Stendal l Am Roman „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz (1900-1979), bei dem es um die Rettung eines kleinen Jungen im KZ Buchenwald geht, kamen Schüler zu DDR-Zeiten nicht vorbei. „Das Buch wurde nicht wie ein Roman, sondern wie ein Tatsachenbericht gelesen“, erläuterte die promovierte Literaturwissenschaftlerin Anja Thiele aus Jena am Donnerstag bei einer Podiumsveranstaltung im Kaisersaal des Theaters der Altmark. Unter dem Titel „Erinnern und verdrängen?“ ging es um die Frage des Umgangs mit der Geschichte des Holocaust in der DDR.

Das Buch sei Pflichtlektüre gewesen, sagte Jens Schößler, der am Berufsschulzentrum Geschichte unterrichtet. Er absolvierte seine Schulzeit zu DDR-Zeiten und studierte nach der Wende. „Vieles wurde nicht hinterfragt“, sagt er über den Unterricht zu DDR-Zeiten. „Es gab die Gefahr der Überwältigung“, sagte Schößler. Der Antifaschismus sei das zentrale Thema im Geschichtsunterricht gewesen, ab Klasse 11 sei es nur noch um die Arbeiterbewegung gegangen. „Das haben wir nicht mehr ernst genommen“, so der heutige Lehrer. Vom sogenannten Buchenwald-Mythos habe er erst nach der Wende gehört.

Besuch im KZ Buchenwald war Pflicht

Der Mythos besagte, dass antifaschistischen Widerstandskämpfern im KZ Buchenwald die Selbstbefreiung gelungen war. Genau, dass ist die Geschichte, die in „Nackt unter Wölfen“ erzählt wird: Politische Gefangene befreiten nicht nur sich selbst, sondern auch noch einen kleinen Jungen. Der Mythos der Selbstbefreiung der Gründungsväter der Republik wurde zu einer Staatsdoktrin.

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„Zum Gedenken in der DDR gehörte ein Besuch im KZ Buchenwald dazu“, sagte Schößler. Für viele fand sogar die Jugendweihe an dem historischen Ort statt.

Roman war sehr geschönt und idealisiert

Buchenwald habe sich als „Heldengeschichte“ angeboten, da es dort vergleichsweise viele politische Häftlinge gegeben hatte, sagte Anja Thiele. Gleichwohl sei der Mythos längst historisch widerlegt worden. Obgleich es den Jungen aus „Nackt unter Wölfen“ tatsächlich gegeben hatte, so habe Autor Bruno Apitz die Geschichte sehr geschönt und idealisiert, so die Wissenschaftlerin. Apitz, der Kommunist war und acht Jahre in Buchenwald eingesperrt war, habe beispielsweise nicht erzählt, dass der Junge eigentlich mit Hilfe seines jüdischen Vaters überlebt hatte.

Von (Ver-)fälschungen in der Erinnerungskultur berichtete auch Andreas Froese, der Leiter der Erinnerungsstätte Isenschnibbe bei Gardelegen. So sei in Isenschnibbe 1965 eine Tafel entfernt worden, auf die die Amerikaner 1945 geschrieben hatten, dass der Friedhof mit den 1000 in der Feldscheune ermordeten Menschen auf Anweisung der Amerikaner von der Bevölkerung geschaffen worden und künftig zu pflegen sei. Die politischen Verantwortlichen deuteten die Tafel und damit auch die Gedenkstätte um. Nunmehr hieß es, die Stätte sei „Verpflichtung im Kampf gegen den Faschismus“. Der Hinweis auf die Amerikaner unterblieb.

Erinnerungskultur ändert sich fortlaufend

„Das antifaschistische Wunschbild zog sich durch Literatur und auch die Gedenkstätten“, sagte Froese. Zentraler Baustein der Erinnerungskultur sei der Buchenwald-Mythos gewesen. Man könne bei der Erinnerungskultur jedoch nicht von einem bestimmten Stand ausgehen. So könne er allein die Frage, ab wann Isenschnibbe eine Erinnerungsstätte wurde, nicht eindeutig datieren. So sei am 25. April 1945 der Friedhof angelegt worden, ab dem Jahr darauf habe es jährliche Erinnerungstage gegeben. In den 1950er und 1960er wurde das Gelände und der Tatort immer mehr umgestaltet, bis zum heutigen Tage, wo derzeit ein Besucherzentrum errichtet wird. Wenn man der Sache gerecht werden wolle, müsse man sich das Tatgeschehen ansehen und dann die nunmehr 75-jährige vielschichtige Erinnerungsgeschichte betrachten, sagte Froese.

Moderator und TdA-Dramaturg Tristan Benzmüller hatte das Spektrum des Abends schon zum Einstieg breit gesteckt und geahnt, dass es kaum zu schaffen sein würde. Und in der Tat, jeder der Podiumsgäste hätte mit seinem Fachgebiet den Abend der „Zeitzeugenreihe“ bestreiten können. Und auch aus dem Publikum im guten gefüllten Kaisersaal kamen interessante Einwürfe. So berichtete jemand darüber, dass ihm nicht nur das Abitur verwehrt wurde, sondern auch die Fahrt nach Buchenwald. Er habe sich nicht aktiv für den Staat eingesetzt, habe es geheißen.

Auch die Frage, inwiefern die von Verdrängen geprägte Erinnerungskultur der DDR zum heutigen Rechtsradikalismus beigetragen hat, wurde aufgegriffen. Jemand erkundigte sich nach dem Rückbezug der 68er-Bewegung im Westen auf den Osten, ein anderer wollte etwas wissen zum Einfluss der Serie „Holocaust“ auf das Gedenken – spannend aber fast zu viel für einen Abend. Zumal TdA-Schauspielerin Claudia Tost auch noch aus Ines Geipels Buch „Umkämpfte Zone“ las.