Heidemarie Rüchardt spendet die Schaffnerinnen-Arbeitskleidung ihrer Mutter

Die Staßfurter "Chlorodontschaukel" hat wieder eine Schaffnerin

Von Karolin Aertel

Seit knapp einem Monat hat Staßfurt wieder eine Straßenbahn. Auch wenn die "Chlorodontschaukel", wie sie bis heute liebevoll genannt wird, nur zur Ansicht bestimmt ist, erinnert sie doch an die Historie der einst bedeutungsvollen Industriestadt. Seit gestern hat die Bahn sogar einen Fahrgast - eine Schaffnerin in originaler Arbeitsuniform.

Staßfurt l Viele Jahre lag die Uniform der VEB Kraftverkehr Staßfurt auf dem Dachboden von Heidemarie Rüchardt. Lediglich zum Karneval wurde sie herausgeholt. Einst trug das schwarze Kostüm Heidemarie Rüchardts Mutter, Gerda Migge. Die Löderburgerin arbeitete von 1955 bis 1957 als Schaffnerin in der Staßfurter Straßenbahn, ehe sie nach deren Einstellung im Busverkehr tätig war. Die Uniform sei aber die selbe gewesen, erklärt Heidemarie Rüchardt. Lediglich die sogenannten Spiegel (Abzeichen) waren andere. Auf ihnen habe später VEB Kraftverkehr gestanden.

Uniform soll nicht dem Verfall preisgegeben werden

Seit gestern kleidet die Uniform nun eine schlanke, blonde Schaufensterpuppe mit adrettem Kurzhaarschnitt. Sie präsentiert das durchaus modische Outfit in dem restaurierten Straßenbahnwaggon, der Ende September als technisches Denkmal vor dem ehemaligen Depot am Athenslebener Weg eingeweiht wurde. Über den Schultern trägt die Puppe eine lederne Tasche, in der ein Fahrkartenmäppchen steckt. Beides sind Originale, die einst Gerda Migge gehörten.

"Meine Mutti würde sich sicher darüber freuen, dass ihre Uniform im kleinen Straßenbahmuseum zu sehen ist", glaubt Heidemarie Rüchardt zu wissen. Sie habe das Kostüm, das von den Bekleidungswerken Zwickau stammt, eigentlich als Andenken an ihre Mutter aufbewahrt. Allerdings wolle sie nicht, dass es länger auf dem Dachboden verstaubt.

Der Erinnerungen an ihre Mutter tut dies keinen Abbruch. Gern denkt sie daran zurück, dass sie in ihrer Kindheit etliche Runden bis nach Hecklingen gefahren ist - einfach nur des Fahrens wegen. Auch erinnert sie sich gern daran, dass abends immer das Geld gezählt wurde, das ihre Mutter erstmal mit nach Hause brachte, ehe sie es am nächsten Tag abgab. Gerade mal 20 Pfennig habe eine Fahrt gekostet.

"Meine Mutter hat gern als Schaffnerin gearbeitet", weiß sie. Auch wenn der Lohn nicht reich machte, was ein alter Lohnzettel aus dem Jahr 1963 - als Gerda Migge schon im Busverkehr tätig war - beweist. 389,99 Mark sind darauf händisch eingetragen.

Den Lohnzettel stellt Heidemarie Rüchardt der Nachwelt zur Verfügung und hofft, dass sich noch mehr Staßfurter finden, die die Straßenbahn mit Erinnerungen füllen. "Toll wäre, wenn sich beispielsweise eine Lochzange von damals auftreiben lassen würde."