Heimatgeschichte

1016 Leichen wurden generalstabsmäßig beerdigt

Durch die Ermordung von über 1000 KZ-Häftlingen in der Isenschnibber Feldscheune, am 13. April 1945, gelangte Gardelegen zu trauriger Berühmtheit. Hier die Vorgeschichte, die Ereignisse um die Kapitulation der Stadt und das Massaker aus amerikanischer Sicht (Teil 9):

Von Friedrich-Wilhelm Schulz
Von amerikanischen Soldaten bewacht, mussten deutsche Zivilisten die Leichen zu den Gräbern tragen.
Von amerikanischen Soldaten bewacht, mussten deutsche Zivilisten die Leichen zu den Gräbern tragen. Foto: National Archiv Washington DC

Gardelegen - Die Beerdigung der ermordeten KZ-Häftlinge mussten männliche Zivilisten übernehmen. Darüber berichtete Gerhard Kühnemann:

„Mein Freund und ich wurden von der Straße weg, mit einem Jeep zur Feldscheune gebracht. Ich war gerade sechzehn Jahre alt geworden, mein Freund war es noch nicht einmal. Die Scheune besaß vier große Schiebe-Tore, vor denen sich im innern Leichenpyramiden bis zu einer Höhe von zwei Metern gebildet hatten. Die Kleidungsstücke schwelten nach Tagen noch, und die Verwesung hatte bereits ein Ausmaß angenommen, dass die Leichen teilweise auseinanderfielen, als wir sie zum Abtransport auf eine Bahre legten, die dann von vier Mann zu den inzwischen ausgehobenen Grabstellen getragen wurden, vorbei an einem unendlich erscheinenden Spalier von Fotoreportern.

Auch deutsche Uniformenlagen in der Scheune

Es mögen sechs Tage gewesen sein, die ich dabei war. Jeden Morgen geschlossener Abmarsch auf dem Marktplatz. Vorweg ein Panzerwagen und am Ende der Kolonne ebenfalls einer. Bis dann zum Abschluss die Holzkreuze getragen wurden. Es waren aber nicht nur Kreuze. Die Tischler der Stadt hatten auch eine Anzahl jüdischer Grabzeichen anfertigen müssen. (…) Wir sind in der Scheune sogar auf deutsche Uniformteile gestoßen. Sollten sie einem von denen gehört haben, die mit helfen mussten und sich weigerten?“

Diese Bergung und Umbettung nahm mehrere Tage in Anspruch. Mit bloßen Händen mussten die Männer die Leichen aus den Gräben und der Scheune bergen und in 1 016 Einzelgräber beisetzen. Es entstand eine Grabanlage nach dem Vorbild eines amerikanischen Soldatenfriedhofs. Jedes Grab wurde mit einem weißen Holzkreuz, teilweise mit Davidstern, versehen.

Die Anlage des Friedhofs erfolgte entsprechend der Anweisung FM 10-63 des Kriegsministeriums. Diese war am 15. Januar 1945 in einem Handbuch für die „Graves Registration“ veröffentlicht worden. In ihr ist genau beschrieben, wie zu verfahren ist, wie die Gräber anzulegen sind, bis zur Größe der Kreuze und des Davidsterns.

In dem G-1 Journal der 102. US-ID finden sich zum Massaker folgende Eintragungen (Auszüge): 17. April 18.50 Uhr: Telefonanruf bei Oberst Hasslinger. Er wurde gebeten, die Armee zu kontaktieren und von dieser ein Untersuchungsteam nach Gardelegen entsenden zu lassen, welches die dortigen Kriegsverbrechen untersuchen soll, (…) Unser JAG (Vorsteher der militärischen Justizbehörde der US-Streitkräfte) hat eine teilweise Untersuchung durchgeführt und verfügt über einige Fotos, eidesstattliche Erklärungen etc., die er dem Army-Team übergeben wird. (...)

18. April 8.30 Uhr: Oberst Chaille in Gardelegen zur Visite am Ort des Grauens, wo alliierte Gefangene verbrannt wurden.

10.45 Uhr: Major Miller in Gardelegen zur Visite am Ort des Grauens. (...)

20.40 Uhr: Telefonanruf bei Oberst Hasslinger: Bitte um Informationen, was die 9. Army im Zusammenhang mit der Untersuchung der Gräueltat bei Gardelegen derzeit unternimmt. Oberst Hasslinger sagte, dass ein Leutnant Weiss von der Army derzeit im Gebiet der 35. Division einen anderen Fall untersucht und auch den Fall Gardelegen untersuchen soll. (…)

Keine offizielle Bezeichnungfür den Friedhof

Anmerkung: Die 35. Infanterie-Division wurde am 14. April in einem Gewaltmarsch von der Ruhr in die Altmark verlegt und übernahm dort den Abschnitt der 30. ID. Am 13. April war in deren Bereich eine Aufklärungs-Patrouille vom 743. Panzer-Bataillon bei Farsleben-Zielitz auf einen Zug mit annähernd 2400 jüdischen KZ-Häftlingen aus dem KZ Bergen-Belsen gestoßen. Diese Häftlinge wurden zuerst in den umliegenden Gemeinden untergebracht und dann zur besseren Versorgung in die Kaserne der Heeresversuchsstelle Hillersleben verlegt, wo noch 143 von ihnen verstorben waren. In Farsleben fanden 32 ihre letzte Ruhestätte.

19. April 08.35 Uhr: Telefonanruf beim stellvertretenden Kommandeur des 327. Pionier- Kampf-Bataillon: Der Bürgermeister von Gardelegen soll dahingehend kontaktiert werden, dass genügend Zivilisten als Arbeitskräfte für die Beerdigung der verbliebenen Leichen am Ort der Gräueltat zur Verfügung gestellt werden. (…) Es sind alle Vorkehrungen zu treffen, damit gleich morgen früh mit den Beisetzungen begonnen werden kann.

