Stendal l „Als ich erzählte, dass wir Trump in Deutschland als verrückt ansehen, haben alle nur gelacht“, erinnert sich Ann-Sophie an ihre Zeit in der amerikanischen Highschool zurück. Vor allem im Fach Politik sei dieses Thema zur Zeit der US-Präsidentschaftswahl heiß diskutiert worden. Über vieles dachten die amerikanischen Mitschüler anders, so die 17-jährige Klötzerin. So sei die Mehrheit der Klasse für Donald Trump und gegen Hillary Clinton gewesen. „Es haben viele gesagt, dass es wirklich zwei sehr schlechte Alternativen waren, und Trump wäre eben die weniger schlechte gewesen“, erzählt sie. Voran ging die Debatte um die Verschärfung der Waffengesetze, sie habe das unterschiedliche Denken untermauert. So war Ann-Sophie für eine Verschärfung, ihre Mitschüler allerdings seien absolut dagegen gewesen. „Viele sagten: Nein, um Gottes Willen, nein! Die Waffengesetze gehören zu ihren Grundrechten, und die wollen sie sich nicht nehmen lassen.“ Dennoch habe die Wahl das Land gespalten und auch jetzt, da das Ergebnis schon eine Weile feststeht, würden die Proteste nicht abnehmen.

Als Junior-Botschafterin in Washington D.C.

Dass Ann-Sophie diese Verhältnisse aus erster Hand erzählen kann, verdankt sie vor allem Katrin Kunert (Die Linke). Die Politikerin entschied sich im Verfahren um ein Stipendium des Parlamentarischen Patenschafts-Programms (PPP) des deutschen Bundestags für die Gymnasiastin aus Beetzendorf und gegen ihren Mitstreiter. „Anne hat mich mit ihrer offenen, unkomplizierten Art überzeugt“, so Kunert. Das persönliche Gespräch mit der Abgeordneten war allerdings nur die letzte Phase des Bewerbungsprozesses. So mussten neben Bewerbungsformularen und Eigenpräsentation auch Diskussionsrunden durchlaufen werden, die in einem Auswahlwochenende in Klietz durch die Austauschorganisation AFS veranstaltet wurden. „Das war wirklich nicht so schlimm“, so Ann-Sophie. „Das war einfach dazu da, um zu sehen, ob man dafür geeignet ist, ins Ausland zu gehen.“ Dass Ann-Sophie geeignet war, stellte auch Kunert fest. „Sie verfügte über ein ehrliches politisches Wissen, das nicht auswendig gelernt war“, so die Politikerin.

Als Junior-Botschafterin konnte die 17-Jährige dieses Wissen in Amerika gut ausbauen. So sei ein Ausflug nach Washington D.C. einer der absoluten Höhepunkte ihres Austauschjahres gewesen. „Das war wirklich eine tolle Woche“, erinnert sie sich an die vielen Seminare und Workshops, in denen sie gemeinsam mit anderen PPP-Schülern mehr zu Geschichte, Politik und Konfliktsituationen Amerikas erfuhr. Die Besichtigung des Lincoln Memorials gehörte genauso dazu wie ein Besuch des Kongresses und des Smithsonian Museums. Besonders spannend sei ein Rollenspiel zur Flüchtlingsproblematik gewesen. „Es hat wirklich verdeutlicht, warum die Weltpolitik so hart ist, wie sie ist, und warum es so viele Konflikte auf der Welt gibt. Das war eine Sache, die mich extrem geprägt hat.“

Große Unterschiede zu Deutschland

Extrem seien auch manche Unterschiede zwischen der deutschen Heimat und dem „Land der Träume“ gewesen. So habe sie vieles in Deutschland schätzen gelernt, allen voran das Sozial- und Krankenversicherungssystem. „Das ist in Deutschland viel, viel besser. Wenn man hier eine Erkältung hat, geht man einfach zum Arzt. In Amerika ist das nicht so einfach. Die Arztkosten sind einfach so enorm, dass viele Leute sie einfach nicht tragen können. Da schätze ich das deutsche System schon sehr“, so die Klötzerin. In Amerika müssen sich alle per Gesetz krankenversichern. Dies täten viele Menschen allerdings nicht, weil es einfach zu teuer sei. „Sie zahlten dann Strafe, weil das günstiger ist als eine Krankenversicherung“.

