FriedhöfeStaßfurter Bestatter sind sauer: „Wir werden ignoriert“

Drei Staßfurter Bestattungsunternehmen treten jetzt an den Stadtrat heran und ziehen sogar eine Klage in Betracht. Sie erklären erneut, warum sie das Ausheben der Urnengruften in Zukunft nicht übernehmen. Die Stadt ignoriere ihre Argumente.

Von Franziska Richter Aktualisiert: 22.06.2021, 10:00
Die drei Staßfurter Unternehmen können  sich nur wiederholen, wenn es um das Urnenbegräbnis geht. Ralf Kahle (links) von ?Pietät?, Anke Ziebell und Ralf Witschaß (rechts) vom ?Bestattungshaus Kaiser? und Uwe Wetterling vom ?Bestattungshaus Wetterling?.
Die drei Staßfurter Unternehmen können sich nur wiederholen, wenn es um das Urnenbegräbnis geht. Ralf Kahle (links) von ?Pietät?, Anke Ziebell und Ralf Witschaß (rechts) vom ?Bestattungshaus Kaiser? und Uwe Wetterling vom ?Bestattungshaus Wetterling?. Foto: F. Richter

Staßfurt - „Uns wird einfach nicht zugehört“, sagt Ralf Kahle. Der Geschäftsführer von „Pietät“ hat die Verantwortlichen der Bestattungshäuser Kaiser und Wetterling in seine Geschäftsräume geladen und wiederholt denselben Pressetermin, der bereits vor genau einem Jahr stattfand. Die Bestatter wiederholen: Nein, wir können das Ausheben der Urnengruften nicht für die Stadt übernehmen, wie es jetzt von uns verlangt wird und es am Donnerstag im Stadtrat beschlossen werden soll.

Runde im Rathaus hat Bestattern nichts gebracht

In dem einen Jahr, das nun vergangen ist, gab es ein Gespräch mit der Stadt und neulich auch zwei Sitzungen des Stadtrats, wo es um das Thema ging. „Wir drei Bestattungsunternehmen haben damals in der Runde mit dem Oberbürgermeister im Rathaus deutlich gesagt, dass wir das Ausheben der Urnengruften nicht leisten können. Zwei Firmen, die hier ab und an mal tätig sind, haben allerdings zugesagt“, erklärt Uwe Wetterling. Der Bestatter hatte das Gefühl, mit einer Wand zu reden: „Unsere Argumente werden bis heute ignoriert. Man will die eigene Entscheidung einfach durchsetzen.“ Die Bestatter würden quasi gezwungen werden, eine Aufgabe zu übernehmen, die bisher Stadtmitarbeiter durchführen.

„Die Art und Weise, wie ein Oberbürgermeister uns gegenübertritt und unsere Meinung einfach wegwischt, ist unpassend und keine Kommunikationsgrundlage“, sagt Anke Ziebell, die mit Ralf Witschaß das Bestattungshaus Kaiser leitet. „Man hatte sich bereits intern eine eigene Meinung gebildet, die nun gelten soll. Uns Unternehmen so etwas vorschreiben zu wollen, ist ein Unding.“

Kürzlich wurde bei der Sitzung des Finanzausschusses des Stadtrats deutlich, dass auch Kommunalpolitiker die Aufgabe bei den Bestattern sehen wollen. Stadt und Oberbürgermeister führten weitere Argumente an. Danach hätten die Bestatter in einem schlechten Licht gestanden, als wären sie zu bequem für die Arbeit.

„Es ist nicht nachvollziehbar, wie vom Oberbürgermeister und Teilen der Stadtverwaltung Stimmung gegen drei Traditionsunternehmen gemacht wird“, sagt Ralf Witschaß. „Wir sind seit drei Jahrzehnten in Staßfurt tätig und zahlen Steuern. Wir können Respekt und Anerkennung von der Stadt erwarten.“

Die Stadtverwaltung hatte sich aus Hecklingen und Egeln Zahlen zuarbeiten lassen und führte bei der Sitzung an, wie oft welches der drei Unternehmen dort eine Urnengruft ausgehoben hat. „Diese Zahlen zu veröffentlichen, ist nicht nur eine Frechheit, sondern auch ein Verstoß gegen den Schutz von Geschäftsgeheimnissen“, meint Uwe Wetterling. „Ich dachte eigentlich, dass sich eine Verwaltung an solche grundlegenden Dinge hält.“

85 Prozent der Aufträge in Staßfurt und Ortsteilen

Dabei hinke der Vergleich mit Hecklingen und Egeln, wo man vor Jahren den Bestattungsinstituten genauso ungefragt das Ausheben der Urnengruften übergeholfen habe. Dort fällt das Ausheben der Urnengruften ein bis zwei Mal pro Monat an. „Aber 85 Prozent unserer Bestattungen finden in Staßfurt und Ortsteilen statt. Unser hauptsächliches Tätigkeitsfeld liegt hier“, so Ralf Kahle. In Staßfurt und Ortsteilen kann es täglich Bestattungen geben. Auch der Vergleich mit Aschersleben sei „plump“ wenn man die Bedingungen vor Ort nicht kenne.

