Stendal l Als im September 2018 der Kaufvertrag für drei Grundstücke an der Thüringer und der Langobardenstraße unterzeichnet wurde, da fackelten die neuen Eigentümer nicht lange und holzten alles an Bäumen und Büschen auf dem Gelände ab, was da war. Außerdem wurde Sand auf dem abschüssigen 1,38 Hektar großen Gelände aufgefahren – illegal.

In wenigen Tagen alles plattgemacht

„Die sind hier mit großen Fahrzeugen angerückt und haben in wenigen Tagen alles plattgemacht“, erzählt Helmut Seidel, der in der Langobarden Straße wohnt und direkt mit seinem Grundstück an das geplante neue Baugebiet angrenzt. Ebenso geht es Gerlind Bleis in der Thüringer Straße, sie weilte im Urlaub, als die Arbeiten verrichtet wurden. „Als wir zurückkamen, habe ich fast einen Herzinfarkt bekommen“, sagt sie. Es seien nicht nur Bäume und Büsche auf dem verkauften Areal gerodet worden, sondern auch auf ihrem eigenen Grund und Boden. „Wir haben bei der Polizei eine Anzeige erstattet“, sagt sie. Bisher sei das Grundstück mit Fliederbüschen eingehegt gewesen. „Nun haben wir keinen Schutz mehr“, sagt Bleis. Sie möchte Schadensersatz.

Wie sich nun herausstellt, erfolgten die Rodungsarbeiten ohne jegliche behördliche Genehmigung. „Die Beseitigung von Bäumen und Sträuchern in diesem Bereich wurde bei der Hansestadt Stendal weder beantragt noch von dieser genehmigt“, sagt Stadtsprecher Philipp Krüger auf Nachfrage. Es sei die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises über den Vorfall informiert worden, und diese habe ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet. Weitere Behörden seien bisher nicht an die Stadt herangetreten, so Krüger.

Wie die Volksstimme bereits berichtete, wurde das Gelände nicht ganz geräuschlos von der Stadt verkauft. Es brauchte zwei Anläufe, damit der Vertrag im September unterzeichnet werden konnte. Für das 1,38 Hektar große Areal waren nach Volksstimme-Informationen rund 100.000 Euro gezahlt worden. Drei weitere Bieter, die nicht zum Zuge kamen, hatten jeweils mehr geboten. Ein Bieter zog vor kurzem vor Gericht. Am 8. März soll beim Landgericht geklärt werden, ob der Verkauf rechtmäßig erfolgte.

6,25 Euro statt 50 Euro pro Quadratmeter

Nicht nur die unterlegenen Bieter wundern sich über den günstigen Verkauf des Areals, das zu einem Quadratmeterpreis von 6,25 Euro veräußert wurde. Der Bodenrichtwert, der in dem Gebiet vom Landesamt für Vermessung und Geoinformation auf 50 Euro je Quadratmeter festgelegt wurde, wurde deutlich unterschritten. Kurz vor dem Verkauf war einigen ehemaligen Gartenpächtern angeboten worden, ihre Fläche zu kaufen – für 50 Euro je Quadratmeter. Auch ein anderes Grundstück in der Nähe – an der Gotenstraße – wird derzeit von der Stadt mit dem selben teuren Quadratmeterpreis angeboten.

Aus der Stadtpolitik heißt es, dass das Gesamtkonzept der Investoren bei dem zukünftigen Baugebiet überzeugt habe. Es sollen zwei Straßen – ausgehend von der Langobarden und der Thüringer Straße – gebaut werden. Der Stadtrat hatte am 3. September mit 21 Ja-Stimmen, zehn Nein-Stimmen und drei Enthaltungen dem Grundstücksverkauf zugestimmt. Von Konzept kann derweil nicht wirklich die Rede sein, die Volksstimme kennt eine DIN-A4-Handzeichnung, die im Rathaus Grundlage gewesen sein soll. Es sind dort 16 Quadrate eingezeichnet, die die zu bauenden Häuser darstellen sollen.

Anwohner wandten sich bereits an Stadtpolitik

Die Anwohner interessieren sich indes nicht so stark dafür, wie der Grundstücksverkauf abgelaufen ist. Sie ärgern sich, dass die Zufahrten zum Baugebiet über die Thüringer Straße und die Langobarden Straße vorgesehen sind. „Das da Häuser hinkommen, ist für mich nicht das Problem“, sagt Helmut Seidel. Er befürchtet dagegen sehr starken Baulärm und eine Abnutzung der Langobarden Straße. „Die haben wir 1976 größtenteils in Eigenarbeit gebaut“, sagt Seidel. Die Straße habe gar nicht den Unterbau, um schwere Baufahrzeuge zu tragen. „Am Ende können wir eine neue Straße bezahlen“, sagt er.

Die Anwohner der Thüringer Straßen haben im Dezember mobil gemacht, sie haben einen Forderungskatalog aufgemacht und dieses von fast allen Anwohnern unterschriebene Papier dem Stadtratsvorsitzenden Thomas Weise (CDU) persönlich übergeben, der im Übrigen selbst in der Thüringer Straße wohnt, aber nicht unterschrieben hat. Auch die Fraktionen im Stadtrat haben ein Exemplar der Anwohnerforderungen erhalten. Vor zwei Wochen war ein Teil der Anwohner – auch der Langobarden Straße – im Stadtentwicklungsausschuss und verschaffte sich in der Einwohnerfragestunde etwas Luft. Zu wenig für viele: „Es ist bisher nichts passiert“, sagt Seidel.

Die Thüringer Straße sei als Sackgasse gebaut worden, sagen sie. Diese sei aufgrund der geringen Straßenbreite und dem fehlenden Gehweg als Durchgangsstraße nicht geeignet. Die Anwohner fordern eine andere Anbindung des Baugebietes. Insgesamt befürchten sie eine verminderte Wohnqualität in ihren Straßen, auch weil das angrenzende Biotop mit einigen geschützten Pflanzen nun nicht mehr vorhanden ist.

Dadurch, dass das Baugebiet rund fünf Meter tiefer liegt, als die beiden Straßen, befürchten die Anwohner Absackungen zum Rand hin und Schwierigkeiten bei Versorgungsleitungen. Ein Dorn im Auge ist ihnen auch die bereits illegal getätigte Aufschüttung des Geländes. Sie befürchten, dass dort Bauschutt und anderer kontaminierter Boden genutzt wird. Sie möchten Herkunftsnachweise für den Erdaushub mit Schadstoffanalysen und Probenprotokollen sehen.