Auch das deutsche Schulsystem gefalle der 17-jährigen Gymnasiastin besser. Dadurch, dass in Amerika nicht in Gymnasial- und Sekundarstufe unterschieden werde, gebe es sehr gemischte Klassen. So sei auch der Unterricht stark leistungsorientiert. Außerdem gebe es eine Schulpflicht bis zur zwölften Klasse, die alle dazu berechtige, auf die Universität zu gehen. So käme es, dass nur ungefähr zehn Prozent auch wirklich ihren Abschluss machen. Die Universitäten seien des Weiteren auch sehr teuer. Wer nicht studiert, trete oft direkt nach dem Schulabschluss in den Beruf ein. „Hierzulande haben sowohl Studenten als auch Auszubildende eine gute Chance auf einen schönen Beruf. In Amerika müssen die Jugendlichen, die nicht studieren können, oft schlecht bezahlte Jobs annehmen“, erzählt Ann-Sophie, die über ihre Englischlehrerin zur Teilnahme am PPP gekommen ist.

Band statt Mathe

Aber natürlich fand die Klötzerin auch vieles gut, vor allem die Zeit in der Highschool. „Amerikanische Highschools sind wirklich cool“, schwärmt sie von ihrer Gastschule, die mit zirka 500 Schülern ungefähr so groß wie ihr hiesiges Gymnasium ist. Vor allem die wählbaren Fächer seien eine angenehme Überraschung gewesen. So stand neben Mathe, Politik und Physik unter anderem auch das Fach „Band“ auf dem Stundenplan, in dem Ann-Sophie ihr Können auf der Querflöte unter Beweis stellen konnte. „Das war schon was anderes, als wenn man hier in der 11. Klasse Mathe hat und dafür ordentlich pauken muss“, erzählt sie schmunzelnd. Auch die vielen außerschulischen Angebote seien besonders gewesen. Ann-Sophie war Mitglied im Art Club und im Engineering Club, in dem sie neben anderen Projekten auch einen Unterwasser-Roboter gebaut habe. Durch die Jazzband habe sie viele Freunde kennengelernt, mit denen sie über das Schuljahr eng zusammengewachsen ist.

Generell sei sie sowohl in ihrer Schule als auch in ihrer Gastfamilie sehr freundlich aufgenommen worden, was wohl an der amerikanischen Mentalität gelegen haben dürfte. „Es gibt eine Sache, an die ich mich wirklich gewöhnen musste: die Leute reden unglaublich viel“, erinnert sich Ann-Sophie. So sei es oft vorgekommen, dass sie auf der Straße von völlig fremden Menschen gegrüßt wurde oder in der Schule Komplimente bekommen hat. Die Amerikaner seien im Gegensatz zu den Deutschen viel offener und freundlicher. „Viele Leute haben wirklich jedem einfach so Komplimente gegeben. Das fand ich echt cool. Es ist eine total nette Geste“.

Abitur statt Reisen

Zurück in Deutschland wird die 17-Jährige in den kommenden zwei Jahren ihr Abitur ablegen. Dass sie aufgrund des Austauschjahres die 11. Klasse wiederholen muss, findet sie dabei nicht schlimm. „Es ist schon schade, dass ich meine alte Klasse durch das Jahr verlassen musste. Aber dadurch, dass ich nicht so sehr auf die Noten achten musste, war alles viel lockerer und ich konnte Fächer wählen, die ich sonst nicht hätte belegen können.“ Auch ihre Familie sei froh über ihre Rückkehr, hätten die Eltern der Reise anfangs doch skeptisch gegenüber gestanden. „Sie waren nicht glücklich darüber, aber sie haben mich immer unterstützt. Ich bin ihnen wirklich dankbar.“

Auf die Frage, ob sie noch einmal in die USA wolle, antwortete sie sofort mit Ja. Die Erfahrungen, die sie dort gemacht habe, seien unvergesslich und sie würde jedem raten, so viel wie möglich zu reisen. Zu ihrer Gastfamilie und ihren Freunden halte sie immer noch Kontakt, auch ein Besuch sei geplant. Allerdings nicht sofort. „Jetzt bleibe ich erstmal hier und mache mein Abi fertig. Ich glaube, meine Eltern lassen mich sowieso erstmal nicht mehr weg“, erzählt sie lachend.

Wer sich auch für das Patenschaftsprogramm interessiert, kann sich noch bis zum 15. September 2017 bewerben unter www.bundestag.de/ppp