Lebenserfahrung

Wie ein Pfarrer ganz gut mit Marxismus-Leninismus und „skeptischen Staßfurtern“ klarkommt

Pfarrer Thomas Weigel wollte 1982 unbedingt nach Staßfurt und hat auch die Mentalität hier lieben gelernt

Von Falk Rockmann
Wenn Pfarrer Thomas Weigel Zeit hat, fährt er gern Rad. Auch wenn es durchaus mehr geeignete Radwege geben könnte. Oder der heute 70-Jährige arbeitet an seinem ?Dauerprojekt?, der Erweiterung der ?Geiss'schen Chronik? von 1834, für die er noch eine geeignete Druckerei sucht. Weigel trug dafür noch 200 Kurzbiografien zusammen von Menschen, die in Staßfurt wirkten ? vom schwedischen General Banér beispielsweise bis zu Bergingenieur Hering, der sich um den Verkauf der Saline bemühte. Gern erinnert sich der Geistliche auch an die Zeit mit dem Laientheater Lampenfieber und da insbesondere an das Stück ?Jedermann?, wobei Thomas Weigel Regie führte.
Wenn Pfarrer Thomas Weigel Zeit hat, fährt er gern Rad. Auch wenn es durchaus mehr geeignete Radwege geben könnte. Oder der heute 70-Jährige arbeitet an seinem ?Dauerprojekt?, der Erweiterung der ?Geiss'schen Chronik? von 1834, für die er noch eine geeignete Druckerei sucht. Weigel trug dafür noch 200 Kurzbiografien zusammen von Menschen, die in Staßfurt wirkten ? vom schwedischen General Banér beispielsweise bis zu Bergingenieur Hering, der sich um den Verkauf der Saline bemühte. Gern erinnert sich der Geistliche auch an die Zeit mit dem Laientheater Lampenfieber und da insbesondere an das Stück ?Jedermann?, wobei Thomas Weigel Regie führte. Foto: Falk Rockmann

Staßfurt

Sieben Jahre hat Thomas Weigel an der Karl-Marx-Universität studiert. Vielleicht unglaublich, aber selbst zu DDR-Zeiten wurde in Leipzig Theologie gelehrt. Inklusive Marxismus-Leninismus (ML) selbstverständlich.

Der Pfarrer im (Un-)Ruhestand erinnert sich gern an diese Zeit. „Ich bin stolz darauf. Es hat nicht geschadet“, schmunzelt Weigel, wenn er an die Streitgespräche mit den Professoren denkt. „Wir Theologen haben sie immer ,in den Sack gesteckt’.“ Die „Rote Woche“, in denen es verstärkt ML-Vorlesungen gab, habe er aber regelmäßig geschwänzt und eigene Veranstaltungen organisiert für sich und einige Kommilitonen. 14?Tage Klosterleben zum Beispiel.

Wir Theologen haben sie immer ,in den Sack gesteckt’.

Im Lebenslauf des gebürtigen Leipzigers erscheint einiges unglaublich. Seine Namensgebung zum Beispiel. Thomas hätten seine Eltern, beide Lehrer, bewusst gewählt. Nie und nimmer hätte sein Vater nämlich damit gerechnet, dass (der sprichwörtliche ungläubige) Thomas einmal Pfarrer werden würde.

Nach dem Abi 1969 ging’s auch erst mal seinen „sozialistischen Gang“ mit dem jungen Mann. Doch nach drei Semestern verabschiedete er sich vom Chemie-Studium. Am damaligen Zustand der Umwelt im Chemie-Dreieck habe es jedenfalls nicht gelegen, sagt Weigel. Die geistliche und die gesellschaftswissenschaftliche Lehre fesselten ihn schließlich mehr. Und halfen wohl nicht zuletzt auch, die gewaltigen Umbrüche zur Wendezeit zu verstehen und mitzugestalten. Dazu später mehr.

Man kann trotz verschiedener Ideologien und Glaubensrichtungen miteinander klarkommen und etwas bewegen.

Ein Credo von Thomas Weigel, der nie Gegner des Sozialismus’ war, wie er sagt: „Man kann trotz verschiedener Ideologien und Glaubensrichtungen miteinander klarkommen und etwas bewegen.“ Schließlich biete das Leben einen breit gestreuten Wertekanon, auf den man sich einigen könne. Ihm ist bewusst, dass diese Tatsache gerade ziemlich in Gefahr ist. „Aber ich denke nicht, dass wir in entscheidenden Fragen nicht einer Meinung sind.“

Weigel zeichnet aus, dass er nicht nachtragend ist, aber auch nicht vergisst, wie man so schön sagt. Gerade in den unruhigen Wendezeiten hatte er keine Berührungsängste, mit Andersdenkenden zu sprechen. Nach der Wende kam er auch mit ehemaligen Stasi-Leuten ins Gespräch. „Ja, ich habe auch eine Stasi-Akte, habe sie aber nie angefordert“, klingt es etwas erhaben.

