfuchsschwanz blüht, fängt der Sommer an.“ Eine alte Landwirtweisheit, die der „moderne Mensch“ heute vergessen hat. „Mit Hilfe der Phänologie kann man die natürliche Vegetationszeit einer Region definieren, den Ablauf der jährlichen Pflanzenentwicklung darstellen und die Auswirkungen des Klimawandels aufzeigen“, doziert der junge Glinder weiter. Und er ist amüsiert, weil ich gestehe, das Wort Phänologie zum ersten Mal zu hören.

Derweil hat Pilot Jan zum dritten Mal den Akku gewechselt. Bis zum Jungeswerder scheint das Gelände jetzt rehkitzfrei zu sein. Der Mäher kann kommen. Dem jammernden Pressemann verspricht Jan Driesnack: „Mach dir keine Sorgen. Du kannst ein Foto von mir haben.“ Denn an den Tagen zuvor waren die Kitze nahe Ranies und Unseburg noch nicht so frühreif wie in Monplaisir.

Bei einer zweiten Aktion am vergangenen Sonntag rettete das Team auf der anderen Seite des Weges drei Kitze. Auch eine Rotte Wildschweine spürte die Drohne auf. Doch diese Spezies nahm eigenständig mit „Kind und Kegel“ die Flucht auf und brauchte nicht vor gefährlichen Mähwerken gerettet zu werden.