Stendal l Um „Migration in der DDR“ sollte es eigentlich gehen. Ein Thema, das am vorigen Donnerstagabend nur einen sehr kleinen Kreis Zuhörer in die Stadtbibliothek Stendal zog. Hätte man gewusst, dass die eigentliche Referentin erkrankt war und nun kurzfristig die Magdeburger Schriftstellerin Renate Sattler einsprang, um über Migration und ihre Ursachen zu lesen und zu sprechen – wäre der Saal womöglich voller gewesen.

Innere Zerrissenheit

Denn die, die gekommen waren, um sich ja eigentlich mit einem Thema „von gestern“ zu befassen, waren schnell gefangen und emotional angestachelt von dem, was Renate Sattler aus dem Heute vortrug. In einer noch unveröffentlichten Geschichte erzählte sie zunächst vom Lebens- und Fluchtweg und der inneren Zerrissenheit eines Mannes aus West-Papua, der Jahre später aus dem Exil Niederlande in die alte Heimat zurückkehrt.

Noch heute erschrocken

„Wie die andere Seite tickt“, nämlich die der Vertreibenden, schilderte Sattler anhand eines Textes, der genau wie die vorige Geschichte auf wahren Begebenheiten basiert. Erschrocken ist Sattler noch heute, wie eine Geschichtsprofessorin in Istanbul vehement und „von Nationalismus so erfüllt“ die türkischen Massaker an den Kurden leugnet und stur behauptet, all die Leidensgeschichten und Fluchtschicksale seien erfunden: „Doch, doch, die Kurden lügen“, lässt Sattler die Frau in ihrem Text sagen.

Ein lyrisches Stück schloss sich an – eindrucksvoll führt Sattler darin die Zerstörung kulturgeschichtlicher Stätten durch Terromilizen wie den Islamischen Staat vor Augen. Verse wie „Der Schrei assyrischer Steine weht durch die Wüste“ oder „Es stürzen Säulen, Tore, Bögen“ trägt sie eindringlich vor.

Texte entfachen Disput

Drei Texte – sie gaben den Impuls für eine Diskussion, die in ihren manchmal ausufernden und abschweifenden Dimensionen nur zu gut widerspiegelte, dass die Flüchtlingsthematik keine ist, die man mal eben an einem Abend allumfassend ergründen könnte. Die Zusammenhänge, die Ursachen waren allen klar – Stichworte hierzu: Zerstörung von Lebensgrundlagen wie Bodenschätzen, Natur, Dorfstrukturen; Vertreibung indigener Bevölkerung; Waffenlieferungen. Und alles zugunsten des westlichen Wohlstands. Die Politik gerät an diesem Abend an den Pranger – da sind sich alle einig.

Doch auch das Engagement, die Empathie von Seiten der Bevölkerung hierzulande sei, wenn auch zwar nur ein kleiner Mosaikstein, so doch auch sehr wichtig, bot eine Zuhörerin ein Gegengewicht zur allgemeinen düsteren und aufgebrachten Stimmung an.

Fragezeichen bleiben

Eines zeigte der Abend in all seiner Empörung und Konfusion der Gedanken ganz deutlich: Die Menschen haben Redebedarf, wollen einbezogen werden. Die Geschehnisse in der Welt gehen nicht unbeachtet an ihnen vorüber – sie wühlen auf, regen auf und hinterlassen vor allem viele Fragezeichen.

Fragezeichen, auf die auch Renate Sattler zuweilen nur mit Kopfnicken reagieren konnte, weil es ihr selbst oft so zu gehen scheint, dass sie sich hilflos fühlt, aber trotzdem manchmal am liebsten wie ein Riese aufstehen würde und die Politiker am Schlafittchen packen, um sie wachzurütteln.

In ihren Texten tut sie es – ob sie die Beachtung finden, die sie müssten, weiß man nicht. Aber es bleibt zu hoffen.