Stendal l Er hat schon fast ein Jahrhundert erlebt. Und nicht nur gute Zeiten. Doch auch das hat Ernst Bendschneider nicht seinen Humor verlieren lassen und auch nicht seinen Lebensmut. „Er bringt hier immer eine fröhliche Stimmung rein“, sagt Dr. Antje Fürstenberg-Schaette, als er am Sonnabend an seinem 99. Geburtstag zur Behandlung im Stendaler Dialysezentrum ist. „Die hier machen mich fröhlich“, erwidert er verschmitzt mit Blick auf die Mitarbeiterinnen, „da ist ja eine schöner als die andere.“

Seit 2015 ist er im Zentrum in Behandlung, muss dreimal in der Woche mehrere Stunden an die Dialyse angeschlossen werden, um seine Niere zu entlasten. Vor vier Jahren hat er sich aus Liebe zu seiner Frau zu diesem Schritt entschieden, „damit sie noch mehr Zeit miteinander verbringen können“, wie die Ärztin weiß. Seit dem vergangenen Jahr muss er als Witwer den Kampf allein kämpfen. Doch er gibt nicht auf.

Der Liebe wegen nach Hohenwulsch gelangt

Geboren wurde er 1920 in Neumark östlich der Oder im heutigen Polen. Er lernte Autoschlosser, musste dann in den Krieg ziehen. Nachdem er aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen war, versuchte er, seine Eltern zu finden. Doch von ihnen gab es keine Spur mehr. Seine Schwester war in Österreich verheiratet, ihn führte sein Weg aber nach Hohenwulsch. „Ich hatte eine Braut, na ja, eine Freundin, die war dort zu Hause“, erinnert er sich. Seine Freundin wurde tatsächlich seine Braut, die beiden heirateten. Und an die Hochzeit hat er noch ganz besondere Erinnerungen. „Da hat jeder seinen selbstgebrannten Schnaps mitgebracht, wir waren hinterher ganz schön duhn“, sagt er.

Ernst Bendschneider fing an, beim RAW in Stendal zu arbeiten. Am Anfang war die schwere und laute Tätigkeit für ihn eine Belastung, doch er gewöhnte sich daran. Bis zu seiner Rente arbeitete er für die Reichsbahn. Doch dann setzte er sich noch nicht aufs Altenteil. In der Röxer Verkaufsstelle des Konsum wurde er gebraucht und das machte ihm Spaß. „Ich wollte doch nicht faul sein“, sagt er gut drei Jahrzehnte später mit wachem Blick. Nach Röxe war die Familie 1956 gezogen, er hat einen Sohn und eine Tochter und lebt heute noch in dem Reihenhaus von damals.

Zu den Kollegen aus der Zeit beim RAW gibt es keinen Kontakt mehr. „Die aus meiner Generation sind alle schon tot, da muss ich mal sehen, dass ich hinterherkomme“, sagt er mehr im Scherz als mit ernsthaften Anschiedsgedanken.

Tägliche Lektüre der Tageszeitung

Wenn er auch in Röxe allein lebt, ganz ohne Hilfe ist er nicht. Die Sozialstation kümmert sich um ihn, das Essen kommt auf Rädern, aber er kommt gut zurecht. Nur der Garten, den er hatte, vermisst er. „Wenn ich jetzt rausgucke und alles blühen sehe, blutet schon ein wenig das Herz“, sagt er etwas traurig, ohne dass ihn Wehmut wirklich übermannen würde. Interessiert am Geschehen ist er immer noch. Täglich liest er die Volksstimme, „manchmal ärgert man sich, manchmal freut man sich“, meint er.

Vor allem interessiert ihn das Geschehen in Stendal und Umgebung. Und der Sport. Er selbst hat viele Jahre bei Aufbau Hohenwulsch gespielt. „Und wir waren nicht schlecht“, betont er mit kräftiger Stimme. Für den Magdeburger Fußball interessiert er sich ganz besonders, manches daran ärgert ihn aber auch. „Die Spieler sollen nicht soviel reden, sondern auf dem Platz zeigen, was sie können“, ist seine Überzeugung und: „Ich finde es unmöglich, dass so viele Zuschauer dahin fahren, nur um Rabbatz zu machen, das war doch früher anders.“

Zum Geburtstag ist der Vorsitzende des Stadtseniorenrates, Wolfgang Kruse, gekommen. Als gebürtiger Röxer ist er sozusagen ein Nachbar und neben Blumen, einem Stendal-Buch und Geburtstagsgrüßen hat er auch noch viele wärmende Worte mitgebracht. So richtig zum Leuchten bringen die Augen des Geburtstagskindes aber die Mitarbeiterinnen der Dialyse mit ihrer Torte, auf der eine 99 prangt und eine große Wunderkerze sprüht. „Oder 66, wenn wir sie umdrehen“, meinen sie. Und der Jubilar schmunzelt sein immer noch charmantes Lächeln. Dazu bräuchte es wohl mehr, als nur eine Torte umzudrehen.

Dialyse auch noch in hohem Alter möglich

Ernst Bendschneider ist eine Seltenheit. Bei ihren Recherchen ist Dr. Fürstenberg-Schaette auf einen einzigen 100-Jährigen Dialysepatienten gestoßen, in Hessen, das sei allerdings schon einige Jahre her. Dank der medizinischen Fortschritte und der nicht existierenden Altersgrenze für Dialyse – anders als in anderen Ländern wie beispielsweise Großbritannien – kann er dieses Alter durchaus auch erreichen.

„Dann kommen Sie wieder“, sagt der 99-Jährige zu dem Zeitungsredakteur. „Dann kommt auch der Oberbürgermeister“, setzt Kruse noch einen drauf. Am Wochenende ist erst einmal die Familie gekommen. Ernst Bendschneider hat einen Sohn und eine Tochter, zwei Enkelkinder und vier Urenkel – und ist nicht allein.