Selbsttest

Corona: Neue Situation für alle

Redakteurin Franziska Richter hat sich auf Anraten ihrer Kollegen wegen eines Ägypten-Urlaubs auf Corona testen lassen.

Staßfurt l Sonntagabend: Der Kollege will einen Tipp für seinen Urlaub. Wie nett! Ich schickte ihm gleich Namen und Adresse meines Hotel per WhatsApp, wo ich vor zwei Wochen im Urlaub war. Als Antwort kommt aber die Meldung über den Deutschen, der am 8. März in einem Krankenhaus in Ägypten gestorben ist. Genau in der Urlaubsregion Hurghada, wo ich bis 23. Februar war.

Montagmorgen: Ich schreibe meiner Schwester, die mit mir im Urlaub war und in Sachsen auch als „Schwester“ in einer Arztpraxis arbeitet. Im Gegensatz zu Sachsen-Anhalt werden die Arztpraxen dort schon seit Wochen bombardiert mit Schutzanzügen, Tests, Mundschutz und täglich neuen Informationen. „Na aber, du hast doch kein Fieber?“, schreibt sie mir. Ich soll aber doch mal mit meinem Arzt telefonieren.

Montagabend: Wenn ich so drüber nachdenke – gut geht es mir eigentlich nicht. Im kalten Deutschland nach der Rückkehr aus dem 25 Grad warmen Ägypten gleich wieder erkältet, die Woche danach Wärmegefühl, Kopf- und Bauchschmerzen, Atembeschwerden. Aber kein Fieber!

Dienstagabend: Ich versuche mich in der Selbstdiagnose und informiere mich auf der Webseite vom Robert-Koch-Institut, die der Salzlandkreis auf seiner Seite verlinkt hat. Ein Steckbrief für Ärzte zeigt, dass es drei Szenarien gibt, die auf Verdachtsfälle von Corona hinweisen können. Man muss weder unbedingt Fieber haben noch in einem Risikoland gewesen sein. Ich wäre also Szenario Nummer 3: „Akute respiratorische Symptome mit oder ohne Fieber bis maximal 14 Tage vor Erkrankungsbeginn“. Plus der Aufenthalt in Ägypten! Das ist zwar kein Risikogebiet (das sind aktuell Italien, Iran und Regionen von China, Südkorea und Frankreich), aber es steht auf der Liste der „Regionen mit Covid-19-Fällen“.

Mittwochmorgen: Auch wenn mein Fieberthermometer stur bei seinen 36,2 Grad bleibt, rufe ich jetzt doch bei der Hotline des Salzlandkreises an, nur um mich beraten zulassen. Das Gesundheitsamt ist unter (03471) 6842 684 von 8 bis 18 Uhr erreichbar (ab Montag dann sogar bis 20 Uhr). Wie sich später herausstellt, sitzen dort Mitarbeiter an sieben Telefonen, die pausenlos klingeln.

Ein fröhlicher Mann geht ran. Ich berichte von meinen Symptomen, ohne Fieber, und meinem Urlaubsziel. „Wenn Sie in Ägypten waren, besteht durchaus ein Grund für einen Test.“ Schwupps hat er meinen Namen und meine Adresse erfasst. Jetzt bin offiziell auf der Liste der Verdachtsfälle. Mist, was hab ich mir nur dabei gedacht! Mir ist die Sache peinlich, reden doch alle von „Panikmache.“

„Alle Arztpraxen in Staßfurt führen den Test durch“, erklärt der Mitarbeiter vom Gesundheitsamt am Telefon. Ich soll mich gleich bei meinem Hausarzt melden, der auch gleich erfasst wird. Wie bitte soll mein Hausarzt sofort den Test durchführen? Bei den langen Schlangen im Wartezimmer? Der Mitarbeiter vom Gesundheitsamt sagt: „Melden Sie sich bitte zurück, wie Sie weiter vorgehen und teilen Sie uns auch das Ergebnis morgen mit.“

Also Anruf bei meinem Hausarzt. Bei der Schwester Yvonne am Telefon ist mir mein Anliegen peinlich, ich schiebe erstmal alles auf die Kollegen. Denn sehr viele in meinem Umfeld glauben noch immer nicht an eine Epidemie. In sozialen Netzwerken geht es um die „Grippetoten“, die auch niemanden interessiert hätten.

Die Schwester nimmt die Sache ernst und eilt mit dem Telefon ins Sprechzimmer von Dr. Heller. Er erklärt mir, dass die Kassenärztliche Vereinigung (KV) seine Praxis überhaupt noch nicht ausgestattet hat mit Schutzanzügen, Masken etc. Den Test darf eigentlich nur eine Klinik in Halle und eine Praxis in Magdeburg durchführen. Ich frage noch am selben Tag bei der KV an, warum das so ist.

