Stendal l Wer Elisabeth Quick in diesen Tagen in ihrem Büro besucht, dem fallen zwei Gegenstände sofort ins Auge: Da ist erstens eine riesige Metallbox. „Ich bin am Aus- und Aufräumen“, erklärt die scheidende Direktorin des Stendaler Arbeitsgerichts. Noch einen einzigen Arbeitstag – den kommenden Montag nämlich – ist ihr restliches Berufsleben kurz. Dann ist die 63-Jährige Pensionärin.

Radbegeisterte Juristin

Doch dass sie sich nicht im klassischen Sinn zur Ruhe setzen wird, das zeigt der zweite ungewöhnliche „Gegenstand“ in ihrem Büro: ein Fahrrad. Es ist einer ihrer derzeit drei Drahteseln, wobei die radfahrbegeisterte Juristin bis vor Kurzem sogar fünf ihr Eigen nannte. Demnächst aber wird ihr Fuhrpark wieder wachsen: „Mein erstes E-Bike ist bestellt.“

Vielleicht ist es dieses stete Sich-Abstrampeln, das Elisabeth Quick als Fast-Ruheständlerin noch immer so quirlig erscheinen lässt. Auch im übertragenen Sinne: Aus ihrer Überzeugung, dass das kleine Arbeitsgericht Stendal mit seinen gerade einmal drei Richterstellen „systemrelevant“ ist, hat sie auch gegenüber dem Justizministerium in Magdeburg nie einen Hehl gemacht.

Bilder

Klare Worte

Öffentlich forderte sie die Entsendung von Nachwuchsrichtern nach Stendal, als ihre Behörde auf der Kippe schien: „Das Land Sachsen-Anhalt hört nicht nördlich von Magdeburg auf“, schreibt die Richterin den Landesverwaltern noch heute ins Stammbuch – klare Worte, die ihr nicht nur Freunde in Magdeburg gemacht haben. Und das wiederum, lässt sie durchblicken, hat ihre Entscheidung beschleunigt, die Richterrobe schon mit 63 an den Nagel zu hängen.

Rein beamtenrechtlich hätte sie noch fast drei Jahre lang weitermachen können – als Chefin des kleinen Arbeitsgerichts Stendal, das flächenmäßig den größten Zuständigkeitsbereich aller vier Arbeitsgerichte im Land habe. Und nicht nur das: In der wirtschaftlich eher schwachen Altmark „gibt es sehr viel mehr Anträge auf Prozesskostenhilfe als anderswo“, gibt sie zu bedenken und fügt hinzu: Dieser Arbeitsaufwand werde bei der Personalzuweisung nach Stendal kaum berücksichtigt.

Von Bonn nach Stendal

Dabei dauert der Einsatz von Elisabeth Quick für „ihren“ Gerichtsstandort Stendal schon fast drei Jahrzehnte: Im September 1991 wechselte die gebürtige Niedersächsin vom Verteidigungsministerium im rheinischen Bonn in den Osten: Nach der politischen Wende in der DDR und der Einheit sei ihr klar gewesen, „dass es die alte Bundesrepublik, in der ich aufgewachsen bin, nicht mehr gibt. Und wenn das Land schon ein anderes wird, dann will ich mit dabei sein“, begründet sie ihr persönliches „Rübermachen“. Die Entwicklung der neuen Länder aus dem westlichen Bonn zu beobachten, „wäre mir zu langweilig gewesen“.

Noch 29 Jahre nach ihrem Start in Stendal schwärmt sie von der Aufbauarbeit, die sie am und im Arbeitsgericht leisten konnte: drei Jahre lang als „einfache“ Richterin, ab 1994 als Direktorin. Dieses Gericht, nach der Wende zunächst in einem schon fast leergezogenen Plattenbau am heutigen Altmark-Park untergebracht und inzwischen im Justizzentrum „Albrecht der Bär“ residierend, ist so etwas wie ihr Baby.

Mediator sorgt für Ruhe

Wie Eltern während des Heranwachsens ihrer Kinder im Idealfall gelassener und weiser werden, so ist es auch der Arbeitsrechtlerin Quick ergangen. Sie habe erkannt, dass bei vielen arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen ein Richter im Grunde genommen der falsche Ansprechpartner ist: „Manches Mal denke ich, dass die Leute ihr Geld lieber für einen Psychologen ausgeben sollten als für einen Richter.“

Tatsächlich erinnert sie sich an einen Fall aus Stendal, als es in der hiesigen Filiale einer großen Unternehmenskette immer wieder zu arbeitsrechtlich ausgetragenen Streitigkeiten kam. Doch als die Firmenzentrale schließlich einen Mediator nach Stendal schickte, „war plötzlich Ruhe“.

Tragischter Fall

Ihre „schönsten“ Fälle, sagt die scheidende Direktorin, seien ohnehin jene, in denen sich Kläger und Beklagte nach oft mehreren Kündigungen und Dutzenden Abmahnungen am Ende wieder die Hand geben können – zumindest in den Zeiten vor Corona. Gesichtswahrung spiele vor dem Arbeitsgericht eine große Rolle.

Bei ihrem tragischten Fall war das kaum noch möglich. Die menschliche Dimension habe fast dazu geführt, „dass ich da saß und heulte“: Es ging um die fristlose Kündigung gegen den Mitarbeiter eines holzverarbeitenden Betriebs. Der hatte an einem Wintertag von seinem Chef den Auftrag, auf dem Firmengelände Holz umzuschichten. Er tat das, sei aber vom Sohn des Chefs gehänselt und mit Schneebällen beworfen worden. Als sich der Mitarbeiter dann mit einer Latte über der Schulter nach dem Jungen umdrehte, habe er ihn damit schwer im Gesicht verletzt: Ein Auge war zerstört – und beim zweiten waren sich die Ärzte lange unsicher, ob sie dem Jungen wenigstens jenes retten konnten. Am Ende habe ihr Urteil gelautet: Rücknahme der fristlosen Kündigung, aber Auflösung des Arbeitsverhältnisses.

Im nächsten Leben

Ob sie heute noch einmal Richterin werden würde? Elisabeth Quick überlegt kurz – und sagt: „Ich weiß nicht. Im nächsten Leben könnte ich mir auch was Naturwissenschaftliches wie Biologie vorstellen.“ Ursprünglich habe sie gar nicht Juristin werden wollen, „eigentlich wollte ich in einen Verlag als Lektorin“. Die Berufsaussichten dafür seien aber schon damals eher bescheiden gewesen – Jura war deshalb ihr persönlicher Ausweg, der familiär fast vorgegeben war: Sie ist Tochter eines Rechtsanwalts.

Die Antwort ist Ausdruck ihrer vielen Interessen, für die die 63-Jährige bald wieder mehr Zeit hat. Für die Musik beispielsweise – sie spielt als Klarinettistin bei den Rolandmusikanten: „Das macht viel Spaß.“ Und: „Dem Tierheim bin ich sehr verbunden.“ Zudem habe sie von der Stadt Stendal die Bitte erreicht, als Schiedsfrau tätig zu werden. Doch ob sie dieses Ehrenamt annimmt und damit der Juristerei zumindest ein bisschen treu bleibt, das habe sie noch nicht entschieden.