Naturschutz

Bauer in Hecklingen klagt über zu viele Wildschweine

In Hecklingen sollen Sauen und Co. vor einem Wolfsschutzzaun nicht Halt machen. Der Fall ist paradox. Denn eigentlich dürfen die Tiere gerade jetzt verstärkt gejagt werden. Erschwerend hinzu kommt, dass über allem ein Streit hängt.

Von Nora Stuhr
Der Boden auf den Hecklinger Salzwiesen ist aufgewühlt.
Der Boden auf den Hecklinger Salzwiesen ist aufgewühlt. Foto: Steffen Pullwitt

Hecklingen

In Hecklingen gibt es Ärger. Ein Landwirt beklagt sich über zu viele Wildschweine auf Flächen, die er vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) seit vielen Jahren gepachtet hat und um deren Pflege er sich kümmert. Alles in allem geht es um rund 30 Hektar Land. Der Unmut von Steffen Pullwitt, so heißt der Mann, richtet sich gegen Jäger in Hecklingen. Diese schießen die Schweine zwar, aber Pullwitt meint, dass sie das nicht richtig machen.

Die Sache hat einen paradoxen Haken. Denn Schwarzkittel dürfen in diesem Jahr sogar verstärkt gejagt werden. Das Land Sachsen-Anhalt zahlt sogar eine Abschussprämie von 65 Euro pro Tier. Damit soll die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest verhindert werden.

Doch auf den Salzwiesen – so heißt das Naturschutzgebiet in Hecklingen – sind trotz der Prämie, dem Landwirt zufolge, mehr Tiere als sonst unterwegs. „Die Schweine nehmen überhand“, ist Pullwitt verärgert.

Auch weil ein angrenzendes Feld, das ein anderer Landwirt bestellt, geschützt werde, seine Wiesen aber nicht, meint er.

Für ihn steht sicher fest, dass Wildschweine die Verwüstung anstellen. Er berichtet von Hinterlassenschaften – Kot, Spuren, aufgewühlte Erde.

Außerdem, sagt er, machen Keiler und Co. vor seinem Wolfsschutzzaun nicht Halt. Diesen hat das Wolfskompetenzzentrum des Landes Sachsen-Anhalt vor einigen Jahren bezahlt. Jetzt werde er immer wieder umgeschmissen.

Die Mitglieder der Hecklinger Jagdpachtgemeinschaft wollen sich öffentlich zu den Anschuldigungen nicht äußern.

Nach Volksstimme-Informationen bejagen die Hecklinger Jäger derzeit verstärkt Wildschweine, um sie unter anderem von Feldern und Ställen einer Mastanlage fernzuhalten, die es in Hecklingen gibt. Denn krankes oder infiziertes Schwarzwild ist eine Gefahr für die Hausschweine. Bekannt ist auch, dass Probleme zwischen den beteiligten Fronten des aktuellen Streits nicht das erste Mal entfacht sind.

Das soll auch an der Art und Weise, wie mit den Beschuldigten „geredet“ wurde, gelegen haben. Das sei kein sachlicher Ton, sagen sie sinngemäß. Von lautstarken Drohungen ist die Rede. Geredet wird derzeit nicht mehr. Die Kommunikation zwischen den Parteien läuft schriftlich ab.

Kommunikation nur noch schriftlich

Pullwitt hat die Jäger in einem Brief (liegt der Redaktion vor) aufgefordert, ihre Hochsitze von den Wiesen zu nehmen. Vier Stück, sagt er auf Nachfrage, stehen dort „eigentlich schon immer.“ Außerdem teilt er den Mitgliedern in dem Schreiben mit, dass die „Jagd auf seinen Flächen eine untergeordnete Rolle spielt.“

Er räumt den Jägern eine Frist bis zum 20. Mai ein. Bis dahin sollen sie „alle Hochsitze und Fütterungen aus seiner Fläche selbst entfernen.“

Pullwitt, teilt mit, „dass das Anfüttern auf seinen landwirtschaftlichen Flächen untersagt ist.“ Er droht zudem die Kanzeln selbst und kostenpflichtig für die Jäger wegzunehmen, sollte seiner Aufforderung nicht nachgekommen werden.

Pullwitt hat jetzt selbst Vertreibungsmittel eingesetzt – einen bestimmten Duftstoff ausgesetzt – um seine Wiesen zu schützen.

Im Hecklinger Rathaus ist der Streit bekannt. Bürgermeister Uwe Epperlein (Wählergemeinschaft Hecklingen) kann im Moment aber auch nicht schlichten. „Wir haben mit dem Pächter gesprochen“, sagte er gestern.

Es müsse eine Einigung herbeigeführt werden, um die Emotionen herunterzufahren. Nach Auskunft des Bürgermeisters „steht in dem Streit Aussage gegen Aussage“. Die Jäger würden die Anschuldigungen zurückweisen, so der Rathauschef sinngemäß.

Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) kann zu der ganzen Angelegenheit auf Anfrage der Volksstimme noch keine Auskunft geben. Der Fall müsse geprüft werden, teilt eine Sprecherin mit. Roland Panter aus der Pressestelle Berlin verweist auf den Landesverband Sachsen-Anhalt. Die Antwort auf Anfrage des Salzlandkuriers wurde versendet, blieb bis gestern aber offen. Telefonisch sind die Mitarbeiter aufgrund der Corona-Pandemie im Büro derzeit nicht erreichbar.

Auch Cochstedter Jäger schießen Schwarzwild

Die Naturschutzbehörde des Landkreises prüft den Fall derzeit und hat eine Information für Anfang der kommenden Woche zugesagt.

Bleibt zu fragen, was andere unbeteiligte Jäger zum Thema Wildschweine und Anfüttern zu sagen haben. Christian Brune aus Cochstedt erklärt sich bereit, allgemein Auskunft zu geben. „Anfüttern heißt in der Jägersprache kirren. Schweine werden an eine Stelle gelockt, um sie zu erlegen“, erklärt er. Eigentlich werde das mehr in der kalten Jahreszeit betrieben. Darüber hinaus gebe es aber auch noch einmal Gelegenheit im Frühjahr und im Sommer. „Das nennt sich Ablenkungsfütterung“, so Christian Brune.

Und das werde eingesetzt, um Sauen „aus brisanten Ackerflächen fernzuhalten.“ Kirrmengen seien gesetzlich vorgeschrieben. Es dürfe nicht mehr ausgebracht werden, als die Sauen über Nacht aufnehmen können. Mais und Weizen würden unter anderem ausgelegt. Auch Brune bestätigt, dass Jäger im Moment verstärkt Schweine jagen, um die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest aufzuhalten.

Seiner Information nach ist unsere Region noch nicht betroffen, es werde aber präventiv gehandelt. „Wir versuchen das Schwarzwild so weit wie möglich runter zu schießen“, bestätigt Brune. Brune erzählt, dass im Moment eine spezielle Nachtsichttechnik genutzt werden darf. „Wärmebildvorsatzgeräte wurden explizit für die Bejagung von Schwarzwild erlaubt“, so der Jagdfreund.

Wildschweine werden derzeit in Sachsen-Anhalt verstärkt bejagt, um die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest zu verhindern.
Wildschweine werden derzeit in Sachsen-Anhalt verstärkt bejagt, um die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest zu verhindern.
Foto: Lino Mirgeler/dpa