Stendal l Sie hatte Angst – und darum kletterte eine von zwei Frauen über die Balkonbrüstung im ersten Stock und stürzte hinunter auf eine mit Betonsteinen gepflasterte Fläche. Dabei brach sich die heute 31-jährige Polin einen Lendenwirbel und das linke Handgelenk.

Seit Montag wird am Amtsgericht gegen den verheirateten 60-jährigen Hobby-Jäger aus dem Norden des Landkreises wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz verhandelt. Laut Amtsrichter könnte nach einem sogenannten rechtlichen Hinweis auch eine Verurteilung wegen fahrlässiger Körperverletzung in Betracht kommen. Die Erklärung zu den Tatvorwürfen, die Verteidigerin Katja Sonne-Albrecht für den Angeklagten abgibt, ist kurz: Demnach habe ihr Mandant „erhebliche Erinnerungslücken, wolle die Tat aber nicht in Abrede stellen“. Er wisse nicht, wo er sich am Tattag aufgehalten und wie viel Alkohol er getrunken habe. Eine etwa eine Stunde nach dem Geschehen abgenommene Blutprobe ergab bei dem laut Gutachten etwa 118 Kilo schweren Mann einen Blutalkoholwert von 2,43 Promille.

Er sei bei den Prostituierten gewesen, um „ihre Dienste in Anspruch zu nehmen“. Das sei „sehr stimmig gelaufen“. Was dann geschehen ist, könnte mit seiner angeblich abhan­dengekommenen Geldbörse im Zusammenhang stehen. Die hätte er aber am nächsten Morgen in seiner Wohnung auf dem Nachttisch vorgefunden – ohne Bargeld. Warum er die geladene Waffe dabei hatte, könne er sich nicht erklären.

Schwer verletzt

Die 31-Jährige, die sich beim Sturz schwer verletzte und sich im Prozess durch einen Anwalt als Nebenklägerin vertreten lässt, sagte als Zeugin aus, dass der Angeklagte am Nachmittag bei ihnen geklingelt habe. Er habe ein, zwei Gläser Schampus getrunken. „Alles war okay“, so die Zeugin. Zu sexuellen Handlungen sei es nicht gekommen. Der Mann habe nur reden wollen und sich über seine Ehefrau beklagt. Den Revolver des brasilianischen Herstellers „Amadeo Rossi SA“ habe er aus der Hose gezogen und auf den Tisch gelegt. Darüber sei sie erstaunt und verängstigt gewesen.

Nach dem Gespräch mit ihnen habe er bezahlt und sei gegangen, um wenig später wiederzukommen und mit dem Revolver in der Hand gegen die Wohnungstür zu wummern und Einlass zu begehren. Die Waffe habe sie durch den Türspion gesehen. Sie sei in Richtung Küche geflüchtet und habe von dort aus den Balkon erreicht. Dabei hätte sie laut um Hilfe geschrien. „Ich hatte Angst um mein Leben“, sagte die offensichtlich emotional stark aufgewühlte Frau. Erst habe sie sich hängend an der Brüstung festgehalten und sei dann gestürzt. Ein Passant habe sich um sie gekümmert, bis Polizei und Rettungswagen eingetroffen sind, die ihre Kollegin gerufen hatte. Sie habe sich nicht mehr bewegen können und sei mehrfach operiert worden. Noch immer habe sie starke Schmerzen, könne nachts deshalb nicht schlafen und sei sowohl in medizinischer als auch in psychologischer Behandlung.

„Mein Leben hat sich total verändert“, sagte die Mutter einer Tochter. „Warum hat er das gemacht? Vorher waren wir eine glückliche Familie.“ Mehrfach musste das Gericht ihre Befragung unterbrechen und schließlich auf den 4. Januar vertagen. Dann soll ihre Kollegin aus Polen aussagen, und es wird das Urteil erwartet. Mindeststrafe allein für das Führen der Waffe sind laut Staatsanwaltschaft sechs Monate Gefängnis.