Stendal l Das Blau der Bahnhofsmission ist vielen Reisenden und anderen Bahnhofsgängern inzwischen bekannt. Dieses Blau signalisiert: Hier bekommt man Hilfe, Rat, ein freundliches Wort und vor allem Wärme – sei es in Form eines Tees oder Kaffees, eines Schlafsacks oder Pullovers, eines Wortes oder Blickes.

Genau diese Hilfe möchte das Team der Stendaler Bahnhofsmission nach Corona-Schließung und Notdienstöffnung ab Anfang Juni wieder anbieten wie zuvor – jedenfalls fast. „Wir können wieder Gäste empfangen, maximal zwei gleichzeitig und auf Abstand und jeder bekommt eine Schutzmaske“, sagt Annette Seher, die die Mission in Trägerschaft des Evangelischen Kirchenkreises seit Ende 2017 leitet.

Notdienst wurde genutzt

Auch im Corona-Notmodus wurde die Bahnhofsmission wahrgenommen. Obdachlose klingelten an der Tür, bekamen Kleidung oder einen Kaffee. Menschen fragten per Mail oder am Telefon vor allem danach, wie dieser oder jener Zug fährt. Dennoch waren es weitaus weniger Hilfen, die die „Blauwesten“ leisten konnten: Im April 2019 gab es 2348 solcher kleinen Hilfen, Beratungen und Gespräche – im April 2020 gerade mal 363. Es machte sich eben auch der verringerte Zugverkehr bemerkbar.

Berührende Szene

Aber dann gab es eben auch solche Begebenheiten, die Elke Tilgner erlebte: „Einmal war es eine ältere Frau, die auf den Bus wartete, mich in der blauen Weste sah und fragte: Können wir uns unterhalten?“ Diese so einfache wie berührende Szene hat sich der 58-Jährigen eingeprägt. Und sie ist ein starkes Symbol für die Bedeutung der Bahnhofsmission – auch in einer kleinen Stadt wie Stendal. Eben weil sie diese Bedeutung längst erkannt hat und gern weiter in solchen scheinbar banalen Momenten für die Menschen da sein möchte, bleibt Elke Tilgner nun, da ihr eineinhalbjähriger Bundesfreiwilligendienst an Gleis 1 endet, der Bahnhofsmission treu. „Wir machen jetzt den Elke-Tausch“, erklärt Leiterin Annette Seher lachend, „Elke Tilgner wechselt vom Bufdi zum Ehrenamt, und Elke Grund vom Ehrenamt zum Bufdi.“ Wenn alles Bürokratische klappt, soll dies zum 1. Juli geschehen.

Zusammenhalt gefällt

Elke Grund, einst als Lagerlogistikerin tätig, fing 2017 als Ein-Euro-Jobberin in der Stendaler Bahnhofsmission an, wurde dann Ehrenamtliche. Die 60-Jährige spricht nicht gern über sich selbst, sagt nur, dass sie den Zusammenhalt hier mag und „dass man helfen kann“. Ihre Kolleginnen sagen gern noch mehr. Annette Seher: „Ich schätze an ihr sehr, dass sie den Überblick hat und sich kümmert. Und entscheidungsfreudig ist.“ Manuela Krüger: „Die Arbeit am Gleis, der Umgang mit den Menschen, das beherrscht sie super. Sie geht auf die Leute zu.“ Elke Tilgner: „Ich konnte einiges von ihr lernen, als ich hier angefangen habe.“

Ehrenamtler voll Ungeduld

Annette Seher ist über diese Fügung mehr als froh: „Für uns heißt das Kontinuität und Verlässlichkeit, und beide wissen mit Menschen umzugehen.“ Dieses Mitmenschliche wollen im Übrigen auch die anderen Ehrenamtlichen wieder walten lassen, die nun nach und nach wieder in den Dienst integriert werden. Annette Seher versteht deren Ungeduld: „Sie fragen schon, wann sie endlich wieder dabei sein können.“