Pretzien l Als das Pretziener Wehr gerade eingeweiht war, herrschte ein ähnlich strenger Winter. Im Februar 1876 erlebte die Region eine ihrer heftigsten Flutkatastrophen. Wie gehen die Mitarbeiter des Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft Sachsen-Anhalt (LHW) heute mit der Situation um?

Katastrophe von 1876

Rückblick: Das Pretziener Wehr wurde 1875 fertig gestellt und schon um die Weihnachtszeit musste es das erste Mal gezogen werden. Überhaupt war der Winter sehr streng, wie Hobby-Historiker Andreas Zierau anhand einer Chronik von Wolfgang Schernikau (1910) und der neuen Chronik über Pretzien von Maren Ballerstedt (2020) herausfand. Plötzlich schlug die Witterung um und starkes Tauwetter setzte ein. In der Woche vom 16. bis 23. Februar 1876 stieg der Wasserstand der Elbe um fünf Meter.

Am 22. Februar sollte das Wehr gezogen werden: 324 Tafeln mit einem Gewicht von jeweils 100 Kilogramm nach oben zu ziehen. Damals erfolgte dieser Vorgang per Hand. Obwohl Tauwetter herrschte, waren die Tafeln vereist und ließen sich nur äußerst mühsam nach oben bewegen. Die Wassermassen und starker Eisgang drückten heftig gegen das Wehr. Es gelang schließlich unter größten Mühen, etwa ein Drittel der Tafeln zu bergen. Die Ketten, die an den Tafeln befestigt waren, erwiesen sich als zu dünn und rissen teilweise.

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Markierungen noch heute

Und so nahm das Unheil seinen Lauf. Da das Wehr nur einen geringen Teil des Hochwassers in den noch nicht fertigen Umflutkanal lassen konnte, erhöhte sich der Druck auf die Deiche entlang der Elbe immer mehr. In der Nacht zum 23. Februar 1876 brach der Damm bei Glinde an drei Stellen. Glinde und Pömmelte gingen unter, die Flutwelle rollte weiter auf Schönebeck zu. An der Jacobikirche und an einem Wohnhaus in der Worth zeigen Markierungen den damaligen Wasserstand an.

Die Schönebecker hatten schon mitbekommen, wie das Wasser der Elbe stieg. Sie trafen Vorbereitungen soweit sie das für nötig hielten. Als die Flutwelle dann überraschend und mit großer Gewalt über die Stadt hereinbrach, ging alles rasend schnell. Innerhalb kürzester Zeit standen über 700 Häuser unter Wasser, von denen dann 147 einstürzten. 981 Haushalte waren betroffen.

Heute keine Sorgen

Zum Jahr 1876 besteht, laut Flussbereichsleiter Ronald Günther vom LHW, ein gravierender Unterschied. Beim Bau des Wehres waren die Losständer so eingebaut, das diese nur nach Oberstrom (Richtung Elbe) anzuheben waren. Mit den technischen Möglichkeiten des 19. Jahrhunderts bekam man die Tafeln nicht gezogen. Auch die Losständer ließen sich gegen das Eis im Oberstrom nicht anheben und ausklinken. Seit dem Umbau kann man die Losständer nach Unterstrom ausklinken und somit bei Bedarf auch öffnen.

Bei Hochwasser wird mit dem Öffnen des Wehres Städte wie Schönbeck und Magdeburg geschützt. Über den Umflutkanal wird bis zu einem Viertel des Abflusses der Elbe über den weitläufig über Biederitz östlich an den beiden Städten vorbeigeleitet. Im Jahr 2020 sank so der Wasserspiegel in Schönebeck um 70 Zentimeter und in Magdeburg um 50 Zentimeter. Weit über 60 Mal wurde das Wehr in seiner Geschichte geöffnet, meistens im Winter.

Zu den aktuelle Wartungsaufgaben gehört die Beräumung des Pretziener Wehres von Schnee. „Sobald das Tauwetter einsetzt, werden auch die „Eisskulpturen“ von den so genannten Klinken der Losständer entfernt“, so Günther.