So läuft der Willkommens-Besuchsdienst

Mit einem Beschluss vom 9. Juni 2016 hatte der Kreistag das Projekt Hausbesuchsdienst „Willkommen im Landkreis Stendal“ auf den Weg gebracht. 

Anfangs sollte es bis etwa August 2019 laufen, dann standen aber erneut nicht abgerufene Mittel aus dem Programm „Bildung und Teilhabe“ zur Verfügung, das Projekt konnte weiterlaufen. Dank zusätzlicher Spenden ist die Finanzierung bis etwa Ende 2021 gesichert. 

Die Eltern der Neugeborenen werden angeschrieben, ihnen wird ein persönlicher Besuch angeboten und ein Termin vorgeschlagen. In der Regel erfolgen diese persönlichen Besuche sechs bis zehn Wochen nach der Geburt. Die Mitarbeiterin übergibt dabei ein Willkommensgeschenk des Landkreises, zu dem neben zahlreichen Info-Materialien (unter anderem zu den Kinderärzten, Beratungsstellen, Kindertagesbetreuung, Freizeitbeschäftigungen und Ansprechpartnern im Jugendamt) unter anderem auch ein großes Badehandtuch mit der Aufschrift „Altmark-Kind“, eine trendige Tasche, die DVD „Wie Babys sich entwickeln“, ein Elternbuch, eine Zahnbürste und ein Innenraumthermometer gehören. Von den angeschriebenen Eltern haben rund 75 Prozent das Angebot bisher in Anspruch genommen. 

Ein Problem, das vermutlich noch in diesem Jahr geändert werden soll: die Meldeverordnung des Landes Sachsen-Anhalt. Derzeit bekommt das Jugendamt nur die Adressen der Eltern von unehelich geborenen Kindern. Der Landkreis bietet den Hausbesuchsdienst aber allen Eltern von Neugeborenen an. Wegen der guten Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit melden sich viele verheiratete Eltern von sich aus und bitten um einen Besuch. Unter anderem liegen Flyer bei den Ärzten aus, um über das Angebot zu informieren. 

Statistisches: Zwischen August 2016 und 31. Dezember 2019 wurden insgesamt 1647 Familien angeschrieben und davon 1141 Familien besucht. Seit November vorigen Jahres bekommen die besuchten Eltern einen Fragebogen zur Auswertung: Darin haben 95 Prozent angekreuzt, dass sie den Besuchsdienst als hilfreiches Angebot empfinden. Bei 74 Prozent der Besuche war nur die Mutter anwesend, bei 22 Prozent beide Elternteile. 

Kontakt: Landkreis Stendal, Frühe Hilfen, Saskia Wengler, Hospitalstraße 1-2, 39 576 Stendal, Telefon 03931/60 70 90, E-Mail: willkommensbesuch@landkreis-stendal.de, Internet: www.fruehe-hilfen.landkreis-stendal.de

Stendal l Auch wenn Jugendamtsleiterin Kathrin Müller keine Freundin abgegriffener Standardformulierungen ist, scheint ihr eine davon in Bezug auf den Hausbesuchsdienst für die Eltern neugeborener Kinder dennoch zu passen: „Das Projekt ist durchaus als Erfolgsgeschichte einzuordnen.“ Denn es zeige, „dass der Landkreis etwas für Familien tut“. Im Kreis-Ausschuss am vergangenen Donnerstag formulierte sie ihre „grobe Zusammenfassung“ so: „Wir haben selten für Dinge, mit denen wir als Jugendamt nach außen gehen, so viel positive Resonanz bekommen wie für dieses Projekt.“ Kein Wunder also, dass sich die Amtsleiterin ganz klar für eine Fortsetzung des Hausbesuchsdienstes (siehe Info-Kasten), ein für die Eltern kostenloses und freiwilliges Angebot, ausspricht.

Die Entscheidung darüber muss der Kreistag treffen. Für dessen Sitzung am 24. September steht eine Grundsatzentscheidung zum dauerhaften Vorhalten dieses Angebotes ab 2022 auf der Tagesordnung. Damit entscheidet der Kreistag dann auch, ob er die jährlichen Kosten zwischen 75.000 und 80.000 Euro aus seinem Haushalt ausgeben will. Seit Einführung des Hausbesuchsdienstes „Willkommen im Landkreis Stendal“ im Jahr 2016 wird das Modellprojekt vor allem mit Geld finanziert, das aus dem Bundestopf „Bildung und Teilhabe“ von Betroffenen nicht abgerufen wird, dem Kreis aber dennoch zur Verfügung steht.

Zukunft es Elternprojekts

Mit dem Grundsatzbeschluss muss die Frage beantwortet werden, ob das Projekt eine Zukunft haben soll. Kathrin Müller wünscht sich das schon allein wegen Saskia Wengler, die den Hausbesuchsdienst mit Leben erfüllt. Die Familien-, Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin hat die Zusatzausbildung als Familienhebamme. „Es war wie ein Fünfer im Lotto, dass wir sie bekommen haben. Es ist schwer, jemanden mit dieser Qualifikation zu finden“, so die Amtsleiterin. Darum ihre Empfehlung: „Es wäre klug, eine solche Fachkraft auf Dauer zu halten.“

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Sollte sich der Kreistag gegen die Fortsetzung entscheiden, stellt sich die Frage: Was wird alternativ gemacht? Denn die „Frühe Hilfe“ gehört zu den Pflichtaufgaben der Kreisverwaltung. Das Jugendamt muss Eltern sowie werdende Väter und Mütter darüber informieren, welche Beratungs- und Hilfsangebote es regional gibt. Dafür kann das Amt ein persönliches Gespräch anbieten. Kathrin Müller: „Aus der Nummer, etwas machen zu müssen, kommen wir generell nicht raus. Darum sollten wir beim Projekt bleiben, das sich bewährt hat und gut ankommt.“

Stelle intern besetzen

So sieht das prinzipiell auch Nico Schulz, Vorsitzender der Kreistagsfraktion „Pro Altmark“. Es sprach sich allerdings dagegen aus, dass angesichts der angespannten Haushaltslage dafür eine zusätzliche Stelle geschaffen wird. In der Kreisverwaltung mit rund 700 Mitarbeitern müsse es möglich sein, ohne Erweiterung des Stellenplans auszukommen. So könnte die Hausbesuchsdienst-Mitarbeiterin eine Stelle „übernehmen“, die in einem anderem Bereich durch Ausscheiden wegen Rente oder Umstrukturierung frei geworden ist.

Die Linke-Fraktionsvorsitzende Katrin Kunert schlug vor, jetzt erst einmal den Grundsatzbeschluss im Kreistag zu fassen und bis 2022 zu schauen, welche Abgänge es im Personalplan gibt und wie die Stelle dort untergebracht werden kann. Auf jeden Fall sollte sie weiter Bestand haben, „denn wir haben damals um das Projekt gekämpft“, erinnerte sie an die Anfänge.

Auch Ralf Berlin, Vorsitzender der Fraktion FDP/Grüne/Landwirte der Region, unterstützt die Fortsetzung. „Es ist wichtig, schon früh mit den Erziehenden in Kontakt zu kommen.“