Stendal l Für manch einen, der auf dem Stendaler Bauernmarkt in der Bruchstraße einkaufen geht, ist Edith Stielow der Bauernmarkt. Dabei hat sie nur einen der Stände gemietet. Aber ihre Präsenz eben nicht nur an Sonnabenden, sondern auch von Dienstag bis Freitag hat sie zu einer Institution gemacht. Deren Ende nun bevorsteht. Am 28. Oktober wird Edith Stielow zum letzten Mal an ihrem Stand in der alten Feuerwehrhalle verkaufen. Dann ist Schluss. Für sie und ihre vier Mitarbeiter auf jeden Fall. Nach 13 Jahren. Gesundheitliche und familiäre Gründe haben die Eichstedterin zu diesem Schritt bewogen.

Interessent ist abgesprungen

Doch was ist mit dem Stand, der ja immerhin der größte, sortimentsreichste und am häufigsten geöffnete ist? „Eigentlich hatte ich schon einen Nachfolger, der ist im August aber wieder abgesprungen“, erklärt Stielow die Misere. Misere, weil: „Zur Einhaltung der Kündigungsfrist hatte ich nach der Zusage meinen Mitarbeitern gekündigt.“ Hätte sie sich jetzt also entschieden, den Stand doch für eine Zeitlang weiter zu betreiben, hätte sie, die im nächsten Jahr 65 wird, das allein tun müssen. „Und das schafft einer allein nicht. Dafür ist der Stand zu groß, sind die Aufgaben zu viele.“ Denn zum Verkaufen gehören eben auch Vorbereiten, Logistik, Aufräumen, Papierkram, Buchhaltung, Lieferantenkontakt und ja, auch das Gespräch mit den Kunden.

Wertschätzung der Kunden spornt an

Ebendieser Kontakt zu den Kunden hat für Edith Stielow den Reiz dieser Arbeit ausgemacht. Deren Wertschätzung sei ihr immer wichtig gewesen, hat sie bestätigt und angespornt. „Natürlich, man lebt durch das Materielle, aber auch die ideelle Anerkennung ist wichtig und motiviert.“ Daher verwundert es nicht, dass bereits vor der Öffnung um 9 Uhr die ersten Kunden ihre Nasen in die Halle stecken und gucken, ob nicht doch schon auf ist. Und organisiert, wie Edith Stielow ist, liegen alle Waren schön und frisch in den Auslagen, kann es losgehen. „Morgens halb sieben bin ich hier.“ Ihr Hang zur Perfektion, den sie sich selbst bescheinigt, und ihr sonniges Gemüt dürften ihre zuverlässigen Muntermacher sein.

Den Verkaufsstand hat Stielow beim Maschinen- und Betriebshilfsring Altmark gemietet, der die Halle wiederum von der Hansestadt Stendal gemietet hat. „Uns liegt keine Information über eine Änderung vor“, sagt Stadtsprecher Klaus Ortmann. Woraus er schließt, dass der Verein zuversichtlich ist, den Stand doch noch vermietet zu bekommen. Beim Maschinenring selbst war gestern niemand zu erreichen.

Nervenzehrende Zeiten durchlebt

Der Abschied vom Bauernmarkt fällt Edith Stielow nicht leicht. Auch wenn er in den nächsten Jahren ohnehin gekommen wäre. „Ich kann mir das noch gar nicht vorstellen, ich habe mich hier ja auch bewiesen, habe mich durch schwere Zeiten gekämpft.“ Ob nervenzehrende Bauarbeiten oder skeptische, missgünstige Zeitgenossen – sie hat sich nicht entmutigen lassen, hat ihre Mitarbeiter von Anfang bis heute verlässlich und anpackend an ihrer Seite gewussst. „Denen danke ich ganz, ganz herzlich, es waren sehr gute Jahre.“ Aber auch die robusteste Frau-Stielow-Gesundheit sagt irgendwann: Halt, mach mal etwas weniger. Und ihre Familie sagt: Wir brauchen dich.

Ihre Stammkunden sagen ihr Letzteres natürlich auch. „Äußerst traurig“, findet es eine ältere Dame, die vor allem wegen Marmelade herkommt und spontan entscheidet: „Ach, wenn Sie aufhören, nehme ich gleich noch mehr mit.“ Und eine andere sagt: „Das ist ein Jammer, für viele. Die Freundlichkeit, das Angebot...“ Diesen vielen bleibt nun die Hoffnung auf einen Nachfolger.

Absatzmarkt für viele Erzeuger

Und diese Hoffnung hegen wohl auch die Lieferanten, für die dieser Stand ein wichtiger, zentraler Verkaufspunkt ist. Wer fährt schon extra nach Apenburg, um Brot zu holen oder nach Ferch­land für Wurst und Fleisch? Oder sammelt sich in Arneburg und Iden seinen Honig zusammen, in Groß Schwarzlosen den Kräutertee, in Bretsch den Käse? Ein gutes Dutzend Erzeuger findet hier einen Absatzmarkt.

Just an diesem Dienstag, als die Volksstimme mit Edith Stielow sprach, hatte sie noch einen Termin mit einem Interessenten. Wenn der so tickt wie sie damals, als sie von dem freien Stand erfuhr, dann dürfte es doch noch eine Zukunft für den „kleinen Bauernmarkt“ geben. Denn 2004, so hat Edith Stielow mal in einem Interview gesagt, habe sie sich aus dem Bauch heraus für die Selbstständigkeit entschieden, was „wirklich untypisch“ für sie sei. „Doch in diesem Moment wusste ich, dass es genau der richtige Weg ist.“

Mit Zahlen und Menschen umgehen

Und was muss er können, der Nachfolger? „Das A und O ist Zahlenverständnis“, sagt Stielow, die Finanzwirtschaft studiert hat. „Und mit Menschen umgehen und kommunizieren.“ Die Kälte im Winter hat ihr nie zu schaffen gemacht. „Man zieht sich entsprechend an, außerdem ist man ja in Bewegung.“ Und anders als auf dem Marktplatz steht man auf dem Bauernmarkt ja immer im Trockenen. „Und trotzdem wie unter freiem Himmel! Das ist doch schön“, sagt Edith Stielow mit ihrem so typischen herzlich-offenen Lachen. Das vielen fehlen wird.

Wer sich als Nachmieter für die Übernahme des Verkaufsstandes interessiert, kann sich bei Edith Stielow unter folgenden Telefonnummern melden: 039388/28657 oder 0175/6486214.