Wohngebiet

Anwohner fühlen sich von Sprühmittel vom Acker belästigt

Der Konflikt eines Ackeranliegers in Förderstedt mit einem Landwirt erreicht eine neue Dimension. Während sich der Grundstücksbesitzer über verwehte Sprühmittel bis in den eigenen Garten beschwert, spricht der Bauer von Verleumdung. Der Streit geht jetzt als Petition in den Landtag.

Von Franziska Richter
Direkt am Rande des Ackers liegt das Wohngebiet ?Hinter den Gärten? in Förderstedt. Zur Zeit entstehen in der Siedlung viele neue Eigenheime. Etliche Spielplätze in den Gärten und Kinderspielzeug zeugen von jungen Familien. Dass von dem nahe gelegenen Getreidefeld  Pflanzenschutzmittel herüberweht, passt nicht jedem.
Direkt am Rande des Ackers liegt das Wohngebiet ?Hinter den Gärten? in Förderstedt. Zur Zeit entstehen in der Siedlung viele neue Eigenheime. Etliche Spielplätze in den Gärten und Kinderspielzeug zeugen von jungen Familien. Dass von dem nahe gelegenen Getreidefeld Pflanzenschutzmittel herüberweht, passt nicht jedem. Foto: F. Richter

Förderstedt - Gerhard Jost aus Förderstedt hatte bereits in der Vergangenheit auf sein Problem aufmerksam gemacht, auch in der Zeitung. „Wir sitzen auf der Terrasse und genießen die Sonne. Vom angrenzenden Acker weht ein Duft, der deutlich an Leuna, Bitterfeld oder Frankfurt-Höchst erinnert. Bei frischem Wind aus Nord-Nord-Ost überzieht eine giftige Wolke das Wohngebiet Hinter den Gärten. Man kommt hinter den Atem, das giftige Sprühmittel kratzt im Hals und nach wenigen Minuten haben wir alle Kopfschmerzen.“

Ein Traktor trägt auf dem Feld nördlich von Förderstedt direkt am Wohngebiet Pflanzenschutzmittel auf. Es ist der letzte Sonntag im Mai. Der Abstand zu den Grundstücken beträgt laut Anlieger vielleicht zehn Meter. Die Anwohner verziehen sich in ihre Häuser.

Anwohner fordert, dass Windrichtung beachtet wird

„Mir geht es überhaupt nicht um den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln an sich, aber kann man das nicht bei einer anderen Windrichtung machen?“, fordert Gerhard Jost. Junge Familien mit kleinen Kindern, die Gartengeräte, Spielgeräte und vielleicht sogar das Kita-Gelände bekämen das Mittel ab. „Sicher ist Landwirtschaft wichtig, aber man kann auch gegenseitig Rücksicht nehmen“, so Jost. Er fordert den Dialog.

Mit Dialog ist aber nichts mehr. Als Gerhard Jost wieder einmal bei dem Landwirt anruft, führt das nirgendwo hin.

Landwirt sieht sich im Rahmen der Vorschriften

Der Landwirt selbst will mit der Sache nicht in Verbindung gebracht werden. Er sieht sich von dem Anwohner seit Jahren gegängelt. „Wir haben nichts Verbotenes gemacht“, sagt er über das Ausbringen des Pflanzenschutzmittels. „Wir bewegen uns komplett im Rahmen des Gesetzlichen.“

Aus Sicht des Landwirts ist die Geschichte andersherum: Seit Jahren beschwere sich der Anwohner über die Tätigkeit des Bauern. Er sieht sich sogar diffamiert und zieht schon eine Anzeige in Betracht.

Pflanzenschutzmittel und Bürgerinteressen unter einen Hut zu bringen – das Problem kennt auch der Bauernverband „Börde“, der Landwirte der Region vertritt. Laut Sprecher Christian Apprecht kein einfaches Thema: „Wenn Landwirte versichern, dass sie sich beim Pflanzenschutz an alle Gesetze halten, reicht das nicht aus, um Akzeptanz bei allen Mitbürgern zu finden.“ Der Bauernverband betreibt daher einiges an Aufklärung der Bevölkerung, stellt umfangreiche Infos zusammen und produziert sogar Videos.

Bauernverband empfiehlt Miteinander

Im Streitfall kann der Bauernverband nur zum Miteinander raten: „Sich vielleicht sogar gerichtlich gegen die Beschwerden zu wehren ist nicht zielführend. Der Dialog, der das Verständnis füreinander bildet, ist die bessere Lösung für Anwohner und Landwirt.“

Beschwerden von Anwohnern kommen auch beim Bauernverband hin und wieder an. Viele Landwirte ließen laut Bauernverband „Börde“ beim Pflanzenschutz Flächen direkt an Siedlungen aus, was aber auch nicht immer für Frieden sorge. „Dann gibt es andersrum Beschwerden, weil die Kartoffelkäfer vom Acker kommen, das Unkraut in den Garten aussamt oder die Rapsglanzkäfer über gelbe Tischdecken herfallen“, so Sprecher Apprecht.

Dass Pflanzenschutzmittel Gift enthält, streitet niemand ab. Giftig für die Schädlinge, unschädlich für alle anderen Organismen sollen sie sein. Der Einsatz wird mehrfach und streng überwacht (siehe Infokasten).

Landesregierung forscht jetzt nach

Gerhard Jost sieht sich mit seiner Meinung nicht allein. Auch seine Nachbarn würden sich von den heranwehenden Pflanzenschutzmitteln belästigt fühlen. Daher hat der Anwohner jetzt eine Petition beim Landtag eingereicht.

Das bestätigt die Petitionsausschussvorsitzende Christina Buchheim (Die Linke): „Bis zum 26. Juli muss die Landesregierung eine Stellungnahme zuarbeiten, der Petent bekommt eine Zwischeninfo und kann darauf reagieren.“ Frühestens im Herbst würden im Landtag wieder Petitionen wie diese behandelt werden.

Das zuständige Amt der Landesregierung hat bei dem Landwirt bereits nachgeforscht. Dieser hat laut eigener Aussage alles offengelegt. „Es gab nichts zu beanstanden und damit ist die Sache für mich erledigt.“ Für ihn ist das Ganze bloße Spinnerei.

Pflanzenschutzmittel  sorgen zuweilen für Konflikte.
Pflanzenschutzmittel sorgen zuweilen für Konflikte.
Foto: Verband