Corona

Plötzlicher und schneller Tod

Ein 59-jähriger Mann aus Staßfurt infiziert sich im Dezember mit Corona und stirbt kurz darauf. Wie die Familie die Erkrankung erlebt hat.

Staßfurt l Hans-Jürgen* sieht friedlich aus. Mit einem leichten Lächeln schaut er direkt in die Kamera. Die linke Hand ruht auf seinem Bein, mit der rechten hat er den Gehstock umklammert. Neben ihm auf der Bank sitzt seine Frau Claudia*. Es ist Frühling. Hinter dem Ehepaar blühen die Bäume. Es ist wohl einer dieser ersten warmen Tage im Jahr, an dem die Vögel um die Wette zwitschern und Glückshormone durch den Körper gehen.

Das Bild aus dem Mai 2020 steht im Wohnzimmer, es ist eines der letzten aufgenommenen Bilder des Ehepaars. Viele weitere Bilder stehen daneben. Überall Hans-Jürgen, der mit seinem süffisant wirkenden Lächeln den Betrachter auffordert, zurückzuzwinkern. Mit diesem Mann könnte man wohl Pferde stehlen. Eine gute Seele, die mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg hält. Ein Mann, der geradeaus denkt und handelt.

Doch Hans-Jürgen ist tot. Er wurde nur 59 Jahre alt. Der Mann, der mit seiner Frau im Raum Staßfurt gelebt hat, starb im Dezember im Schönebecker Krankenhaus. Hans-Jürgen war an Covid-19 erkrankt und ist einer der mittlerweile 145 Menschen, die im Salzlandkreis nach der Infektion mit dem Coronavirus gestorben sind. Bei Hans-Jürgen kam der Tod schnell und plötzlich. Er wollte kämpfen, er wollte zurück zu seiner Frau, seine zwei erwachsenen Kinder wiedersehen. Aber alles ging so schnell, dass seine Frau sich kaum verabschieden konnte. Heute wohnt sie allein in einer 115 Quadratmeter großen Wohnung. Vollgestellt mit Büchern, Sammlerstücken, Bildern. Hans-Jürgen liebte Geschichte. Das ganze Wohnzimmer ist voller Bücher, selbst im Flur stehen Bücherschränke. Aber wohin damit jetzt? Wohin nur? Claudia weiß es noch nicht.

Hans-Jürgen hatte Vorerkrankungen. Chronische Bronchitis, Diabetes, Schlafapnoe, Schilddrüse, Galle. Die Liste der gesundheitlichen Probleme war lang. Immer war klar: Das Virus ist eine große Gefahr. „Mein Mann hat schon im Sommer 2020 gesagt: ‚Wenn ich Corona habe, sterbe ich‘“, erzählt Claudia. Das Ehepaar hat sich regelmäßig gegen die Grippe impfen lassen. Natürlich auch, weil beide wussten, wie gefährlich jede Krankheit sein kann.

Immer mal wieder hatte Hans-Jürgen kleinere Fieberanfälle, so auch an diesem Freitag Anfang Dezember. Weitere Symptome hatte er nicht. Zudem fühlte er sich schlapp. Nach dem Anruf bei der 116117 nahm Hans-Jürgen eine Fiebertablette, am nächsten Tag ging es ihm besser. Claudia fuhr zum Einkaufen, Hans-Jürgen legte sich ins Bett. Als sie wieder kam, war das Fieber wieder da. 38,5 Grad. Noch am gleichen Tag fuhr das Ehepaar an diesem Samstagabend zum Bereitschaftsarzt nach Schönebeck. „Die Ärztin meinte, es gebe einen unklaren Befund. Er müsse dabehalten werden“, sagt Claudia. Sie durfte ihrem Mann nur noch aus der Entfernung etwas zurufen, später brachte sie ihm seine Sachen. „Ich konnte mich gar nicht richtig verabschieden.“

