Barby/Bernburg l Der Gemeindekirchenrat hatte es sich mit dieser Entscheidung vermutlich nicht leicht gemacht. Denn bei der „Einholung von Angeboten“, wie wir heute sagen würden, war der Bernburger Uhrmacher Johann Ignatz Fuchs nicht der Billigste.

Aber der Beste, wie sich später herausstellen sollte.

Schließlich bekam er 1858 den Auftrag, das alte Uhrwerk im Oberstübchen von St. Marien zu ersetzen. Vom 47 Meter hohen und 1505 gegründeten Turm der „Dicken Marie“, wie sie die Einheimischen liebevoll wegen ihrer gedrungenen Form nennen, wurde bereits seit 1572 mechanisch die Zeit verkündet. Es dürften seitdem mehrere Uhrwerke verschlissen worden sein, bis die Gemeinde 1858 tief ins Kollekte-Säckel griff. Fuchs aus Bernburg, der sich einen guten Ruf erarbeitet hatte, bekam den Auftrag.

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Bei Weltausstellung Namen gemacht

Später machte sich der Meister auf der Wiener Weltausstellung 1873 mit einer Neukonstruktion überregional einen Namen. Er ersetzte bei Kirchturmuhren die Hemmung (bei Taschenuhren als Unruhe bekannt) durch ein frei schwingendes Pendel. Bei Turmuhren arbeiteten zuvor alle Hemmungen mit Anker und Steigrad. Der Nachteil dieser Konstruktion war, dass durch notwendige Ölungen die Teile verharzten und erhebliche Ungenauigkeiten hervor riefen.

Neben technischen Meisterleistungen – wie Bernburgs geographisch-astronomischer Weltzeituhr, die bis heute eine Attraktion darstellt – erreichte der Schöpfer dieses Wunderwerks unbeabsichtigt spektakulären Ruhm. Fuchs erntete traurige Berühmtheit in Verbindung mit einem schrecklichen Verbrechen, an welchem er ohne seines Wissens beteiligt war.

Im Jahre 1875 kam der amerikanische Geschäftsmann Alexander Keith in die Bernburger Werkstatt, der sich William King Thomas nannte. Auf Empfehlung einiger Leipziger Uhrmachermeister gab er bei Johann Ignatz Fuchs ein mechanisches Laufwerk in Auftrag, das eine Gangdauer von mindestens zehn Tagen haben und möglichst geräuschlos laufen sollte. Thomas gab vor, Seidenfabrikant zu sein. Für eine die Textilindustrie revolutionierende Erfindung brauche er diese spezielle Mechanik.

Man kann sich vorstellen, dass sich Meister Fuchs durch diesen Auftrag von Übersee geehrt und herausgefordert fühlte.

Versicherungsbetrüger inszenierte Sprengung

In Wirklichkeit war der Amerikaner Keith ein im Bürgerkrieg zu Reichtum gekommener Waffenschieber, der in Deutschland sein Vermögen verpulvert hatte und sich nunmehr auf Versicherungsbetrügereien spezialisierte.

Der Verbrecher charterte den Lloyd-Dampfer „Mosel“, welcher eine Großladung wertloser Kisten in die USA schaffen sollte. Zwischen der Ladung lagerte Keith ein mit Sprengstoff gefülltes Fass, das auf hoher See am zehnten Tag mit Hilfe des Fuchs’schen  Zeitzünders explodieren sollte. Die Kisten waren hoch versichert.

Für einen derart mobilen Einsatz war das Laufwerk jedoch ungeeignet. Noch bevor die „Mosel“ in See stechen konnte, explodierte die tödliche Fracht am 11. Dezember 1875 in einer Lagerhalle von Bremerhaven. Etwa hundert Menschen fanden dabei den Tod. Kurz darauf beging Auftraggeber Alexander Keith Selbstmord. Die Indizien waren klar, er wäre zum Tode verurteilt worden.

Rathausuhr zur Sühne für "Höllenuhr"

Dieses Verbrechen löste seinerzeit weltweites Aufsehen aus. Die Presse sprach von einer „Höllenmaschine“. Sämtliche Zeitungen berichteten darüber. Johann Ignatz Fuchs war davon so sehr betroffen, dass er sich aus dem öffentlichen Leben zurückzog und einsiedlerisch fortan unzählige Turmuhren baute.

Andere Quellen berichten etwas anderes. Der Wahl-Bernburger Fuchs sei zu großem Wohlstand gelangt, weil das tragische Ereignis in Bremerhaven für riesige Werbung gesorgt hatte. Viele Museen ließen Nachbauten dieser „Höllenmaschine“ fertigen, die ihren Besuchern eiskalte Schauer über den Rücken jagten. Selbst Kaiser Wilhelm I. soll sich eine ausführliche Beschreibung der Fuchs‘schen Uhr geben lassen haben.

Und es gibt noch eine Geschichte, die sich um die „Höllenmaschine“ rankt: Nach zeitgenössischen Berichten soll Johann Ignatz Fuchs seiner Wahlheimatstadt Bernburg gewissermaßen als Sühne für die Erfindung eines „Zeitzünders“ eine Weltzeituhr gestiftet haben, die noch heute im oberen Flur des Rathauses tickt.