Stendal l Dass es auch ausgerechnet an diesem Abend passieren muss. Wolfgang Zachowas Reise nach Paris hat gerade erst begonnen, da scheint sie schon wieder zu enden. Von Pritzwalk hat er es am Dienstagabend immerhin schon nach Wittenberge geschafft, dort will der Prignitzer den Anschlusszug nach Stendal nehmen, um in den Bus in Richtung französische Hauptstadt einzusteigen. Dann verkündet eine Bahnmitarbeiterin die beunruhigende Nachricht: In Stendal geht nichts mehr, der Bahnhof ist gesperrt. Die Gründe nennt sie nicht. Fast zur gleichen Zeit hält in Vinzelberg der Zug von Elisabeth Schulze. Auch ihre Reise wird jäh unterbrochen. Eigentlich möchte sie an diesem Abend noch nach Seehausen. Die Aussicht, in dem kleinen Dorf zu stranden, verbreitet wenig Vergnügen.

Allmählich sickert durch, was sich in Stendal ereignet hat. Im Zuge der Sanierungsarbeiten im Bereich des Gleises 3 stießen Arbeiter gegen 21 Uhr plötzlich auf einen nicht ganz alltäglichen Gegenstand. Schnell kommt der Verdacht auf, dass es sich um eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg handeln könnte. Obwohl seit Jahrzehnten verschüttet, geht von den Blindgängern immer noch eine immense Gefahr aus.

Die Bahn reagiert sofort. Der Bahnhof wird um 21.25 Uhr gesperrt. Bis zur Aufhebung um 0.38 Uhr ist der Betrieb eingestellt. Bundespolizei und Beamte des Stendaler Reviers sorgen dafür, dass niemand mehr das Gelände betritt. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst wird informiert. Fernzüge werden umgeleitet, der Regionalverkehr gestoppt.

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ICE-Reisende im Vorteil

Wer im ICE oder IC reist muss also „nur“ längere Fahrzeiten in Kauf nehmen. Die Reisenden in den Regionalzügen trifft es dagegen härter. Wolfgang Zachowa und Elisabeth Schulze wissen zunächst nicht, wie und wann es weitergeht.

Sie sind auf eine schnelle Lösung angewiesen. Wolfgang Zachowa umso mehr. Unklar ist nämlich, ob sein Bus nach Paris warten wird. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird er verspätet in Stendal ankommen. Glücklicherweise kümmert sich eine Bahnmitarbeiterin um das Problem. Sie möchte ihm aus der Patsche helfen und ruft einen Taxi-Dienst in Wittenberge an.

Ganz ähnlich ergeht es Elisabeth Schulze in Vinzelberg. Die Zugbegleiterin informiert ebenfalls ein Taxiunternehmen, damit die Fahrgäste es wenigstens erstmal nach Stendal schaffen. Aber Elisabeth Schulze möchte ja eigentlich bis Seehausen.

Auf den anderen betroffenen Strecken bemüht sich die Bahn, einen Schienenersatzverkehr mit Bussen einzurichten. Auf der Strecke Uelzen-Magdeburg wird zwischen Hohenwulsch und Tangerhütte die Weiterbeförderung mit Taxis und Bussen organisiert. Im Falle der S-Bahn-Verbindung von Schönebeck nach Wittenberge fahren zwischen Osterburg und Tangerhütte ab 22.30 Busse, wie die Bahn auf Nachfrage der Volksstimme mitteilt. Wie viele Reisende davon betroffen sind, kann die Pressestelle nicht beantworten.

Stimmung ist entspannt

In der Zwischenzeit geben die Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Entwarnung. Bei dem verdächtigen Gegenstand handelt es sich nicht um eine Bombe, sondern „vermutlich um einen alten, ehemaligen Druckbehälter aus Vorkriegszeiten“, wie ein Bundespolizei-Sprecher sagt. Das hätten die Untersuchungen der Kampfmittelräumexperten ergeben.

Für Wolfgang Zachowa und Elisabeth Schulze geht der Abend auch gut aus. Während der Prignitzer seinen Bus nach Paris noch erreicht, wird die Seehauserin vom Taxi noch bis nach Hause gebracht. Sauer ist sie keinesfalls ob der Störungen und Unannehmlichkeiten: „Ich bin Stammgast und es passiert halt immer mal was und da hat jetzt keiner mit Absicht etwas verbuddelt, um mich zu ärgern. Von daher ich nehme es wie es kommt, ich sehe es entspannt.

„Es hat alles wunderbar geklappt. Danke an die Bahn“, fasst es Wolfgang Zachowa zusammen. Um danach in Hinblick auf den Schienenersatzverkehr und den allseits bekannten Felix De Luxe-Song noch zu scherzen: „‚In einem Taxi‘ nach Paris. Das trifft es heute Abend wirklich auf den Punkt.“