Am Sonntagmittag war der Corona-Test ausgewertet: Positiv. Hans-Jürgen wurde verlegt. Er war schlapp, fühlte sich krank, wurde behandelt, aber noch nicht beatmet. Er war ansprechbar, telefonierte jeden Tag mit seiner Frau. So war es auch am Mittwoch geplant. Seit dem Montag lag er auf der Intensivstation. „Er rief mich sonst immer zwischen 8 Uhr und 8.30 Uhr an“, erzählt Claudia. „Weil er nicht angerufen hatte, rief ich ihn an. Er rief 9 Uhr zurück.“ Die Nacht ging es ihm schlecht, er hatte mit der Luft zu kämpfen. „Wie schlimm es war, hat er nicht gesagt.“ Dafür sagte er, dass er ins künstliche Koma versetzt werden sollte. „Der Chefarzt sagte, die Lunge sei angegriffen, es sähe schlecht aus. Die Lage sei ernst. Das habe ich aber nicht wirklich für vollgenommen.“

Das letzte Mal gesehen hat Claudia ihren Mann am gleichen Tag, als sie am Vormittag noch einmal in der Klinik vorbeischaute. Da sah sie ihn nur noch aus der Entfernung. Angeschlossen an Geräte, aber immer noch ansprechbar. „Ich sagte noch, er soll kämpfen.“ Claudia weint. Hans-Jürgen sagte, sie solle dem Kater einen Kuss geben, dann fuhr sie wieder nach Hause. „Mein Mann hat mal zu mir gesagt: ‚Ich werde nicht alt‘. Ich habe das abgetan.“

Zwischen 13.30 und 13.45 Uhr rief der Chefarzt an. Hans-Jürgen war um 13 Uhr verstorben. Die Reanimationsversuche waren misslungen. „Ich habe nur gesagt: ‚Nein‘. Ich wollte es nicht glauben“, sagt Claudia. Am Ende hatte die vorgeschädigte Lunge einfach nicht mehr mitgemacht. Sofort danach musste sein Leichnam ins Krematorium gebracht werden. Claudias Kinder kümmerten sich um die organisatorischen Dinge, obwohl sie selbst unter Schock standen.

Hans-Jürgen war im Ort engagiert, beteiligte sich im Heimatverein als Chronist. Früher arbeitete er als Polizist, bevor er in Altersteilzeit ging. Die vergangenen fünf Jahre war er dann komplett im Ruhestand und genoss das Leben. Mit seiner Frau reiste er viel. Burgen, Schlösser. Das Ehepaar schaute sich die schönsten Bauwerke in ganz Deutschland an. Manchmal fuhren die beiden nur für drei Tage weg. Neuschwanstein, Dresden, Potsdam. „Wir waren überall in Deutschland“, sagt Claudia. Und auch wenn er da manchmal Probleme mit der Gesundheit hatte: Die Kraft reichte immer für Besichtigungen. „Wir hatten noch so viel vor. Wir wollten in diesem Jahr eine Frankreich-Reise machen oder eine Schweiz-Reise.“ 36 Jahre waren die beiden verheiratet.

Wie und wann sich Hans-Jürgen infiziert hat, weiß Claudia bis heute nicht. „Corona ist eine sehr heikle Sache. Er war sehr korrekt, hat immer OP-Maske getragen, im Auto war Desinfektionsspray.“ In der Woche vor seinem Tod war Hans-Jürgen noch zur Physiotherapie und beim Arzt. Ob er sich dort trotz aller Vorkehrungen infiziert hat? Möglich. „Das Virus ist so gefährlich“, sagt Claudia. Es ist ein Appell an die Mitmenschen, aber auch eine traurige Erkenntnis. Der Tod kann unerwartet kommen.

