Stendal l Drei Jahre hat sie an der Pariser Universität Sorbonne Deutsch studiert, hat viel in dieser Fremdsprache gelesen, geschrieben und gehört, hat im Sommer ihren Bachelor-Abschluss gemacht – und dennoch war Florence Escoda nicht ganz zufrieden. „Wir haben zu wenig Deutsch gesprochen. Es gab viel Theorie, aber nur wenig Praxis“, sagt die 21-Jährige. Darum wollte sie unbedingt nach Deutschland. Aber nicht als Touristin, sondern für längere Zeit und verbunden mit einer Arbeit. Auf einer Messe für Studien und Austauschprogramme lernte sie das Deutsch-Französische Jugendwerk, kurz DFJW, und dessen Angebote kennen. Sie bewarb sich – und bekam eine Zusage für einen neunmonatigen Einsatz in Stendal.

Stendal? Von Stendhal, dem bekannten Romanautor, hatte sie als Französin natürlich schon viel gehört, aber eine Stadt dieses Namens? Im Internet informierte sich die junge Frau, bevor sie im Juli schon einmal nach Stendal kam. „Ich wollte nicht erst im Oktober alles kennen lernen“, sagt sie. Und so traf sie sich mit Schulleiterin Anke Bollmann und schaute sich das Gymnasium an. „Ich finde es sehr schön hier, es ist ein bisschen wie ein englischer Campus“, sagt die Französin.

Anfang Oktober ging es dann richtig los mit dem neunmonatigen Aufenthalt in Stendal. Im DFJW-Programm hatte sie sich für einen Einsatz in einer Schule entschieden – mit Blick in die Zukunft. Denn nach ihrer Zeit in Stendal will Florence im nächsten Jahr an die Universität Straßburg wechseln, um ihren Master-Abschluss als Grundschul-Lehrerin zu machen. Die Stadt in der Nähe zur deutschen Grenze hat sie bewusst gewählt: „Dann kann ich an einer zweisprachigen Schule unterrichten.“

Doch noch liegen einige Monate in Stendal vor ihr, auf die sich die 21-Jährige sehr freut. Auch, weil der Großstädterin die kleine altmärkische Stadt gefällt. Ja, am Anfang sei die Umstellung „ein bisschen komisch gewesen, aber hier gibt es doch alles, was wir Studenten brauchen: Geschäfte, eine Bibliothek, Kneipen.“ Dorthin geht sie mit den Mitbewohnerinnen ihrer WG oder mit Freundinnen zum Beispiel von der Theatergruppe der Kunstplatte. Dort ist sie dienstags und donnerstags bei Proben zum Musical „Linie 1“ anzutreffen.

Die Bühne, das ist ihre Freizeitwelt. „Das wollte ich hier auch machen“, sagt Florence, die früher im Chor gesungen hat. Schon an der Sorbonne stand sie im Studententheater auf der Bühne, in Goethes „Faust“, in Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ und in Wedekinds „Frühlingserwachen“. Freizeit für Aktivitäten wie die der Kunstplatte hat sie in Stendal. „In Frankreich ist das anders, da geht der Unterricht bis 18 Uhr“, erzählt Florence.

Hobby Reisen

Reisen, das ist ein anderes Hobby der 21-Jährigen, die im Winckelmann-Gymnasium unter anderem die Aufsicht in der Schulbibliothek übernimmt und Schüler betreut, die sich auf das französische Sprachzertifikat namens Delf vorbereiten. Berlin hat sie schon besucht, Leipzig und Dresden. Sie möchte viel von Land und Leuten sehen und erleben – sie möchte im Gegenzug viel über ihre Heimat erzählen. Das macht sie in privaten Gesprächen und während des Französisch-Unterrichtes. Selbst darf sie in dem Fach noch nicht unterrichten, aber mit den Fachlehrern geht sie oft in die Schulstunden. Und wenn es um Aktuelles wie die Attentate von Paris oder die Regionalwahlen am Wochenende in Frankreich geht, dann berichtet Florence Escoda den Gymnasiasten der elften und zwölften Klassen, beantwortet ihre Fragen. „Die Schüler hier sind wirklich interessiert, sie sind motiviert, etwas zu lernen“, sagt die 21-Jährige und verallgemeinert dies gern für die deutschen Schüler. Denn diese Erfahrung ist nicht neu für sie. Vor sieben Jahren war sie bei einem Schüleraustausch in der Nähe von Heidelberg, hat ähnliches erlebt.

Morgen fährt Florence Escoda für die Feiertage nach Paris. Worauf sie sich freut, weil sie es hier vermisst hat? „Auf echten Käse“, antwortet sie spontan mit einem Schmunzeln. Zwar gebe es hier viele Käsesorten, aber die würden im Geschmack nicht an den heran reichen, der in ihrer Heimat auf den Tisch kommt. Zum Beispiel am Heiligen Abend. „Dann gibt es in fast jeder Familie aber auch Austern, Lachs und Gänseleberpastete“, erklärt die 21-Jährige, die am 25. Dezember nicht nur Weihnachten feiert: Sie wird dann 22 Jahre alt.

Auf dem Stendaler Weihnachtsmarkt hat sie fleißig Geschenke für ihre Lieben gekauft, zudem kommt Baumkuchen auf den Gabentisch. „Der schmeckt mir sehr gut, den muss meine Familie unbedingt kosten.“ Und noch etwas hat sie im Gepäck: einen Adventskranz. „So etwas haben wir in Frankreich nicht.“ Die Kalender mit 24 Türchen schon, aber die Kränze mit vier Kerzen nicht. Sie kann daheim viel erzählen, von Stendal, von Kollegen und Schülern, von den Deutschen. Und wenn die Familie sie danach fragt, wird sie sicher wie im Volksstimme-Gespräch sagen: „Es war die richtige Entscheidung, nach Deutschland zu gehen.“