Dahrenstedt l Vielleicht kann man das ja tatsächlich so sagen: Das Schreiben ist für Rosemarie Grunow ein ganz wesentlicher Sinn. Sinn nicht nur als dem Leben Bedeutung und Erfüllung gebendes Element, sondern als eine Weise der Wahrnehmung. Das Schrei­ben kommt bei der 76-Jährigen als unweigerliche Folge aus der physiologischen Rezeption hinzu: „Ich sehe, höre oder rieche etwas, und schon erinnere ich mich und hab‘ einen Titel für eine Geschichte.“ Mit fünf Titeln im Kopf geht sie dann in den Garten und denkt darüber nach, was sie erzählen könnte. „Bis ich den ersten Satz habe, dann muss ich schnell rein und schreiben. Und dann ist es fertig.“

63 Findlinge versammelt

So geht das bei Rosemarie Grunow. Und so sind nun 63 „Findlinge“ zwischen zwei festen Buchdeckeln gesammelt und aufbewahrt. Es sind Dinge, die ihr wichtig sind, die sie da zu Papier bringt. Dinge, die sie beschäftigen, bewegen, berühren. Oftmals auch Dinge, die nicht jeder wahrnimmt. Vor allem die Feinheiten und Liebenswürdigkeiten der Natur. „Ich bin ein Gucker“, sagt sie dazu. Wie sonst wären ihr diese so präzisen wie schalkhaften Zeilen eingefallen, die sie in Findling 19 unter dem Titel „Herbstkühle“ formuliert: „Hälse und Arme werden kürzer / Strickjacken um den Körper gewickelt / Kleinstkragen hochgestellt / Blätterreigen in wilder Jagd / Oh, ein Sonnenstrahl!“

„Findlinge“ – das klingt nach einem schweren Titel. Aber so ist er gar nicht gemeint. Es ist vielmehr ein neues Reifestadium ihrer Geschichten und Gedichte. Waren es vor sechs Jahren noch die Leichtigkeit und Buntheit ausstrahlenden „Mosaiksteine“, sind es nun die gewichtigeren, eher eintönigen „Findlinge“, die dem Buch zum Titel verhalfen. Steine aus Urzeiten, lange übererdet, nach und nach zu Tage erodiert, die aber dem, der genauer hinschaut, eben doch ein facettenreiches Farbspektrum eröffnen und: etwas erzählen können. „Irgendwann ist es im Leben vorbei mit Jux und Dollerei, die frohen Erlebnisse werden weniger. Es wird nachdenklicher.“

Nachdenklich, aber nicht düster

So nüchtern sieht Rosemarie Grunow das. Und doch ist ihr neues Buch nicht düster geraten. Es sind Erinnerungen und Erlebnisse zum einen, aus dem eigenen Leben, Blicke zurück. Geschichten, die, so hat sie schon oft bei Lesungen erfahren, die Herzen der Menschen insbesondere ihrer Generation berühren und so manches Vergessene wieder wachrufen – „Schweineeimer“ und Schnittmusterbogen genauso wie Dorfpoltern und Kartoffelstoppeln.

Aber es sind auch Blicke aufs Heute und Jetzt, auf die Jahreszeiten und auf Reise­episoden, auf all das, was im Großen und Kleinen um einen herum geschieht. Und es ist die Auseinandersetzung mit dem Altern, mit Krankheit, mit Demenz, mit der Einsicht, dass man irgendwann nicht mehr ganz so kann, wie man mal konnte – doch, so bekennt sie in Findling 1: „Eigentlich bin ich für alles, was ich noch will und kann, dankbar.“

Heiterer Blick aufs Leben

Es ist das ganze prismatische Wirrwarr des Lebens, das sich durch Rosemarie Grunows Geschichten und Gedichte zieht: Es geht um alte Möbel, Kompott und Gastfreundschaft genauso wie um Windkraft, Zelturlaub und Chorproben.

Bei allem bewahrt sie sich einen heiteren, einen zuversichtlichen Blick. Sie ist, trotz auch einschneidender und erschütternder Erfahrungen, nicht verbittert, kein schmallippiger Gniesgnaddel. Was auch geschieht, ihr Aufruf in Findling 4 gilt sicher auch ihr selbst: „Nimm die Kraft des Lebens und öffne eine neue Tür“. Und so spielt sie Gitarre und Akkordeon, nach langen Jahren auch wieder Klavier, ist im großen Garten zugange, trifft sich mit anderen Frauen zum Malen, fotografiert, schenkt ihrem Mann Ulrich, den Kindern und Enkeln Zeit.

Der Wunsch, Spuren zu hinterlassen

Auch wenn es „keine große Literatur“ ist, wie sie ohne Eitelkeit befindet – eines wird sie mit ihrem Buch auf jeden Fall: Spuren hinterlassen. So wie sie es sich sinnierend in ihrem Findling 62 unter dem Titel „Wo bin ich, wenn ich nicht mehr bin?“ wünscht: „Such die Gene in den Enkeln / Grüße die Bäume, die wir pflanzten / Lies mein Buch / Betrachte meine Bilder / Besuche deinen Baum im alten Garten / Finde die letzten Holzskulpturen / Ich habe Spuren hinterlassen / Ich bin“.

Diesen Spuren möchte sie gern noch weitere hinzufügen, Spuren ihres Schaffens und Lebens: Gerade arbeitet sie an ihrer Biographie, möchte auch einen Band mit handgeschriebenen eigenen Gedichten herausbringen, eine nächste Fotoausstellung ist in Planung...

Herbstlesung mit Glühwein

Doch es sind gewiss nicht nur Worte und Dinge, die von Rosemarie Grunow eines Tages bleiben werden. Was man mit der Dahrenstedterin, auch nach nur kurzer Begegnung, verbinden kann, ist so eine irgendwie zurückhaltende, gleichwohl einnehmende Herzlichkeit. Und eine Freude am Teilen von Erlebnissen und Gedanken.

Bei einer „Herbstlesung mit Glühwein und Feuerschale“ stellt Rosemarie Grunow ihr Buch „Findlinge“ am Sonnabend, 2. November, vor: um 14 Uhr auf ihrem Hof in der Dahrenstedter Dorfstraße 18. Der Eintritt ist frei. Informationen zum Buchbezug gibt‘s bei ihr unter Tel. 03931/312928.