Das wäre ein später Sieg der Stasi, wenn ich mich darüber aufregen würde.

Thomas Weigel will auch gar nicht wissen, wer ihn vielleicht angeschwärzt hat. „Das wäre ein später Sieg der Stasi, wenn ich mich darüber aufregen würde.“

Nein, Schwierigkeiten hat er nie gescheut. Insbesondere, wenn es um berufliche Dinge ging. Das fing bereits bei der Stellensuche nach seiner praktischen Ausbildung an, die er in Bad Dürrenberg genossen hatte. „Der Personaldezernent wollte mich eigentlich in die Industrie-Gemeinde Wolfen haben.“

Der Jungpfarrer schaute sich das vor Ort an. Das äußere Erscheinungsbild sei genauso schlimm gewesen wie Bad Dürrenberg. „Es war aber eine top Stelle. Eine Gemeinde mit hohem Anspruch, das Umfeld stimmte.“ Doch irgendwie hörte er von Staßfurt und dass es dort Probleme geben soll. „Da bin ich hellhörig geworden und fuhr hin.“

Thomas Weigel sieht noch das junge Vikar-Ehepaar vor sich, als er im Pfarrhaus von St.?Petri und Johannis in der Pastorgasse empfangen wurde – mit der dringendsten Bitte, doch hier zu bleiben.

Das Pfarrhaus sei in ebensolchem Zustand gewesen wie die Gemeinde. „Das Lehrlingspaar war einfach überfordert.“

Weigel blieb. Mit 31 Jahren auch noch recht jung, aber mit einer guten Schule von Bad Dürrenberg im Gepäck, wie er sagt. Als Beispiel nennt er sieben Christvespern, die er bereits feiern durfte, als eine Kollegin ausgefallen war.

Staßfurter Motto: Leben und leben lassen

Im Mai 1982 lernte er seine Astrid kennen. Im November heiratete er die Pfarrerstochter – in der Leopoldshaller Kirche übrigens, da die St.-Petri-Kirche zu jener Zeit nicht benutzbar war.

Nachdem Pfarrer Weigel 2016 (eigentlich) in den Ruhestand ging, übernahm er noch zahlreiche Vertretungen in umliegenden Gemeinden zwischen Meisdorf und Hamersleben und Calbe.

Und lernte noch einige andere, wenn auch ähnliche Mentalitäten zum Vergleich kennen. Die Staßfurter sei im Übrigen gar nicht so schlimm. „Man muss sich nur einlassen und sich nicht von der rauen Schale abschrecken lassen“, meint der heute 70-Jährige.

Hier gibt’s kaum Extre-me, sowohl politisch als auch in Glaubensfragen.

Für ihn habe Staßfurt jedenfalls einen gewissen Charme. Er habe mal über die Menschen hier gelesen, dass sie dem Motto „Leben und leben lassen“ folgen würden. Seine Erfahrung bestätige ihn: „Hier gibt’s kaum Extreme, sowohl politisch als auch in Glaubensfragen.“ Ja, die Leute seien sehr skeptisch. „Aber das finde ich gut, diese Haltung.“

Und es wohne sich sehr gut in Staßfurt, wo noch „starke Industriereste“ vorhanden sind, wo es ein „großes Angebot an Waren des täglichen Bedarfs gibt“. Weigels Frau bekommt dabei große Augen. Na, nicht Lebensmittel aus dem Supermarkt sind damit gemeint, sondern das Theater, der Tiergarten, Museen..., klärt er seine bessere Hälfte augenzwinkernd auf.

Da ging’s teilweise heiß her zu verschiedenen Themen.

Dass noch immer Mitglieder aus „seiner“ Staßfurter Gemeinde zu ihm kommen, das ist sicher auch ein Beweis, dass der gebürtige Sachse mit dem hiesigen Menschenschlag gut zurechtgekommen ist. „Wenn’s nach den Leuten ginge, würden sie ihn sicher gern stärker in Anspruch nehmen“, erfährt Weigels Frau noch immer, die als Gemeindepädagogin im Dienst ist.

Immerhin sei auch ein üblicher Wechsel der Pfarrstelle nach zehn Jahren nie Thema gewesen in der 32-jährigen Amtszeit. Astrid Weigel vermutet, dass vielleicht einfach niemand daran gedacht habe. Während der Umbruchzeiten gab’s eben anderes zu tun.

