Stendal l Der Fachkräftemangel im Landkreis ist spürbar, Nachwuchs rar. Geflüchtete und Migranten werden deshalb vermehrt zur Alternative für Arbeitgeber. Christoph Zempel sprach mit Felix Rüge, Willkommensbegleiter für die Altmark der Landesinitiative "Fachkraft im Fokus" darüber, wie Unternehmen im Integrationsdschungel durchsehen können, auf welche Probleme Geflüchtete stoßen und wie Unternehmen gut mit ihnen umgehen können.

Volksstimme: Herr Rüge, viele Unternehmen sehen in Geflüchteten Alternativen, aber wissen kaum, wer der richtige Ansprechpartner ist. Als Willkommensbegleiter sind Sie nah dran an geflüchteten Menschen. Wie können Sie Unternehmen helfen?

Felix Rüge: Ich bringe sie mit Geflüchteten oder Migranten zusammen, begleite deren Integrationsprozess in Unternehmen und unterstütze bei organisatorischen Aspekten wie Praktika, Qualifizierungen oder Fördermöglichkeiten, die mit unseren Ansprechpartnern bei den Agenturen zu klären sind. Wenn ein Unternehmer wegen einer offenen Stelle auf mich zukommt, schaue ich, ob ich jemanden kenne, der aus dem Bereich kommt. Wenn nicht, fahre ich los und versuche, mein Netzwerk zu bedienen.

Um welche Zielgruppe kümmern Sie sich denn?

Menschen, die aus Drittstaaten, also außerhalb der Europäischen Union, kommen.

Wie kommt Ihr Kontakt mit diesen Menschen zustande?

Oft lerne ich sie direkt kennen, zum Beispiel in Sprachschulen oder über Migrationsberater. Nicht nur in Stendal, auch in Salzwedel oder Gardelegen. Oft kommen Kontakte aber auch über Ehrenamtliche zustande. Dazu kommen Kirchen. Ohne Zusammenarbeit würde es nicht funktionieren. Wenn jemand aus einem anderen Land geflüchtet ist, dann braucht es Vertrauensarbeit. Gerade, wenn es Probleme mit den Behörden gibt.

Von welchen Problemen berichten Ihnen die Menschen?

Oft geht es Geflüchteten so, dass sie einen positiven Asylbescheid bekommen, dann rutschen sie ins Arbeitslosengeld II beim Jobcenter und sehen kaum Fortschritte. Die Normen und Prozesse in Deutschland müssen sie erst lernen, sich mit der Kultur vertraut machen. Aus ihrer Sicht dauert das zu lange. Und es ergeben sich viele Probleme nebenbei, die das Jobcenter nicht so einfach lösen kann.

Zum Beispiel?

Sie fragen sich, wie Schulanmeldungen für Kinder funktionieren, wo es medizinische Versorgung gibt, wie das mit Versicherungen läuft. Ich stelle ihnen außerdem Berufe und Unternehmen vor und gebe Tipps, wie sie es dorthin schaffen können. Also zum Beispiel, wie man sich bewirbt, welche Rechte und Pflichten sie haben oder wie sie eine Krankenversicherung abschließen. Manchmal rufen mich auch Unternehmen an, die das nicht wissen. Weil die Zusammenhänge nicht klar sind, ist es manchmal Zufall, dass Geflüchtete beziehungsweise Migranten in Arbeit kommen. Und das ist traurig.

Für Unternehmen ist es oft schwer, durchzusehen im Dschungel aus Behörden und Organisationen, die sich mit Integration befassen. Da ist Überforderung programmiert.

Meine Aufgabe ist es, ihnen den Weg zu weisen und Dinge anzustoßen. Ich kenne alle wichtigen Ansprechpartner. Zwar kann auch ich nicht alles allein tun, aber ich habe einen direkten Draht, und meine Hilfe ist für Unternehmen kostenlos. Ich komme sogar zu ihnen.

 

Was sollte ein Unternehmer denn tun, wenn er die Bewerbung eines Geflüchteten auf dem Tisch hat, ihm auch gern ein Praktikum anbieten würde, jedoch dessen Asylstatus noch ungeklärt ist?

Entweder die Agentur für Arbeit oder mich anrufen. Bei "Fachkraft im Fokus" prüfen wir die rechtliche Situation. Dann gehen wir die nächsten Schritte an mit den Behörden, wie zum Beispiel dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), oder Ansprechpartnern bei den Kammern und dem Jobcenter beziehungsweise der Agentur für Arbeit, die ihre Zustimmung geben müssen, wenn ein Geflüchteter einen Job annehmen möchte. Gerade, wenn er dafür umziehen muss und noch nicht anerkannt ist.

Es hat schon Fälle gegeben, in denen Asylbewerber einen Job in Aussicht hatten, für den sie hätten umziehen müssen, und das Jobcenter dies abgelehnt hat. Wie ist das vereinbar mit dem Fachkräftemangel?

So sind die gesetzlichen Bestimmungen. Und die sind nicht ohne Grund so. Das Interessante ist allerdings, dass es manchmal Ermessensspielraum gibt, je nachdem, wie die Entscheidung des BAMF ausfällt, ob die Genfer Flüchtlingskonventionen eine Rolle spielen oder subsidiärer Schutz besteht.

Wie groß ist Ihrer Erfahrung nach die Motivation Geflüchteter zu arbeiten?

In den meisten Fällen haben sie das Ziel zu arbeiten. Zumindest die Menschen, die ich begleite.

Wie gehen Sie vor, um die Menschen fit zu machen für den Arbeitsmarkt?

