Stendal l Mit einer Anfrage aus Hüselitz fing alles an. Ein Einwohner des Tangerhütter Ortsteils wollte wissen, weshalb regionale Händler nur so selten im Internet Präsenz zeigen und stattdessen das Feld fast kampflos den großen Anbietern wie Amazon und Zalando überlassen. Wäre es nicht viel besser, wenn die alteingesessenen Geschäfte ihre Waren nicht auch online feilbieten? Auf eine einfache Formel gebracht: Online bestellen, aber trotzdem lokal kaufen.

Profitieren würden davon doch beide Seiten. All jene, die es nicht mehr regelmäßig in die größeren Orte schaffen, müssten dennoch nicht auf ihre alten Einkaufsgewohnheiten verzichten. Die Händler wiederum erreichten einen Personenkreis, der über das unmittelbare Umfeld in ihrer Stadt hinausgeht. Die Frage ließ Volker Wiedemer, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Magdeburg-Stendal, nicht mehr los. Unbedingt wollte er herausfinden, ob solch ein Online-Marktplatz den Praxistest bestehen kann.

Ganze Altmark ist vertreten

„Es geht darum, regionale Händler zu fördern, weite Wege zu vermeiden und vielleicht das ein oder andere Ladengeschäft zu retten“, präzisiert Volker Wiedemer den Ansatz. Ein kleines Team scharte er um sich. Fördergeld in Höhe von insgesamt 178.000 Euro wurden akquiriert, ein Konzept erarbeitet und Händler angesprochen, um sie von einer Teilnahme zu überzeugen. Getauft wurde das Projekt auf den Namen ROLAND. Die Abkürzung strahlt natürlich eine Menge Lokalkolorit aus, steht aber eigentlich schlicht für Regionaler Online-Handel. Klinken putzten die Projekt-Mitarbeiterinnen Theresia Laske und Nicole Milkereit in der gesamten Altmark. So präsentieren sich Läden aus Stendal, Seehausen, Salzwedel Gardelegen, Bismark, Klötze und Tangermünde auf der Homepage, die am 1. März dieses Jahres unter dem Namen www.halloaltmark.de live ging. Für die Händler ist das Portal kostenlos.

Die geografische Vielfalt korrespondiert dabei mit der des Angebots. Von der Buchhandlung über den Schmuckladen bis zum Musikfachgeschäft sind viele Branchen vertreten. Offenbar ist der Bedarf vorhanden. Seit dem Start ist die Zahl der Teilnehmer von 20 auf 38 gestiegen.

Präsenz im Internet sichern

„Damit sind wir auf jeden Fall zufrieden. Vor allem, wenn man sich ähnliche Projekte in anderen Regionen anschaut“, sagt Theresia Laske. Sie gibt aber auch zu, dass durchaus noch Luft nach oben sei. Doch wie wird die Seite von den Nutzern angenommen? Die Klickzahlen, die darüber Auskunft geben, wie viele Menschen die Homepage täglich besuchen, bewegten sich im Rahmen der Erwartungen, sagt Volker Wiedemer, ohne ganz konkrete Daten zu nennen. Auch die Zahl der bisher eingegangenen Bestellungen sei nicht bekannt. Allerdings sei Verkauf nur ein Teil des Konzepts. Der andere bestehe darin, den Läden Präsenz im Netz zu sichern.

Fragt man bei zwei Stendaler Händlern nach, ob das Angebot von den Kunden genutzt wird, erhält man ebenfalls keine Zahlen. Was aber daran liegt, dass weder die Buchhandlung Genz noch der Spielzeugladen Villa Kunterbunt aus Verkaufsinteresse aufgesprungen sind. „Für uns steht die Schaufensterfunktion im Vordergrund“, erklärt Buchhändlerin Susanne Mahlzahn. So könne man vor allem überregional Aufmerksamkeit erzeugen: „Vielleicht wird der ein oder andere Tourist auf uns aufmerksam, bevor er Stendal besucht.“

Simone Oesemann, Besitzerin der Villa Kunterbunt, lockte die Möglichkeit, ihre Produkte online zu verkaufen, ebenfalls nicht so sehr: „Wir verfolgen den Ansatz, mit den Kunden ins Gespräch zu kommen und sehr stark beratend tätig zu sein. Das findet zwangsläufig im Laden statt.“ Trotzdem übte die Chance, mal etwas Neues auszuprobieren und mit anderen Händlern ins Gespräch zu kommen, eine gewisse Anziehungskraft auf sie aus. „Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie sich das Ganze entwickelt“, gibt sie dem Projekt eine Chance.

Vertrieb von Lebensmitteln geplant

In den Räumen der Hochschule reifen derweil schon die Pläne für eine Weiterentwicklung des Formats. Eine neue Plattform soll entstehen. ORIENT (Online-Marktplatz für regional erzeugte Lebensmittel) heißt dieses Mal die Abkürzung. Das Fördergeld vom Landwirtschaftsministerium des Bundes in Höhe von 190.000 Euro ist Mitte Juli bewilligt worden. Bis zum 31. März 2022 läuft die Förderung. Der Fokus liegt dieses Mal auf der Direktvermarktung von in der Altmark produzierten Lebensmitteln.

Kein ganz leichtes Unterfangen, weiß Volker Wiedemer. Beim Kauf von Lebensmitteln kommt der Faktor Frische nicht unwesentlich hinzu. Und zwar auf zwei Ebenen. Die entsprechenden Vorschriften bei der Auslieferung sind natürlich auf jeden Fall einzuhalten. Andererseits existiert ein gewisses Hemmnis bei Konsumenten, über das Internet, Produkte dieser Art zu bestellen. Beide Hürden zu überwinden, reize ihn aber umso mehr, die Sache in Angriff zu nehmen, meint der Professor.