Wie bitte? Ich muss nach Halle fahren? „Es gibt natürlich noch die Möglichkeit, dass ich vor die Praxis komme und Sie den Abstrich selbst machen“, räumt der Doktor ein. Das Labor kommt um 11 Uhr. Ich soll 10.45 Uhr an der Praxis sein und vorher anrufen.

10.45 Uhr parke ich dort und rufe vom Auto aus an. Wie nah kann ich jetzt rangehen? Ich schleiche mich bis zum Treppengeländer heran und schaue unsicher um mich. Jetzt kommt der Doktor heraus, in voller Montur. „Es tut mir so leid, Herr Doktor“, rufe ich ihm entgegen. „Alles gut, lieber auf Nummer sicher gehen“, sagt er. Wir stehen uns gegenüber. Er erklärt mir den Abstrich, den ich in zwei Ausführungen machen soll, – dass ich das Stäbchen tief in den Rachen einführen und mit Speichel versehen soll.

Jetzt frage ich den Doktor aus. „Sie sind die Einzige bisher“, sagt er. Es hätten zwar einige Patienten angerufen, die konnten aber ausgeschlossen werden. Vor lauter Aufregung schaffe ich es nicht, das Stäbchen ins Röhrchen zu schieben, der Doktor übernimmt. „Morgen Mittag müsste das Ergebnis da sein.“ Ich bekomme eine Krankschreibung, die alle Verdachtsfälle vorsorglich für sieben Tage bekommen. Die kann ich aber beim Negativbefund morgen wieder rückgängig machen.

Also Quarantäne für heute! Als Vorsichtsmaßnahme, falls das Ergebnis morgen doch positiv sein sollte. „Du bleibst jetzt erstmal zuhause“, sagt mein Chef. „Wenn wir jeden Tag Corona hoch und runter schreiben, müssen wir selbst ganz sauber vorgehen.“ Ich verschiebe meine Termine und arbeite von zuhause aus.

Ich konferiere mit Kollegen und Freunden und komme in Erklärungsnot: Wenn ich wirklich Corona aus Ägypten mitgebracht habe, wie kann ich dann verantworten, jeden Tag ins Büro gegangen zu sein? Bei Terminen vielleicht noch jemanden angesteckt? Meine Freundinnen getroffen, Verabredungen ausgemacht!

Um 11 Uhr ruft das Gesundheitsamt schon wieder auf meinem Handy an. Der nette Herr nimmt alles auf und meint: „Na dann bleiben Sie jetzt erstmal zuhause und machen einen schönen Mittagsschlaf.“ Wir müssen beide lachen.

Donnerstagvormittag: „Du kannst arbeiten gehen“, ruft die Schwester fröhlich durchs Telefon. Kein Corona! Ein Glück! Die Dame vom Gesundheitsamt, die ich nun anrufe, wünscht mir alles Gute und bedankt sich für die Rückmeldung.

Allerdings will mein Verlag auf Nummer sicher gehen. Intern musste mein Fall schon gemeldet werden. Für die Personalabteilung war ich am Mittwoch offiziell krankgeschrieben, auch wenn das nur eine Vorsichtsmaßnahme war. „Wir brauchen den Negativ-Befund, nur um auf der sicheren Seite zu sein“, sagt mein Chef. Hoppla! Bis ich den habe, arbeite ich weiter von zuhause aus.

Donnerstagnachmittag: Ich fahre zur Praxis. Die Schwester, wie immer mit einem Lächeln auf den Lippen, nimmt den Papierkorb mit vertraulichem Schreddermaterial zur Hand und fängt an zu suchen. Die Praxis ist anders als mein Arbeitgeber nicht der Auffassung, dass man den Befund noch gebraucht hätte. „Wäre der Test jetzt positiv verlaufen, wäre dein Fall automatisch dem Gesundheitsamt gemeldet worden“, erklärt mir die Schwester. „Daher auch damals deine Unterschrift zur Datenschutzerklärung, damit wir solche Informationen an die Behörden weitergeben können.“

Freitagmorgen: Ich darf wieder ins Büro. Was ist eigentlich mit meiner Frage an die Kassenärztliche Vereinigung, die ich am Mittwoch herausgeschickt habe? „Wir arbeiten noch daran“, sagt der Sprecher Bernd Franke am Telefon. Fragen wie die Ausstattung für die Arztpraxen werden jetzt erst erarbeitet. Und wie habe ich das zu verstehen, dass die Arztpraxen die Tests auf SARS-CoV-2 eigentlich gar nicht durchführen sollen? „Es ist alles gerade erst in Klärung“, sagt der Sprecher. Offenbar muss der Test zwischen den Arztpraxen und Kliniken und der KV noch rechtlich geregelt werden. Es ist eben alles neu, für alle.