Zunächst lerne ich sie kennen, schaue, wie ich ihnen helfen kann, was für berufliche Erfahrungen und Kenntnisse sie haben. Auch die Familiensituation spielt eine Rolle. Dann gibt es eine Kompetenzanalyse. Es braucht Belege, um zu sehen, mit welchen Verfahren und mit welchem Material sie in ihrer Heimat gearbeitet haben.

Inwiefern?

Nehmen wir folgendes Beispiel: Ein Elektriker hat 15 Jahre in Syrien gearbeitet. Dann versuche ich, herauszufinden, mit welchen Maschinen er gearbeitet hat und welche Normen er kennengelernt hat. Hatte er Personalverantwortung oder nicht? Ich erstelle ein Profil von ihm. Da fließt ebenso meine Einschätzung ein, wie es um seine weichen Faktoren bestellt ist. Also: wie fließend er die Sprache spricht, ob er im Team arbeiten kann und pünktlich ist. Ich muss jemanden ja guten Gewissens bei einem Unternehmen empfehlen können.

Und das Profil bekommen dann interessierte Unternehmen?

Genau, allerdings in Absprache mit dem Jobcenter, denn der Datenschutz muss gewahrt werden. Mit den Unternehmen rede ich dann über die Anforderungen der Stelle. Meist biete ich zudem ein gemeinsames Vorstellungsgespräch an. Ich muss zwar nicht dabei sein, aber das wollen Unternehmen nicht selten. Sie kennen ja meist solche Situationen nicht. Und auch für die Migranten ist es gut, wenn sie eine Vertrauensperson dabei haben. Dabei antworte ich natürlich nicht selbst, aber unterstütze beim Gespräch.

 

Wenn Unternehmen und Bewerber sich einig sind, was sind dann die nächsten Schritte?

Wenn abgesprochen ist, wann es losgehen kann, informiere ich das Jobcenter. Jede Tätigkeit muss ja bekanntgegeben und dort die Möglichkeiten der Unterstützung ausgelotet werden. Auch spanne ich Akteure wie das Zentrum für Migration und Arbeitsmarkt, die Kammern, Hochschulen und die Wirtschaftsförderung ein, um über Qualifizierungen und Unterstützung zu sprechen. Meinen Betreuten empfehle ich meistens vorerst ein Praktikum. Jeder sollte sich anschauen, ob der Job so ist, wie er sich das vorstellt.

 

Wenn ein Migrant oder Geflüchteter in Arbeit ist, betreuen Sie ihn dann weiter?

Ja. Ich gehe zum Beispiel am ersten Tag mit. Denn gerade die Einweisung zu Beginn nimmt meist ein anderer Vorgesetzter vor. Oft tauchen neue Probleme und Fragen auf. Und auch interkulturelle Herausforderungen werden ein Thema.

Da gibt es sicher einige Probleme.

Ja, das fängt bei der Verständigung an und geht beim Vertrauen weiter - wie geht man mit Kollegen und Vorgesetzten um? Auch die Pausenzeiten sind ein Thema. Gerade im arabischen Raum arbeitet man zu anderen Zeiten. Es wird später angefangen und nicht so getaktet gearbeitet. Wir haben andere Gesetze und Qualitätsstandards. Oft tauchen Fragen auch auf Unternehmerseite auf. Zum Beispiel, ob man einem Muslim einen Gebetsraum einrichten muss.

Muss man?

Natürlich nicht.

Viele Geflüchtete sind Muslime. Wie sollten Unternehmen mit dem islamischen Glauben umgehen?

Es treffen natürlich zwei Bedürfnisse aufeinander. Einerseits soll der Betriebsablauf normal laufen, andererseits sollen die privaten Bedürfnisse des Mitarbeiters geachtet werden. Man darf beispielsweise als Unternehmer nicht nach der Religion fragen. Mein Vorschlag für Unternehmen wäre dennoch, mit einem religiösen Ansprechpartner über eine Lösung zu sprechen und wann es Ausnahmen geben kann. Ich würde auch gern den Kontakt zwischen Unternehmen und islamischer Gemeinde herstellen. Meiner Erfahrung nach sind sie dort sehr gesprächsbereit.

 

Sie haben bereits mehr als hundert Drittstaatler begleitet. Welche negativen Erfahrungen haben Sie gemacht?

Es gab natürlich auch persönliche Enttäuschungen. Ich hatte mal ein Praktikum vereinbart und mein Betreuter ist am ersten Tag nicht gekommen. Das letzte Gespräch hatten wir zweieinhalb Wochen zuvor. Da hätte ich ihn mehr an die Hand nehmen sollen. Das Problem war, er hatte den falschen Tag in Erinnerung. Das kann passieren. Er hat sich entschuldigt, wollte dann aber nicht mehr dort arbeiten und lieber umziehen. Vielleicht liegt das an der Kultur. Das Gesicht nicht zu verlieren, ist ja im arabischen Raum bedeutsam. Deshalb biete ich seitdem vorher ein Gespräch an. Bisher ist das nicht noch mal passiert. Ich hoffe, das bleibt so.

 

Was brauchte es, damit mehr Geflüchtete und Migranten in Arbeit kommen?

Mehr Transparenz. Es muss klar sein, welche Berufe gesucht werden und welche Unternehmen infrage kommen. Denn viele Unternehmer sind ja bereit, sich jemanden anzuschauen. Außerdem müssten Unternehmen mehr Praktika anbieten, sich mehr nach außen zeigen. Es gibt viele gute Unternehmen, die nicht bekannt genug sind. Und die Angebote des Jobcenters und der Agentur für Arbeit sollten mehr genutzt werden. Es gibt so gute Programme, um Unternehmen zu unterstützen. Gerade in einem ländlichen Raum wie der Altmark muss zudem über Shuttles nachgedacht werden. Es kann nicht sein, dass es am Ende daran scheitert, dass jemand keinen Führerschein hat.

 

Vielen Dank für das Gespräch.