Für Urnengruften fehlt Personal und Zeit

Warum das Ausheben der Urnengruften so ein Aufwand ist, verstehe man nur aus dem Arbeitsalltag der Firmen heraus. „In einem kleinen Unternehmen mit zwei bis drei, auch vier, Mitarbeitern sind im Regenfall zwei Mitarbeiter stets unterwegs, um Verstorbene abzuholen und Behördengänge zu erledigen. Parallel finden in den Geschäftsräumen Gespräche mit Angehören statt“, erklärt Anke Ziebell.

Damit bleibe kaum ein Mitarbeiter übrig für die Extra-Touren zu den Friedhöfen, wo die Urnengruften an einem anderen Tag als der Bestattung ausgehoben werden müssen. Das kann durchaus aufwendig sein, je nach Lage, Jahreszeit, und Boden. Außerdem kommt nach der Beisetzung der Transport von Blumen und Grabschmuck aus der Kapelle zur Urnenstelle dazu, was bisher auch die Stadtmitarbeiter übernehmen. „Die Folge ist also, dass wir Personal aufstocken müssten“, so Ralf Kahle. Hier braucht es kompetente Mitarbeiter, die die Bestatter seit Jahren nicht finden.

„Hinzu kommt, dass ich mit der Friedhofsverwaltung einen Termin organisieren muss, damit mir die Urnengrabstelle gezeigt wird“, so Ralf Kahle. Das schnell und flexibel zu organisieren, sei kaum machbar.

Doppelte Preise und längere Wartezeiten für Bestattung

Was passiert also, wenn sich kein Personal für die Extra-Aufgabe findet: „Dann ist die aktuelle Anzahl an Beisetzungen, die wir wöchentlich durchführen, nicht mehr möglich, weil diese Arbeiten Zeit wegnehmen“, schimpft Uwe Wetterling. „Dann müssen unsere Bürger längere Wartezeiten für Beisetzungstermine in Kauf nehmen. Das ist doch nicht Sinne der Sache.“

Am schlimmsten aber wären die Kosten, die die Bestatter auf die Angehörigen umlegen müssten. Die Stadt verlangt in der Kernstadt jetzt 150 Euro für das Urnengruftausheben. Firmen müssen eine Mehrwertsteuer berechnen. Wetterling rechnet mit 300 Euro insgesamt, wenn die Firmen den zusätzlichen Aufwand mit in Rechnung stellen müssten.

Dass es teurer für die Staßfurter wird, wolle aber keines der Unternehmen, erklären alle drei. Ralf Kahle: „Wir möchten den Hinterbliebenen keine zusätzlichen Kosten aufbrummen oder ihnen erklären müssen, dass es mit dem Begräbnis noch eine Weile dauert. Wir wollen nicht unnütz an ihnen verdienen, wenn es auch anders geht.“

Stadtrat soll Beschluss verhindern

Kurzum: Die Urnengruften sollten wie bisher Sache der Stadt bleiben. „Wenn die Stadtmitarbeiter während einer Beisetzung nichts zu tun haben, muss die Stadt das anders regeln“, so Ralf Kahle. Die Staßfurter Friedhöfe seien weitläufig genug.

Die drei Bestattungshäuser kontaktieren derzeit alle Fraktionen des Staßfurter Stadtrats und versuchen den Beschluss zu verhindern. An diesem Donnerstag nämlich soll der Stadtrat die neue Regelung inklusive anderer Neuerung für alle Friedhöfe beschließen.

Ralf Kahle sagt auch: „Ich bin mittlerweile soweit, dass ich gegen so einen Beschluss klagen würde.“ Er rechnet sich gute Chance aus, weil das Friedhofswesen eine kommunale Aufgabe ist. „Auslagern von Leistungen an private Unternehmen ist möglich, aber nur bei freiwilliger Bereitschaft der Unternehmen.“