Literatur

Neues Buch: Kindheitserinnerungen aus Güsten

Bereits seit 1972 lebt Rudi Schnabel nicht mehr in Güsten. Doch seine Kindheit und die frühen Erwachsenenjahre in der Ränzelstecher-Stadt beschäftigen ihn bis heute. Jetzt hat er ein Buch darüber geschrieben.

Von Enrico Joo
Rudi Schnabel hat bis 1972 in Güsten gelebt.
Rudi Schnabel hat bis 1972 in Güsten gelebt. Foto: Schnabel

Güsten - Der kleine Rudi konnte nichts sehen. Also kletterte er am Zaun so weit hoch, dass der Kopf fast im Himmel war. Endlich konnte er über den Zaun schauen. Auf dem Platz vor dem Bürgerhaus in Güsten, in dem heute unter anderem ein Hotel und ein Restaurant sind, haben die FDJler Volleyball gespielt. Rudi schaute fasziniert zu, passte nicht auf, bekam den Schmetterball an den Kopf und landete im hohen Bogen in der stinkenden Gosse. „Das stank“, sagt er heute. „Das lief links und rechts durch die Straßen und in den Ratsteich hinein.“

Die Gosse gibt es nicht mehr. Zum Glück. Aber die Erinnerung ist noch frisch bei Rudi Schnabel. Er wurde 1946 in Güsten geboren und hat seine Kindheit in den 1950er und 1960er Jahren hier verbracht. So hat sich auch die Geschichte am Bürgerhaus in den 1950er Jahren abgespielt. Sie ist eine der Geschichten, die den Weg in ein Buch von Rudi Schnabel gefunden haben. Es heißt: „Vom Mittelpunkt der Welt und andere wichtige Ereignisse.“

In seinen Geschichten geht es um Aszlu, Stoppel und deren Freunde, die in „Guddenstein“, einem kleinen Städtchen in Anhalt, ihre Schulzeit erleben. Das Städtchen ist für sie der Mittelpunkt der Welt. Was sie auch wissenschaftlich beweisen wollen.

Wie autobiographisch ist das? „Total autobiographisch“, erzählt Schnabel, der heute in Eggersdorf wohnt. Aber nicht im Bördeland, sondern bei Berlin. Die Figuren im Buch haben einen realen Hintergrund, die Namen sind aber verschlüsselt und entstellt.

Es ist sein viertes Buch, aber das erste über Güsten. „Ich habe mehr als zehn Jahre daran gearbeitet. Ich habe Leute im Umfeld gehabt, die gesagt haben: Das ist Blödsinn. Wer soll das alles lesen?“, so Schnabel. Ein Verlag aus Oschersleben lehnte es ab, sein Buch zu verlegen. Über einen Verlag, der Autoren hilft, die ihre Bücher selbst veröffentlichen wollen, konnte er das Buch jetzt doch auf den Markt bringen.

Buch seit Mittwoch auch in Güsten im Handel

Seit Mittwoch ist sein Buch auch in Güsten in der Bilderwerkstatt in der Bahnhofstraße 5 erhältlich. Dort liegen 20 Exemplare. Das Buch ist aber auch bei Amazon, epubli, Thalia, Hugendubel und Ex Libris gelistet.

Noch immer ist Rudi Schnabel regelmäßig in Güsten. Seine Mutter hat bis 2016 hier gewohnt. Seine Schwester lebt noch immer in der Kleinstadt. „Landschaftlich bin ich ja froh, woanders zu wohnen. Alles Flachland, nur Büsche in der Magdeburger Börde. Das gefällt mir nicht“, sagt er. „Aber ich fand es immer gut, dass es nur zwölf Kilometer bis Aschersleben und 20 Kilometer bis in den Harz sind.“ Im Vergleich zu heute seien auch viele Gebäude in Güsten in einem ärmlichen Zustand gewesen.