Leipziger Landsleute: Dieses Mal schaffen wir’s

Diese können die Staßfurter unbedingt mit einem sehr engagierten Pfarrer Weigel in Verbindung bringen.

„Ich war gerade in Frankreich, als ich von den ersten Montags-Demos im Fernsehen erfuhr“, erinnert sich Thomas Weigel.

Zurück zu Hause las er in der Zeitung vom Rücktritt Honeckers. Er nahm an Montags-Demos in Magdeburg und Leipzig teil, um für Staßfurt Erfahrungen zu sammeln – und war stark beeindruckt.

Von einer Begegnung mit Landsleuten auf den Straßen der Leipziger Innenstadt ist insbesondere der kurze Dialog in tiefstem Heimatdialekt hängengeblieben: „Wie Dreienfuffzsch!“ – „Ober diesmol schaff’n mir’s!“

Mit seinem katholischen Amtskollegen Peter Zülicke setzte Thomas Weigel in seiner Wahlheimat schließlich den Termin für die erste Montags-Demo fest, war dann maßgeblich an der Organisation von Diskussionsveranstaltungen beteiligt, die ein großes Echo in der Öffentlichkeit fanden. „Da ging’s teilweise heiß her zu verschiedenen Themen.“ Weigel saß mit am Runden Tisch.

Unter den späteren Re-gierungen ist diesbezüg-lich mehr passiert.

Er kann sich auch noch an den Besuch des kurzzeitigen und letzten DDR-Ministerpräsidenten Modrow erinnern, wobei die Staßfurter Delegation auf die Schwierigkeiten mit den Bergbaufolgen in ihrer Stadt aufmerksam machen wollte. „Unter den späteren Regierungen ist diesbezüglich mehr passiert“, blickt Weigel beispielsweise auf das Viertel um die St.-Petri-Kirche oder das Umfeld des heutigen Stadtsees. Eine noch pfiffigere Lösung wäre seiner Meinung nach die Einbeziehung der Bode gewesen. Aber er sieht natürlich auch die Notwendigkeit der Grundwasserhaltung im Bereich des einstigen Stadtzentrums.

Etwas bewegt? „Ein paar kleine Dinge“

Ob er etwas bewegt habe in Staßfurt gerade in jener bewegten Zeit? „Ein paar kleine Dinge“, befindet der heutige Jubilar. Ziemlich bescheiden.

Unbedingt zu erwähnen ist aber noch sein Engagement im Verein „Kinder von Tschernobyl“. Mehrmals begleitete Thomas Weigel nach der Reaktorkatastrophe Hilfstransporte nach Weißrussland. Einmal sogar mit einem Zahnarzt-Stuhl aus Staßfurt im Gepäck.

Ja, das seien auch beeindruckende Erlebnisse gewesen, wie die aus der Wendezeit. Am meisten beeindruckten ihn in seiner Dienstzeit aber die Osternächte, die man irgendwann begann zu feiern. Und natürlich die Taufen dabei. Mindestens eine jedes Mal in den etwa drei Jahrzehnten.

Die Bedingungen sind schwieriger geworden.

Ob er sich noch mal für die Berufung des Pfarrers entscheiden würde? Thomas Weigel wird nachdenklicher. Es habe sich sehr viel geändert. „Die Bedingungen sind schwieriger geworden. Jede Gemeinde will einen eigenen Gottesdienst feiern, die Mitglieder werden aber immer weniger.“ Das Studium sei aber „eines der schönsten, weil ziemlich breit angelegt“. Die Tochter der Weigels setzt die Theologen-Tradition fort.

Und wo fühlt sich der 70-Jährige heute am wohlsten? „Hier“ - breitet Thomas Weigel seine Arme aus. Damit sind wohl doch nicht nur die bequemen alten Stühle im Raum und das über 100-jährige Pfarrhaus gemeint.

Weigel ist noch immer gern in Bewegung – auf dem Rad durch die nahe Horst und an der Bode entlang, aber auch geistig. Als „Dauerprojekt“ beschreibt er eine Sammlung von Kurzbiografien. Der Menschenfreund ist dabei, zur „Geiss’schen Chronik“ aus dem Jahre 1834 Kurzbiografien hinzuzufügen. 200 an der Zahl. Alle haben etwas mit Staßfurt zu tun. Ob der schwedische General Banér im Dreißigjährigen Krieg oder der Bergbauingenieur Hering, der sich um den Verkauf der Saline bemühte.

Als schwierig erweist sich eigentlich nur die Suche nach einer geeigneten Druckerei, um das Vorhaben Neuauflage vollenden zu können.

Aber was ist das schon im Vergleich zu den Hürden, die der Jubilar gemeistert hat. Sei ihm noch recht viel Zeit bei guter Gesundheit gewünscht!