Gesundheit

Salzlandkreis: Personalflucht bei Ameos?

Nach Einigungen bei Arbeitsbedingungen für einen Manteltarifvertrag kritisiert die Kreistagsfraktion der Linken massiv den Krankenhausbetreiber Ameos. Sie werfen diesem vor, eine Personalflucht auszulösen und fordern mehr Kontrollmöglichkeiten.

Von Enrico Joo 18.07.2021, 18:37 • Aktualisiert: 19.07.2021, 08:36
Die Personalsituation bei Ameos bleibt angespannt.
Die Personalsituation bei Ameos bleibt angespannt. Foto: Enrico Joo

Staßfurt/Schönebeck - Der Krankenhausbetreiber Ameos lässt keinen Zweifel daran, dass die Personalsituation angespannt ist. Nicht nur wegen Corona ist der Fachkräftemangel bei Ärzten und Pflegekräften groß. Solche Probleme gibt es vermehrt in vielen Krankenhäusern, auch außerhalb des Salzlandkreises bei kommunalen und anderen privaten Krankenhäusern.

Die Kreistagsfraktion der Linken wirft Ameos nun vor, mehr als andere Kliniken eine Personalflucht auszulösen. „Die vorweihnachtlichen Kündigungen im Dezember 2019, die Blockadehaltung der Krankenhausleitung in den Tarifverhandlungen und während der Streiks und nicht zuletzt der Umgang mit dem extrem belasteten Personal in der Pandemie haben eine Personalflucht ausgelöst“, schreibt die Linke in einer Pressemitteilung.

Auch der seit 1. Juli geltende Manteltarifvertrag habe wenig geändert. Es fehle an der Wertschätzung des Personals. „Ameos hat die Attraktivität als Arbeitgeber und Ausbildungsplatz verspielt“, heißt es. „Zahlreiche Ausgründungen und sogenannte Zentralisierungen hinterlassen ihre Spuren.“ Vor dem Hintergrund einer möglichen „vierten Corona-Welle“ wäre die medizinische Versorgung im Salzlandkreis in Gefahr.

38 Kündigungen im Krankenhaus Schönebeck?

Ein Mitarbeiter am Schönebecker Krankenhaus zeigt dabei mit Zahlen, dass die Situation angespannt ist. Demnach habe es im Januar 2020 noch 206 bei Ameos angestellte Pflegekräfte in Schönebeck gegeben. Jetzt wären es im Juli 2021 nur noch 168 Vollkräfte. 38 Mitarbeiter hätten gekündigt. Ersatz habe es für keinen Mitarbeiter gegeben. Vor Januar 2020 habe es extrem selten Kündigungen gegeben.

„Es gibt einen starken Mitarbeiterschwund. Nicht nur bei uns, aber die Streiks und die Tarifgespräche haben diesen bei Ameos verstärkt“, sagt er.

Auch im Klinikum Aschersleben-Staßfurt heißt es vom Betriebsrat: „Es hat vermehrt Kündigungen gegeben im Pflegebereich.“ Seit dem 1. Juli habe es 100 Überlastungsanzeigen aus dem Pflegebereich gegeben. Kumuliert seit dem 1. Januar wären es 873.

Ameos teilt auf Anfrage mit: „Die Zahlen aus dem Ameos Klinikum Schönebeck können wir nicht bestätigen“, so Sprecherin Maren Brandt. „Verwehren müssen wir uns gegen den Vorwurf, Personalflucht zu betreiben. Dies gilt insbesondere für das Ameos Klinikum Schönebeck, in dessen Zukunft wir aktuell über 30 Millionen Euro investieren.“

Trotzdem: Die Personalsituation ist angespannt. „Die Fluktuationsrate in Ameos Ost entspricht der aktuellen generellen, das heißt auch überregionalen Entwicklung im Gesundheitswesen“, so Brandt. Es gebe viele Mitbewerber. Die Pandemie habe die Situation nochmals dramatisch verändert. „Sicherlich haben sich im Jahr 2020 einige Mitarbeitende entschieden, die Ameos-Gruppe zu verlassen und das Ergebnis der sehr gut verlaufenden Tarifgespräche nicht abzuwarten. Dies bedauern wir und stellen uns als Arbeitgeber gerne und erfolgreich der Herausforderung, mit allen uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, offene Stellen schnellstmöglich zu besetzen.“

Zeitarbeitskräfte füllen Personallücken

Um noch genügend Pflegepersonal vorhalten zu können, muss Ameos auf Zeitarbeitskräfte zurückgreifen. „Wir können bestätigen, dass wir, wie viele andere Unternehmen im Gesundheitsbereich auch, neben den geläufigen Recruiting-Maßnahmen kurzfristig auch den Weg über das Personalleasing beziehungsweise die Zeitarbeit suchen, um Stellen kurzfristig zu besetzen“, so Ameos-Sprecherin Brandt. Die externen Zeitarbeiter kommen für eine bestimmte Zeit und wenn Bedarf ist.

Akut wäre laut Volksstimme-Informationen zum Beispiel die Situation in Schönebeck. Hier gebe es mittlerweile 20 bis 30 Pflegekräfte aus Zeitarbeitsfirmen. „Die hat es vor Januar 2020 nicht gegeben“, sagt ein Mitarbeiter.

„Zeitarbeit tritt verstärkt seit drei bis vier Jahren in fast allen Krankenhäusern auf“, sagt Bernd Becker von Verdi. „Das Problem ist, dass die Mitarbeiter deutlich teurer sind.“ Es käme vor, dass diese bis zu 1000 Euro mehr verdienten. „Oft machen sie keine Nachtschichten, arbeiten nicht am Wochenende. Das führt zu Verwerfungen im Krankenhaus“, so Becker. Die gut ausgebildeten Arbeitskräfte könnten sich fast das Krankenhaus aussuchen.

Für die Linken im Salzlandkreis gibt es eine weitere Baustelle: Bei Problemen gibt es kaum Möglichkeiten einzugreifen. „Wir haben nichts in der Hand“, sagt Ralf-Peter Schmidt, UBvS-Vertreter für die Linken im Kreistag. Die kürzlich erfolgten Stationsabmeldungen wären der Anlass gewesen, in die Kommunikationsoffensive zu gehen. „Das System ist kaputt“, so Schmidt. Es brauche neue Gesetze. Land, Landrat und Kreistag müssten aktiv werden. Sanktionen und eine andere Kommunikation müssten möglich sein.

Bisher gibt es aber kein Gesetz, das dem Salzlandkreis erlaubt zu intervenieren. „Nach unserem Kenntnisstand hat die derzeit noch geschäftsführende Gesundheitsministerin, Frau Grimm-Benne, einige Tage vor der Landtagswahl erklärt, dass man das Landeskrankenhausgesetz novellieren wolle“, so Kreissprecherin Marianne Bothe. „Das begrüßen wir natürlich ausdrücklich und hoffen, in den damit verbundenen Prozess auch einbezogen zu werden.“