Claudia hatte sich am Montag – zwei Tage vor Hans-Jürgens Tod – selbst beim Arzt testen lassen. Da war sie noch negativ. Trotzdem blieb sie zu Hause. Am Freitag wurde sie erneut getestet. Jetzt hatte auch Claudia Symptome, sie hatte Fieber. Samstag kam das Ergebnis: Positiv. „Ich hatte mir das schon gedacht“, sagt Claudia. Sie hatte Husten, fühlte sich schlapp. Und war in Sorge, weil auch sie mal eine schwere Lungenentzündung hatte. „Wenn ich von der Couch zur Toilette wollte, war das eine Brockenwanderung“, erzählt sie. Sie bestellte sich schwerere Medikamente, Stück für Stück wurde es von Tag zu Tag besser. Kurz vor Weihnachten war sie dann negativ getestet. Sie blieb aber weiter in Quarantäne bis Anfang Januar und ist immer noch krank geschrieben.

In der Not zeigt sich auch, wer ein wahrer Freund ist. Da ist zum Beispiel die Nachbarin, die ein paar Häuser entfernt wohnt. Jeden Morgen stand sie 8 Uhr am Fenster und erkundigte sich bei Claudia, kaufte für sie ein in der Quarantäne-Zeit, weil die Kinder leider doch weiter weg wohnen. Wie geht es ihr? Wo kann man helfen? Heute noch drehen die beiden jeden Tag eine Runde, versuchen beim Spaziergang auf andere Gedanken zu kommen. Natürlich ist Hans-Jürgen da auch Thema. Aber nicht immer. Und natürlich kümmerten sich die beiden Kinder, die ihren Papa verloren haben, um ihre Mama. Jeden Tag telefoniert Claudia jetzt mit ihrem Sohn, mit dem sie früher einmal im Monat telefoniert hat.

Beerdigt wurde Hans-Jürgen in der zweiten Januarwoche. Nur seine Frau und die beiden Kinder waren dabei. Mehr war wegen der Kontaktbeschränkungen nicht möglich. „Es war aber passend, dass es eine Beerdigung im kleinen Rahmen war“, sagt Claudia. „Das hätte ihm gefallen.“

Das Grab befindet sich im Friedwald in Elbenau bei Schönebeck. Im Mai 2020 hatten sich Hans-Jürgen und Claudia einen Baum gekauft, unter dem beide beerdigt werden wollten. Claudias Platz ist schon reserviert. Auch die Kinder könnten sich dort beerdigen lassen. Wenn sie es wollen.

„Er wollte das schon lange mal angehen. Im Mai hat er dann zu mir gesagt: ‚Jetzt müssen wir uns mal darum kümmern‘. Als hätte er eine Vorahnung gehabt.“ Eine Hainbuche wurde ausgewählt, der Baum für 97 Jahre und über 5000 Euro gekauft. Einen halben Meter hinter dem Baum befindet sich die Urne in der Erde. Hier ruht Hans-Jürgen. „Ich bin geboren, ich habe gelebt und ich bin gestorben.“ Das wäre ein passender Spruch am Grab. Denn Hans-Jürgen hatte einen trockenen Humor, war grundehrlich und sehr direkt. „Ich bin umgezogen.“ Das wurde auch als Grabesspruch erwogen. „Das hätte gepasst“, sagt Claudia.

Claudia will nächste Woche wieder arbeiten gehen. „Es muss ja irgendwie weiter gehen. Ich muss versuchen, in den Rhythmus zu kommen. Ich muss versuchen, mich abzulenken.“ Wieder hat sie Tränen in den Augen. Aber sie will stark sein. Das hätte auch Hans-Jürgen so gewollt. Draußen scheint die Sonne. Claudia will noch schnell etwas essen. Gleich klingelt es. Die Nachbarin wartet für die tägliche Spazierrunde. Raus in die Natur und ans Wasser. „Sie ist eine Freundin für mich geworden“, sagt Claudia.

*Der Volksstimme sind die echten Namen und der Wohnort bekannt. Die Familie bat um Anonymität.