Stendal l An die Gaststätte „Zur guten Stunde“, in der Kriegs- und Nachkriegszeit als „Horstmann“ bekannt, erinnert sich so mancher Stendaler – es muss einmal ein sehr beliebtes und belebtes Ausflugslokal gewesen sein. Auch für Volksstimme-Leserin Erika Packebusch sind damit schöne Erinnerungen verbunden, weshalb sie sich fragt, was wohl aus dem seit Jahrzehnten geschlossenen Gebäude wird. „Es ist dem Verfall preisgegeben, das ist doch schade“, findet sie.

Keine Bauarbeiten geplant

Spaßvögel haben an das zusehends marode Backsteingebäude einen hoffnungsverbreitenden Spruch gemalt: „Wegen Umbau geschlossen“. Doch hier wird nicht gebaut, hier ist alles dicht. Die Holzjalousien verwittern vor sich hin, Gras und Strauch erobern das Terrain. Nach Auskunft der Stadtverwaltung Stendal befindet sich das Grundstück in privatem Besitz und es liegen „derzeit keine Baumaßnahmen zur Genehmigung vor“. Aber, so Stadtsprecher Philipp Krüger: „Das Bauaufsichtsamt beobachtet den Zustand des baufälligen Gebäudes und wird gegebenenfalls Maßnahmen zur Sicherung veranlassen.“

Herrliche Lage

Die Lage scheint aus Laiensicht geradezu ideal: Auf dem Weg in den Stadtforst oder eben auf dem Rückweg vom Ausflug hier einzukehren... eine famose Vorstellung. Diesen Vorzug nutzte auch der letzte Gastwirt Paul Horstmann im Jahr 1955 für seine Werbung: „1 km von Stendal nahe der Stadtforst. Herrlicher Spaziergang ohne Autoverkehr. Schattiger Garten, Veranda, Saal für Familienfeste. Herrliche Birken, Eschen, Eichen. Allee von Stendal bis zur Forst."

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Diese Annonce hat Gustav Steinecke ausfindig gemacht, der sich mit der Geschichte der Stendaler Gastronomie ausführlich befasst hat. Herausgefunden hat er zur Haferbreite außerdem: „Als Joachim Bromann 1913 das Lokal übernahm, gab es noch keine Straße. Nur ein Feldweg führte hierher.“ Auch zwei Jahre später war dies offenbar noch der Fall.

Anfangs ohne Schankerlaubnis

Die Geschichte der Gastwirtschaft stadtauswärts am Ende der Haferbreite beginnt am 19. Mai 1836: Ludwig Neumann übernimmt den Gaststättenbetrieb unter dem Namen „Nach der Haferbreite“. Als nächste Inhaber oder Betreiber sind folgende verzeichnet: 1854 ein Herr Isensee, 1893 Friedrich Voigt, 1904 Carl Barfels, 1913 Joachim Bromann, 1915 Friederike Voigt, 1937 Werner Horstmann, 1954 Paul Horstmann.

Eine Schankerlaubnis hatten die ersten Gastwirte nicht, sie war offenbar gar nicht so einfach zu ergattern. Es gab mehrere Anträge, sogar Unterschriftensammlungen, die allesamt abgelehnt wurden. Der Ausschank wurde natürlich trotzdem betrieben. Erst Friedrich Voigt erhielt 1893 eine solche Erlaubnis, mit der „Beschränkung des Branntweinausschanks auf Rum, Arrak, Kognak und Liqueuren“.

Betrieb bis in die 80er

Als der erste Gastwirt an der heutigen Adresse Haferbreite 11 seine Restauration betrieb, lag sie noch weitab der Stadt. Die Kolonie Haferbreite war Ende des 18. Jahrhunderts auf Befehl Friedrich II. entstanden. Das Restaurant „Zur guten Stunde“ gab es laut Steinecke noch bis in die 1980er Jahre hin­ein, wenn auch nicht mehr als Ausflugslokal.