Straßenbahn Staßfurt

Hilfe für Chlorodontschaukel

Der Staßfurter Geschichtsverein, die Stadtwerke und die Urania werben für die Restaurierung der historischen Straßenbahn.

Von Daniel Wrüske 09.09.2016, 17:12

Staßfurt l Imposant steht der fast 100 Jahre alte Straßenbahnwagen auf dem Hof der Stadtwerke. Am Athenslebener Weg grüßt er die Staßfurter und ihre Gäste und erinnert an ein Stück spannende Stadtgeschichte. Doch der Pionier des Nahverkehrs in der Salzstadt kränkelt. Die in die Jahre gekommene „Chlorodontschaukel“, wie die Straßenbahn einst liebevoll wegen ihrer Werbeaufschrift genannt wurde, benötigt unbedingt eine Frischekur. Drei starke Partner haben sich jetzt zusammengetan, um die Restaurierung und ihre Finanzierung in Angriff zu nehmen: der Geschichtsverein, die Urania und die Stadtwerke. „Wir nutzen den Tag des offenen Denkmals, der bundesweit das öffentliche Interesse für das kulturelle Erbe wecken will, um offiziell den Startschuss für die Erneuerung unserer Straßenbahn in die Wege zu leiten“, sagt Heinz-Jürgen Czerwienski vom Geschichtsverein. „Wir wollen über die Straßenbahngeschichte in der Stadt informieren und über die wichtigen Maßnahmen, die jetzt zum Erhalt nötig sind.“

Auf den ersten Blick mutet die Bahn recht passabel an. Doch der Eindruck täuscht, wie Heinz-Jürgen Czerwienski weiß. „Als die Straßenbahn nach Staßfurt kam, wurden einige Stellen der Karosse und das Dach repariert. Letztlich bekam die Bahn ihren Anstrich, der sich an den historischen Vorbildern orientiert.“ Alles in Eigenregie. Der Triebwagen TW 20 stand zuletzt in Naumburg. Volker Schulz, der damalige Geschäftsführer der Stadtwerke, die ihren Sitz in den alten Elektrizitätswerken und im Depot der Bahn haben, war Ideengeber dafür und initiierte gemeinsam mit dem Geschichtsverein die Rettung. Als er in den Ruhestand ging, sammelte er bei seiner Verabschiedung Geld. In der Bevölkerung wurde die Aktion ideell und finanziell unterstützt. 2010 kam der Wagen in Staßfurt an, wurde ertüchtigt und fand seine Aufstellung bei den Stadtwerken. „Bisher wurden viele Führungen hier durchgeführt, bei denen man die Staßfurter Straßenbahngeschichte erleben konnte“, sagt Heinz-Jürgen Czerwienski. Die Hobbyhistoriker haben Daten dazu auf Tafeln zusammengefasst.

Jetzt wird deutlich, es gibt größere Schäden. Echte Expertenhand ist gefragt. „Viele Stellen an der Karosse müssen behandelt werden: ausspachteln, schleifen, farbmäßig erneuern.“ Große Probleme, so Heinz-Jürgen Czerwienski gebe es bei den Fenstern. „Die Fenstergummis – kein Wunder nach fast 100 Jahren – sind marode und undicht.“ Es handele sich um spezielle Gummis mit besonderem Profil. „Die Lieferung wäre möglich bei Abnahme einer Menge, die wir nicht brauchen und bei Finanzierung des Werkzeuges. Also nicht bezahlbar.“

Volker Schulz hat bei einem Verein in Halle ein Angebot erhalten, die den Gummiwechsel vornehmen würden. „Wir müssten dann nur noch die Rostschäden im Fensterbereich bearbeiten.“ Die Kosten dafür liegen in etwa 3500 Euro, dazu kommen dann die Kosten an der Karosse mit etwa 2000 Euro. „Und wir rechnen mit den Nebenkosten, eventuell für eine Rüstung – alles in allem also mit Gesamtkosten von 6500 Euro“, sagt der Experte aus dem Geschichtsverein.

Hilfe aus der Bevölkerung ist also notwendig. Zum Denkmaltag wollen Urania, Stadtwerke und Geschichtsverein um Hilfe werben und laden alle Interessenten ein, einen Blick in den Wagen zu werfen und ein bisschen Staßfurter Straßenbahn-Luft zu schnuppern. Ein besonderer Höhepunkt wird Sonntag zudem die Übergabe von Bau- und Fotounterlagen von der Sanierung des Bereiches Stadtmauer, Wehrtürme und Rondell aus der Zeit von 1990 bis 2000 sein. Also Termin für das Wochenende jetzt vormerken: Sonntag, 11. September, ab 9 Uhr Führungen und Vorträge, gegen 11.30 Übergabe der Unterlagen.