Stendal l Von Stendal nach Köckte mit dem Rad, das ist doch ein ganz herrlicher Tagesausflug. Schön gemütlich entweder über Welle oder Heeren Richtung Elversdorf oder über Miltern und Tangermünde... Ja, wenn man ein gemächlicher Wochenendradler ist, ist das eine wunderbare Tagestour. Für Bernd Mitsch ist es sein Arbeitsweg. Jeden Tag knapp 20 Kilometer hin – und wieder zurück. Mit dem Fahrrad, und es sei gleich gesagt: Es ist eins ohne Batterie- oder Motorkraft. „Wir haben ein Auto in der Familie, das nimmt meine Frau, die bei Tangerhütte arbeitet und damit auch die Kinder von A nach B bringt“, sagt Bernd Mitsch. Sie hätten sich bewusst dafür entschieden, aufs Dorf zu ziehen, und genauso bewusst dafür, mit einem Auto auszukommen. Und es geht.

Fahren, um anzukommen

Wo andere bequem sind, ihnen die Distanz von durchaus recht sportlichen 20 Kilometern zu anstrengend ist, Regen und Wind eine willkommene Ausrede bieten, um sich doch ins motorisierte Gefährt zu setzen, da bleibt Bernd Mitsch eisern: Er fährt Rad. Wobei eisern eigentlich das falsche Wort ist, denn der 43-Jährige ist dabei ganz und gar nicht verbissen – er will es einfach so und genießt es. „Ich fahre die Strecke auch, weil‘s schön ist. Aber vor allem, um anzukommen.“ Einen inneren Schweinehund gibt es nicht, sagt er, „weil es eine Notwendigkeit ist“.

Regen und Wind kein Problem

Mit satten 25 bis 30 km/h braucht er rund 45 Minuten von seinem Zuhause in Köckte bis zur Kita „Abenteuerland“ in der Osterburger Straße in Stendal, deren Leiter er ist. Seit zehn Jahren fährt Bernd Mitsch mit dem Fahrrad zur Arbeit. Drei Räder hat er dafür zur Auswahl: ein Tourenrad für Allerweltswetter, ein Rennrad für außerordentlich schöne und vor allem trockene Tage und ein Mountainbike, wenn Herbst und Winter das Fahren beschwerlicher machen. „Wichtig ist: Ich habe ein sehr ordentliches Licht am Rad“, betont Mitsch, der nicht nur seiner Vorbildrolle wegen stets mit Helm fährt, sondern weil es sicherer ist. Und wenn‘s regnet? „Muss man sich halt entsprechend anziehen.“ Und der Wind? „Das ist ein Gegenspieler, den man sportlich bekämpft“, sagt Mitsch mit seinem ihm eigenen Strahlen.

Von April bis Oktober führt ihn sein Arbeitsweg entweder über Elversdorf und Heeren oder über Bölsdorf und Miltern. Letztere Strecke hat den Vorteil, dass er Rad- beziehungsweise landwirtschaftliche Wege fahren kann. Nach Heeren hingegen geht es ein Stück Straße entlang, hier fährt er nur, solange es hell ist. „Ich fahre diese Strecken sehr gerne. Jetzt im April muss mein Körper erst mal wieder umpolen, da merke ich meine Beine.“ Im Winterhalbjahr fährt er zwischen Demker und Stendal mit dem Zug. Manchmal hat er auch eine Mitfahrgelegenheit oder nimmt den Bus.

Kopf wird frei

Für Mitsch verbinden sich mit seiner bevorzugten Fortbewegungsart gleich mehrere Dinge. Da ist der Spaß am Radfahren und die Möglichkeit, seinen Bewegungsdrang praktischerweise mit der Fahrt zur Arbeit oder wieder nach Hause zu kombinieren. So hat er gleich seinen Sport. Der Kopf wird dabei frei, er kann den Tag noch mal gedanklich durchgehen, ist beim Nachhausekommen entspannt oder kommt andersherum „mit klarem Geist hier auf Arbeit an“. Und es ist eine finanzielle Frage: „Jede Fahrt mit dem Rad spart mir Zug- oder Benzingeld. Außerdem bin ich umweltbewusst, wir machen die Natur doch schon genug kaputt.“

Aber Hand aufs Herz: Fühlt er sich bei seinen Fahrten sicher? Vor allem bei dem Tempo, das er pflegt? „Ich fahre im Vergleich zu anderen Radfahrern sehr zügig und in gewisser Weise aggressiv“, sagt er, „aber ich fahre auch sehr aufmerksam und sehr be- wusst wahrnehmend.“ Immer in der Ahnung, dass etwas passieren könnte. Sei es, dass Autofahrer ihn bedrängen, anhupen, ihn schneiden oder gar übersehen. Mitsch nimmt sein Recht wahr, als Verkehrsteilnehmer auf der Fahrbahn zu fahren. „Das ist im Grunde am sichersten, überfordert aber viele Autofahrer. Vor allem wenn ich in der 30-Zone auch mit 30 fahre. Ich halte mich an die Verkehrsregeln, nehme sie aber auch für mich in Anspruch.“

Verkehrsplanung ärgert ihn

Die Planung der Verkehrswege ist ihm seit Langem ein Ärgernis. „Ich würde mir wünschen, dass bei Planungen wie den Kreisverkehren auch mal die Radfahrer nach ihrer Sicht gefragt werden“, sagt Mitsch, der Mitglied im ADFC ist. „Man wird auf zu schmale Wege verbannt, bekommt keine Möglichkeit, sich in den Fahrbahnverkehr einzufädeln, wird ausgebremst und muss zum Fußgänger werden.“ Dass Radfahrer unter solchen Umständen auch „Murks machen“, sei nachvollziehbar – und ebenso ärgerlich. Mitschs Eindruck ist: „Es wird hingenommen, dass Radfahrer verkehrt fahren, Hauptsache, es wird kein Autofahrer gestört.“

Ironman als Ziel

Bernd Mitsch würde an diesen Zuständen gern etwas ändern. Solange sich in der Bürokratie nichts bewegt, bleibt er wenigstens als radfahrender Verkehrsteilnehmer sichtbar. Auch wenn es Nerven kostet. Er will einfach Rad fahren. Und hat dabei nicht etwa im Sinn, eines Tages als radelnder Flachland-Brockenbenno zu gelten. Er will auch niemanden bekehren. Aber er freut sich, wenn sein Lebensstil, den er als „nachhaltiger als bei anderen“ bezeichnet, positiv wahrgenommen wird. Und er hat ein Ziel: Eines Tages am „Ironman“-Triathlon teilzunehmen. In der Rad-Disziplin wären 180 Kilometer zu absolvieren. Dagegen sind die 20 zur Arbeit doch ein Klacks.