Rehberg l Es ist gutes Land, auf das Hubert Aselmeyer schaut, wenn er über die Landesstraße 18 zwischen Rehberg und Molkenberg nach Osten blickt. Land, das der Bauer und seine Familie bewirtschaften. Die lehmige Tonerde mit einer Bodenwertzahl zwischen 40 und 60 ist die beste, die Aselmeyer unterm Pflug hat. Auf ihr wachsen Weizen und Roggen ebenso gut wie Raps, versprechen Rüben üppige Ernte, finden die Kühe saftiges Futter. Auf nahezu 600 Hektar erstrecken sich die Äcker und Wiesen hier zwischen L 18 und Havel, die zum Landwirtschaftsbetrieb der Aselmeyers gehören. Mehr als die Hälfte der bewirtschafteten Gesamtfläche machen sie aus.

500 Hektar unter Wasser

Noch etwas ist besonders an diesem Land. Es befindet sich in einem der Polder entlang der Havel. Polder sind Auffangflächen für Wasser. Sie geben den Flüssen Raum, wenn sie ihn brauchen, wenn so viel Wasser in ihnen fließt, dass es zur Bedrohung wird. Bei extremem Hochwasser werden Polder geflutet, um anderenorts Gefahren für Menschen und deren Hab und Gut abzuwenden.

So erstmals geschehen 2002. Durch das geöffnete Quizöbler Wehr strömte die Elbe in die Havel und deren Polder. Sechs gibt es zwischen Havelberg und Grabow beidseits der Havel. Zwei Tage blieben den Bauern, die in den Poldern wirtschaften, um ihr Vieh herauszuholen. Dann wurde das Wehr gezogen und binnen 24 Stunden war aus den grünen Poldern von Hubert Aselmeyer ein mehr als 500 Hektar großer, graublauer See geworden, stellenweise mehrere Meter tief, in dem die Ernte versank. Es war August und erst weniges an Getreide vom Halm.

Bilder

Elbabwärts, am Pegel Wittenberge, fiel der Hochwasserscheitel um entscheidende 41 Zentimeter, was enormen Druck von den Deichen nahm, dem Hinterland und den darin Lebenden Dramatisches ersparte.

Hubert Aselmeyer weiß darum, gab dafür klaglos sein Land her – ebenso im Juni 2013, als beim nächsten Jahrhunderthochwasser das Quizöbler Wehr gezogen wurde und der Elbdeich bei Fischbeck brach, das Wasser quasi von zwei Seiten in die Havel und deren Polder drückte.

Wieder landunter bei den Polderbauern. Mit dem Boot, das quasi direkt an der L 18 ankerte, paddelte Aselmeyer mit seinem Sohn über die Getreidefelder, musste zusehen, wie einen halben Meter unterm Kiel die gefüllten Ähren zu verfaulen begannen. Damit nicht genug, musste später, als das Wasser wieder abgeflossen war, aus dem verschlammten Boden wieder Ackerland gemacht, die verfaulte Ernte abgeräumt, der durch den Druck der Wassermassen verdichtete Boden per Erdmeißel gelockert werden.

Millionen-Verluste

Die Schäden summierten sich allein für den Aselmeyerschen Betrieb auf etwa ein halbe Million Euro. Die Schadensbilanz aus dem Jahr 2002 aufgerechnet, beliefen sich die Verluste auf eine knappe Million Euro.

Entschädigt worden sind die Aselmeyers dafür bis heute nicht einmal zur Hälfte. Ihren Berufskollegen, den Polderbauern auf sachsen-anhaltischem Havelland, geht es ähnlich.

„Seit 13 Jahren kämpfen wir um eine gerechte Entschädigung, ohne Erfolg.“ Verbitterung klingt in den Worten von Hubert Aselmeyer mit – jetzt, wo er seit langem mal wieder darüber spricht, in den Unterlagen von damals blättert. Nicht jeden Tag ist das Thema bei den Aselmeyers, bei weitem nicht. „Wir haben anderes zu tun“, sagt der Bauer. Ein Betrieb ist zu führen, dafür zu sorgen, dass ihr Vieh gut versorgt und gesund ist, dass das Land bestens beackert wird, dass die Mitarbeiter jeden Monat ihren Lohn bekommen. „Wir sind halt Landwirte“, bringt es Hubert Aselmeyer auf den Punkt.

Eben genau darum ist es für ihn und die anderen Polderbauern entlang der Havel, die ihr Land geben, um andere zu schützen, um so wichtiger für Flutungsschäden voll umfänglich entschädigt zu werden. Eine Forderung an das sachsen-anhaltische Landwirtschaftsministerium, die bislang ungehört geblieben sei.

Das ist etwas, dass auch Kerstin Ramminger nicht verstehen kann. Die Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes Stendal redet Klartext: „Die Polder zu fluten, diese Entscheidung fällt, wenn es sein muss, in Minuten. Aber die Bauern, deren Flächen dadurch überflutet werden, entsprechend zu entschädigen, ist in Jahren nicht möglich? In Sachsen-Anhalt wird nach Haushaltslage des Landes über die Höhe der Entschädigungen entschieden. Es gibt keine gesetzliche Grundlage und damit auch keinen festgeschriebenen Anspruch, der den Bauern garantiert, zu hundert Prozent für ihre Verluste entschädigt zu werden. Das kann nicht sein, das darf nicht sein“, sagt Ramminger. Und das auch nicht erst seit gestern.

Brief bis heute ohne Antwort

Vor gut einem Monat erst wandten sie und der Vorstand des Kreisbauernverbandes sich mit einem offenen Brief ans Landwirtschafts- und Umweltministerium. Darin ist die Situation detailliert geschildert, werden alle bisherigen Schritte des Verbandes aufgeführt, wird auf einen einstimmig gefassten Beschluss des Stendaler Kreistages aus dem Dezember 2013 verwiesen, der die hundertprozentige Entschädigung der Polderbauern entlang der Havel durch das Land fordert. Wann endlich wird es eine gesetzlich geregelte, hundertprozentige Entschädigung für die Polderbauern an der Havel geben? Das ist die Kernfrage, die in diesem Brief gestellt wird. Eine Antwort darauf gibt es bis heute nicht.

Die Bauersleute Aselmeyer wollen ihren Betrieb später einmal den Kindern übergeben. Unter Bedingungen, wo jede Flutung ihrer Polderflächen wegen nicht geregelter Entschädigungen existenzbedrohend werden könne, habe er kein gutes Gefühl dabei, seinen Kindern diese Last aufzubürden, sagt Hubert Aselmeyer.