Tangerhütte l „Hier ist ja richtig Stimmung in der Bude“, stellte Tangermündes Stadtwehrleiter Michael Classe am Freitagabend als Gast der Jahresabschlussberatung der Feuerwehren der Einheitsgemeinde Stadt Tangerhütte fest. Er würdigte aber auch die gute Entwicklung der Einheitsgemeindewehr. „Stimmung“ kam auf, als Gemeindewehrleiter Nils Wilhelm im Rahmen seines Jahresberichts den Stadtrat der Einheitsgemeinde kritisierte. „Bittkau hat einiges angestoßen“, sagte er.

Angestoßen hatte die auf den Großbrand (mit einem abgebrannten und mehreren beschädigten Häusern) folgende Diskussion über nicht leistungsfähige Löschwasserbrunnen einiges an Kritik. Während Wilhelm noch im März vergangenen Jahres selbst von massiven Problemen mit teils überalterten Löschbrunnen gesprochen hatte, kam seine Einschätzung der Lage als „nicht bedenklich“ nach dem Großbrand Ende Juni in Bittkau, nicht bei allen Stadträten gut an.

Ihm sei vorgeworfen worden, er würde die Unwahrheit sagen und dem Bürgermeister Andreas Brohm (parteilos) nach dem Mund reden, fasste er jetzt zusammen. „Der Bürgermeister hat beim Einsatz in Bittkau Tagebuch geführt, von den Stadträten habe ich keinen gesehen!“, schimpfte er und betonte: „Wir sind hier im Ehrenamt, wenn Expertisen gefragt sind, braucht es Gutachten von außen!“

Stadträte wehren sich gegen Verallgemeinerung

Zur Jahresabschlussberatung waren auch sieben Stadtratsmitglieder gekommen und als sich die ersten über die Vorwürfe Wilhelms mokierten, sagte er: „Ich gehe davon aus, dass wir die Zusammenarbeit mit dem Stadtrat auch wieder in den Griff bekommen!“

Einige Ratsmitglieder waren sehr verärgert über den Angriff. Edith Braun (WG Lüderitz) kündigte im Anschluss an, künftig an der Versammlung nicht mehr teilnehmen zu wollen. Daniel Wegener (WG Zukunft) forderte, keine Verallgemeinerung zu betreiben. Marcus Graubner (CDU) sagte: „Der Stadtrat ist ein Organ des Abwägens und nicht des Abwinkens! Der Bürgermeister ist Dienstherr der Feuerwehr, aber er ist nicht unser Dienstherr und wir haben eine Gesamtverantwortung. Ich bitte um Respekt – auch uns gegenüber, wir geben unsere Zeit und unsere Kraft, damit wir alle in der Einheitsgemeinde gut leben können!“

Steffi Kraemer (SPD) bat ebenfalls, den Stadtrat nicht zu verallgemeinern und verwies auf steigende Anforderungen und sinkende finanzielle Mittel. Sie bedankte sich aber auch bei allen Kameraden und deren Familien für ihr Engagement und sprach sich für eine enge Zusammenarbeit mit Feuerwehr und Verwaltung aus. Frank Dreihaupt (UWG Südliche Altmark) äußerte sich so: „Wer keine Kritik verträgt, sollte den Job sein lassen!“ Bodo Strube (Die Linke) erklärte zum Problem, dass die Kommunen nicht auskömmlich finanziert seien.

Zu Gast war auch Abschnittsleiter Steffen Buddy, und auch er bezeichnete den Einsatz in Bittkau im Sommer als Ausnahmegeschehen. „Aus diesem Einsatz können wir und andere lernen!“, betonte er. Buddy erinnerte aber noch an etwas anderes: Es gehe nicht darum, etwas für die Feuerwehr zu tun, sondern für die Bürger. „Feuerwehr ist eine Pflichtaufgabe der Kommune, die bestmöglich ausgestattet werden muss!“

Wilhelm hatte in seinem Jahresbericht nicht nur auf die notwendigen Investitionen bei Fahrzeugen und Ausstattung (vor allem auch der nachrückenden, jungen Kameraden) verwiesen, sondern auch erläutert, dass die einzige Sachbearbeiterstelle in der Tangerhütter Verwaltung für den Bereich Brandschutz aus seiner Sicht nicht ausreichend sei.

Entscheidung zwischen Kulturhaus & Löschw

Bürgermeister Andreas Brohm griff die Kritik seines Gemeindewehrleiters, die sich auch auf eine problematische Verschiebung der Mittel im Rahmen des Finanzausgleichgesetzes von Seiten des Landes bezogen hatte, ebenfalls auf: Die Herausforderung sei, Dinge auch mal anzusprechen und er wünsche sich, dass Bürgermeister und Stadtrat in der Zukunft die Kameraden von sich aus fragen, was sie brauchen, statt über angemeldete Bedarfe zu entscheiden, sagte er.

Er erklärte aber auch, dass alles, was an Mehrzuweisungen über das Finanzausgleichgesetz in den kommenden zwei Jahren nach Tangerhütte fließe, in das neue Gerätehaus in Lüderitz gehen werde. „Dabei gibt es tausend andere Sachen: Kitas, Gehwege, Straßen … was ist wichtiger?“, fragte er. Er griff auch die Forderung Wilhelms nach einer zusätzlichen Stelle für den Brandschutz auf: „In keiner anderen Kommune ist der Gemeindewehrleiter nicht auch Mitarbeiter der Verwaltung!“

Auf den Großeinsatz in Bittkau bezogen meinte Andreas Brohm: „Das Leichteste war, nach Löschwasser zu schreien. Aber was wir in Bittkau wirklich brauchten, waren Menschen.“ Nach seiner Meinung müsse man wieder dahin kommen, dass – wie früher – aus jedem Haus eines Ortes ein Bewohner in der Feuerwehr aktiv sei.

Tatsache ist, dass nach den Ende vergangenen Jahres vorgestellten Zahlen des Gemeindewehrleiters von 114 Löschwasserentnahmestellen in der Einheitsgemeinde Stadt Tangerhütte nur gut 52 Prozent die gesetzlich vorgegeben 800 Liter pro Minute liefern können. In Bittkau hatte der Hydrant in der betroffenen Straße nicht ausgereicht, es mussten kilometerlange Leitungen zur Elbe gelegt, zusätzliche Tankwagen und die Bundeswehr zur Unterstützung geholt werden.

Auch wenn inzwischen drei Faltbehälter mit jeweils 15 Kubikmeter Fassungsvermögen als Tanks, die in Zusammenarbeit mit Landwirten bei größerem Wasserbedarf befüllt werden sollen, angeschafft wurden, gibt es Orte, in denen nicht ein leistungsfähiger Brunnen vorhanden ist. „Wer heute fordert, auch nur einen Euro ins Kulturhaus zu stecken, der hat entschieden, dass es keine Löschbrunnen gibt!“, sagte Andreas Brohm. Zum Schluss gab es noch ein versöhnliches Wort von Wilhelm: „Ich möchte meine Verallgemeinerung zurücknehmen ... Wir brauchen die Nähe zum Stadtrat und zur Verwaltung!“