18.55 Uhr: Mündlicher Befehl des Kommandeurs des Graves Registration: Die Vorkehrungen bezüglich des Pionierbataillons in Bezug auf die Bereitstellung von 200 deutschen Zivilisten für die morgige Beisetzung der Opfer der Gräueltat wurden getroffen. Es wird das Standardbeerdigungsverfahren zur Anwendung kommen. Nachdem alle Gräber belegt sind, sollen der katholische und der protestantische Militärpfarrer tätig werden. Oberst Chaille sagte, dass er eine entsprechende Vereinbarung mit dem Pfarrer der Division treffen werde (...)

19.20 Uhr: Telefonanruf beim Pfarrer der Division (Oberstleutnant Simmons). Es wird veranlasst, dass der katholische und der protestantische Militärpfarrer zu (,,,) tätig werden.

20. April 20.00 Uhr: Telefonanruf vom G-1, XIII. Korps (Oberst de Saussure) Anweisung der 12. Armee Gruppe bezüglich der Beisetzung der Opfer der Gräueltat.

21. April 15.40 Uhr: Oberst Chaille (…) besuchte (…) in Gardelegen die Begräbnisstätte der Opfer der Gräueltat. Der direkt zuständige Militär Government Officer meldete, dass rund 200 Zivilisten am heutigen Nachmittag mit Beisetzungen beschäftigt sind. Rund 500 wurden angewiesen, sich morgen früh zu melden. Er führt Aufzeichnungen mit den Namen aller Personen.

Hauptmann Johnson wurde angewiesen, für diese Arbeit keine Jungen unter 16 Jahren einzusetzen. Der Kommandeur des Graves Registration Zuges hat die Lageplanung der Grabstelen abgeschlossen. Er schätzt, dass weitere drei bis vier Tage dafür erforderlich sein werden. Er empfiehlt einen einzigen Gottesdienst nach Abschluss der Beisetzungen, anstatt täglicher Gottesdienste.

22. April 15.40 Uhr: (…) Der Kommandeur des Graves Registration Platoon erklärte, dass bereits etwa 175 Tote umgebettet wurden und dass bis zum Abend wahrscheinlich insgesamt 300 Tote umgebettet werden. Er schätzt, dass der Umbettungsauftrag erst Dienstagnachmittag erledigt sein wird.

Hauptmann Johnson erklärte, dass heute 500 Zivilisten beschäftigt waren und morgen weitere 250 angefordert werden. Er ist dabei, ein Verzeichnis aller Zivilisten, nebst Name, Anschrift und Beruf, zu erstellen, die ihre Arbeitskraft für das Projekt zur Verfügung stellen. Etwa 1000 Kreuze sind angefertigt worden und 500 wurden geliefert. Die Kreuze werden, nachdem sie aufgestellt wurden, weiß angestrichen und Hauptmann Johnson wird den Bürgermeister anweisen, den ganzen Friedhof mit einem weißen Lattenzaun einzufassen. Oberst Chaille soll den Wortlaut für ein Schild liefern, das gemalt und aufgestellt werden soll.

23. April 12.55 Uhr: (…) Oberst Chaille meldet Fortschritte bei der Beisetzung (…) und erwähnt, dass keine schriftliche Anweisung zur Bestätigung des mündlichen Befehls eingegangen ist. (…) Er wird versuchen herauszufinden, ob eine offizielle Bezeichnung für den Friedhof vorgesehen ist.

Zahl der Todesopfer wurdenach oben korrigiert

24. April 8.30 Uhr: Oberst Chaille (…) wurde darüber informiert, dass die Beisetzungen heute Nachmittag abgeschlossen werden. Insgesamt wird sich die Zahl der Toten auf knapp 1000 belaufen. Leutnant Carlson wird die genaue Gesamtzahl heute Abend der G-1 Dienststelle melden. (Oberst Chaille) wurde vom Kommandeur des Detachements informiert, dass das Verzeichnis mit den Namen der Menschen, die im Zusammenhang mit der Beisetzung der Opfer der Gräueltat eingesetzt wurden, fast vollständig erstellt ist. Er musste Männer aus der benachbarten Stadt holen, da die Zahl der Männer aus Gardelegen nicht ausreichte. Sockel (Tribüne, Gestell) und Altar sind fast fertiggestellt und werden morgen an Ort und Stelle sein. Die fünfzig jüdischen Grabmale (Davidstern) werden derzeit fertiggestellt.

17.10 Uhr: (...) Bezüglich des Schildes, welches auf dem Friedhof bei Gardelegen, auf dem die Opfer der Gräueltat beigesetzt werden, angebracht werden soll, hat sich Oberst de Saussure von höherer Stelle bestätigen lassen, dass keine bestimmte offizielle Bezeichnung des Friedhofs erfolgt. Oberst Chaille verlas die geplante Aufschrift, die Oberst de Saussure genehmigte (…).

24. April 23.15 Uhr: Bericht des Kommandeurs des Graves Registration: Die endgültige Gesamtzahl der am Ort der Gräueltat bei Gardelegen beigesetzten alliierten Kriegsgefangenen beläuft sich auf 1016. Die Umbettung wurde am heutigen Nachmittag abgeschlossen. Alles ist für die morgigen Gottesdienste bereit (…).

25. April 16.25 Uhr: (…) Es wurde bei Gardelegen ein Trauergottesdienst für 1016 alliierte Gefangene gehalten, die von ihren Wachen ermordet worden waren. In dem amerikanischen Abschlussbericht heißt es: „Hiermit wird bestätigt, dass 1016 Leichen auf dem Militärfriedhof in Gardelegen beigesetzt worden sind.“