Und heute? „Güsten hat sich verändert. Es ist viel abgerissen und neugebaut worden“, so Schnabel. Mit Wehmut blickt er zum Beispiel auf die alte Post oder den Bahnhof. Beides ist sehr sanierungsbedürftig. Früher war Güsten ein Eisenbahnknotenpunkt. Heute verfällt das Bahnhofsgebäude. „Es ist leider in einem schrecklichen Zustand“, sagt er. Schnabel verfolgt über das Internet natürlich auch Neuigkeiten aus seiner Heimatstadt. So war er zum Beispiel „sauer“, dass das alte Landambulatorium gegenüber der alten Kita und der jetzigen Interims-Grundschule im Jahr 2012 abgerissen wurde. „Das Haus wäre schützenswert gewesen.“

Querverweise zur Corona-Zeit

Aber freilich hat er auch positive Gefühle, wenn er an Güsten denkt. „Ich habe gute Erinnerungen an eine beschützte Kindheit“, sagt Schnabel. „Für uns war es keine andere Zeit. Wir haben das Beste daraus gemacht.“ Bis zur achten Klasse ist er in Güsten zur Schule gegangen, danach wechselte er zur Erweiterten Oberschule (EOS) nach Staßfurt.

Auch an die Salzstadt hat er also viele Erinnerungen. „Ich kann mich noch daran erinnern, wie beim Schiefen Turm von Staßfurt mit einem Hubschrauber aus der Luft Bauarbeiter abgelassen wurden, die die Steine abgeklopft haben.“ Unten wurden die Steine dann herausgetragen. Der Schiefe Turm war natürlich der 60 Meter hohe Kirchturm der alten Johannis-Kirche. Durch die Senkungen in der Innenstadt von Staßfurt war dieser zuletzt 4,65 Meter aus dem Lot. Er wurde wegen Sicherheitsbedenken im Jahr 1965 abgerissen. Wie Hunderte andere Gebäude in der Staßfurter Innenstadt.

Und: Vielleicht kann man aus dem Buch von Rudi Schnabel auch etwas lernen. So gibt es in seinem Buch über Güsten auch eine Geschichte aus dem Jahr 1956. „Da gab es im Winter richtigen Frost. Es gab keine Kohlen mehr und die Schule war zu“, erzählt er. „Kälteferien“, nennt er das heute. „Wir mussten die Hausaufgaben in der Schule abholen, sie zu Hause lösen und wieder hinbringen.“ Wer da Querverweise zur Corona-Zeit entdeckt, liegt völlig richtig. „Schon damals gab es Quarantäne und wir wussten, wie das zu regeln ist“, sagt Schnabel.

Rudi Schnabel ist aber nicht nur Schriftsteller. In seiner Freizeit malt er auch, viel mit Acryl. Einige Zeichnungen sind auf einer Weltreise entstanden, die er halb in Corona-Zeiten gemacht hat. Zusammen mit seiner Frau machte er sich Anfang Januar 2020 auf die Reise. Als Mitte März Corona zuschlug, waren alle Ausflüge gestrichen und das Schiff schipperte nur noch von Hafen zu Hafen. So lag das Schiff zum Beispiel im australischen Sydney, nur betreten konnten die Passagiere den australischen Boden nicht. Genauso war es in Sri Lanka und Indien.

Aber zurück zum Buch „Vom Mittelpunkt der Welt und andere wichtige Ereignisse“. Wenn alles gut läuft, dann wird Rudi Schnabel im August nach Güsten kommen. „Am Wochenende 21./22. August ist ein Tag der Offenen Tür der Ränzelstecher geplant“, erzählt Schnabel. Da wird der Autor aus seinem Buch lesen.

Fast 70 Jahre lag der „Guddenstein“ auf der Seite.  Im April wurde der Monolith wieder aufgestellt.
Fast 70 Jahre lag der „Guddenstein“ auf der Seite. Im April wurde der Monolith wieder aufgestellt.
Zeichnung: Rudi Schnabel