Stendal l Sie hatten sich zwar nie bei einer kirchlichen Trauung das Eheversprechen gegeben, doch für Ingrid Heyer und ihren Mann galt immer, in guten wie in schlechten Zeiten für den anderen da zu sein. Und darum war es für die heute 75-Jährige ganz selbstverständlich, sich um ihren pflegebedürftigen Ehemann zu kümmern. 13 Jahre hat sie das getan, von 1993 bis zu seinem Tod im Jahr 2006.

Von einem Tag auf den anderen hatte sich die Lebenssituation im Hause Heyer verändert. Ingrid Heyer hat die Herausforderung angenommen und sagt heute: „Wenn man das will, wächst man hinein.“ Was sie in den Jahren bewegt hat, hat sie damals auf 125 Seiten aufgeschrieben. „Aber ich kann es heute noch nicht lesen.“

Fülle an Informationen

Ihre Erfahrungen bringt sie dennoch ein, gibt sie weiter. Von 2006 bis 2013 hat sie bei der Bürgerinitiative Stendal (BIS) gearbeitet, zudem leitet sie noch bis Anfang Juli die Selbsthilfegruppe „Pflegende Angehörige an Demenz und Parkinson Erkrankter, Schlaganfallbetroffener und Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz“ in Stendal. Sie bleibt zwar Mitglied der Gruppe, die knapp 20 Mitglieder hat, gibt die Leitung aber an Bettina Albert ab.

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Auch die 56-Jährige weiß, welche Einschnitte ein Pflegefall in der Familie – in ihrem Fall hat der Ehemann 2013 einen Schlaganfall erlitten – bedeuten. „Man kommt von einem Tag auf den anderen in die Situation, sich kümmern zu müssen“, sagt die Stendalerin. „Anfangs war es sehr schwierig, die ganzen Anlaufstellen zu finden.“ Auch eigene Recherchen waren nicht immer hilfreich. „Die Fülle an Informationen erschlägt einen. Man muss ganz viel Kraft und Zeit investieren, um sich zu informieren.“ Darum wünscht sie sich, „dass die Pflegekasse noch mehr Anlaufhilfe gibt“.

Berührungsängste bei Bekannten

Ihr Mann lebt mittlerweile in einer Einrichtung. Für Bettina Albert keine leichte Entscheidung, aber: „Man kommt an seine körperlichen Grenzen.“ Die, weiß sie aus eigener Erfahrung, könne man zwar immer weiter verschieben, aber nicht unendlich. Sie hatte von Anfang an zur Unterstützung einen Pflegedienst im Haus, abends aber nur bis 21 Uhr. „Dann fing meine nächste Schicht an, denn hier gibt es eine Lücke in der ambulanten Pflege“, beschreibt die 56-Jährige ihren damaligen Alltag. Erst hatte sie eine Pflegeauszeit genommen, dann die Arbeitszeit auf 20 Wochenstunden reduziert. Weiter arbeiten, das wollte sie, „um meine sozialen Kontakte zu behalten“. Diesen Wunsch kennt Ingrid Heyer. Ein Wunsch, der meist nicht in Erfüllung geht. „Viele Bekannte haben Berührungsängste, kommen nicht mehr. Als Angehörige wird man mitbestraft, fühlt sich wie eine Aussätzige. Man vereinsamt. Das macht auch krank“, sagt die 75-Jährige. Denn der Pflegende macht alles für den Angehörigen, „aber wie es einem selbst geht, wird nicht gefragt“.

An sich selbst denken

Darum werde bei den Gruppentreffen immer wieder die Botschaft vermittelt: Pflegende Angehörige dürfen sich selbst nicht aus dem Blick verlieren, sollen auch an sich denken. „Wir möchten unseren Mitgliedern beibringen, dass sie nicht pflegen müssen, wenn sie es nicht können. Die stationäre Unterbringung ist immer eine Wahl“, sagt Ingrid Heyer. Für sie habe dies aber nicht zur Debatte gestanden, „weil ich an Herzschmerz kaputt gegangen wäre“.

Auch Bettina Albert wechselte komplett in die Pflegezeit. Nach dem Umzug ihres Mannes in eine Pflegeeinrichtung habe sie eineinhalb Jahre benötigt, „um wieder zu mir zu finden“, sagt sie. Nun würde sie gern wieder arbeiten, am liebsten in ihrem früheren Beruf im Steuerbereich.

Berufsrückkehr schwierig

„Aber man ist bestraft“, kommentiert sie die Schwierigkeiten, nach der Pflegeauszeit beruflich wieder zu starten. Bei Bewerbungen höre sie oft das Ablehnungsargument, dass sie zu lange raus sei aus dem Beruf. Nun versucht sie es bei einem Bildungsträger über ein Programm zum Wiedereinstieg. „Ich würde auch noch mal was ganz Neues anfangen“, sagt die 56-Jährige.

Über diese Alltagssorgen kann Bettina Albert ganz offen in der Selbsthilfegruppe reden. Für Angehörige nichts Selbstverständliches. „Meist aus Schamgefühl tun sich Angehörige schwer damit, sich zu öffnen“, hat Ingrid Heyer ganz oft erlebt. Sie hat sich als Leiterin der Gruppe, zu der sie 2003 gestoßen war, dafür engagiert, Angehörigen Mut zu machen, offen mit der Situation umzugehen. „Wir möchten den Pflegenden so viel Selbstvertrauen geben, dass sie sich trauen zu sagen: ‚Mein Mann oder meine Frau hat ...‘.“ So wie sie sind einige der Mitglieder hinterbliebene Angehörige. „Wir leisten auch ein Stück Trauerarbeit.“

Mal ein Wort loswerden

Ansonsten, so Bettina Albert, sei es gut, „mal ein Wort loszuwerden und eine schöne Stunde zu haben“, mit anderen zu sprechen, die ähnliche Erfahrungen mitbringen und den anderen verstehen. Durch die Zusammenarbeit mit Ärzten, der Hochschule und anderen Partnern gehören auch Vorträge zum Programm.

Für Ingrid Heyer steht fest: „Pflegende Angehörige sind die, die das Bundesverdienstkreuz verdient haben.“

Die Gruppe trifft sich meist am zweiten Montag im Monat um 14.30 Uhr bei der Bürgerinitiative Stendal, Carl-Hagenbeck-Straße 39 (Eingang Hans-Schomburgk-Straße). Informationen gibt es zudem in der Selbsthilfekontaktstelle Stendal, Barbara Riep, Telefon 03931/68 94 21, Mobil 0151/16 26 67 44.