Gespräch mit Christian Jung, Flussbereichsleiter im Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft Schönebeck

Hochwasser wird alle bisher bekannten Ausmaße übertreffen

Als ein "so noch nie dagewesenes Hochwasser" bezeichnet Christian Jung, Flussbereichsleiter des Landesbetriebes für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft in Schönebeck, die Flut, die bevorsteht. Zur derzeitigen Situation sprach mit ihm Volksstimme-Redakteur Olaf Koch.

Volksstimme: Was macht die Situation in diesem Fall so dramatisch?

Christian Jung: Es ist die Wetterlage mit den erheblichen Regenmengen, die wir in Ost- und Süddeutschland und in Tschechien in dieser Form noch nie erlebt haben. So eine Menge ist wirklich selten. Und bis zum Montagnachmittag hat es in ganz Tschechien noch immer geregnet.

Volksstimme: Das heißt, dass der Scheitel der Elbe noch gar nicht zu erwarten ist?

Christian Jung: Richtig, das steht uns alles noch bevor. Der Scheitel ist noch lange nicht durch.

Volksstimme: Ist die Situation jetzt im Juni 2013 dramatischer als vor elf Jahren im August 2002?

Christian Jung: Ohne Panik zu machen: Ja. Wir erwarten ein Extrem-Hochwasser, was alle bisher bekannten Ausmaße übertreffen wird. In Usti nad Labem wurde beim Jahrhunderthochwasser 2002 ein Höchststand von 10,82 Meter gemessen. Jetzt werden dort bereits 11,20 Meter prognostiziert. Und es wird keinen schnellen Abfluss geben.

Volksstimme: Auch die Regenfälle in Sachsen und Thüringen wirken sich mit Verzögerung auf die Gebiete zwischen Saale und Elbe aus. Die Nachrichten von dort sind auch keine guten ...

Christian Jung: Das stimmt. Das Wasser in den Flüssen aus dem Süden wird zu uns in neuen Dimensionen kommen. Nachdem der langanhaltende und ergiebige Regen dort jetzt nachgelassen hat, werden die Wassermengen langsam berechenbar.

Volksstimme: Im Unterschied zum Jahrhunderthochwasser an der Elbe vor elf Jahren war die Saale damals beherrschbar. Dies stellt sich jetzt anders dar. Wie ist die Situation derzeit dort?

Christian Jung: Ähnlich dramatisch wie an der Elbe, dort ist bereits die Alarmstufe 3 ausgerufen. Die Saale wird von den Flüssen Pleiße und Weiße Elster gespeist, die beide ebenfalls Hochwasser haben. Das bedeutet, dass der Pegel der Saale weiter ansteigen wird.

Volksstimme: Welchen Pegel können Sie für die Saale in Calbe voraussagen?

Christian Jung: Es werden sicherlich einige Dezimeter über neun Meter werden - also 9,20 Meter bis 9,30 Meter.

Volksstimme: Das Wasser aus Tschechien, aus Sachsen und aus Thüringen sowie der erhebliche Zufluss der Saale dürften dann auch für die Elbe für ein neues Rekordhochwasser sorgen?

Christian Jung: Davon ist auszugehen, es wird mehr werden als im Jahr 2002. Ich rechne grob geschätzt vorerst mit 7,50 bis 7,55 Meter. Zum Vergleich: Zum Jahrhunderthoch- wasser im Jahr 2002 wurde am Pegel Barby 7,01 Meter gemessen.

Volksstimme: Wenn der Pegel womöglich gut einen halben Meter höher stehen wird als im Jahr 2002, halten die Deiche dem Wasser stand?

Christian Jung: In unserem Flussbereich sind Deich alle ertüchtigt und standsicher. Das kann ich mit aller Deutlichkeit sagen. Die Deiche sind kein Schwachpunkt.

Volksstimme: Die werden also nicht brechen?

Christian Jung: Herr Koch, das vorherzusagen kann ich auch nicht. Das ist wie mit der Rente: Theoretisch müsste alles klappen ...

Volksstimme: Eine große Unbekannte in der Rechnung ist sicherlich der Grundwasserspiegel?

Christian Jung: Davon ist auszugehen. Nach den ergiebigen Regenfällen der vergangenen Wochen steht das Grundwasser sehr hoch. Damit wird es auch schnell zu Drängwasser im Hinterland kommen. Das ist im Übrigen auch ein Unterschied zum Jahrhunderthochwasser 2002. Damals hatten wir geringere Grundwasserstände als heute.

Volksstimme: Sind Menschen und Sachwerte in Gefahr?

Christian Jung: Jene Menschen, die an den Flüssen, in der Nähe von Deichen und in der Nähe von Überschwemmungsbereichen wohnen, wissen Bescheid und haben Erfahrung. Das betrifft unter anderem das Gebiet Pappeldamm bei Calbe sowie Elbenau, Grünewalde und Ranies.