Abfallwirtschaft

Im Bioabfall steckt viel Energie: Vergärungsanlage in Bernburg wird für den Landkreis Stendal interessant

Soll der Bioabfall aus dem Landkreis Stendal künftig weiter im Freien kompostiert oder soll er zur Biogas-Gewinnung vergärt werden? Dieser Frage müssen sich die Mitglieder des Kreistages stellen, wenn sie demnächst das neue Abfallwirtschaftskonzept für den Landkreis Stendal beschließen. Vom Mannheimer Energieunternehmen MVV gibt es eine konkrete Idee für eine „Übergangslösung“, bis die Anlage im benachbarten Colbitz fertig ist.

Von Donald Lyko
Im Gewerbegebiet West, nahe der Autobahn 14, entsteht derzeit bei Bernburg eine moderne Bioabfallvergärungsanlage. Im hohen Gebäude wird der riesige Fermenter für die Vergärung sein, im vorderen Bildbereich  wird sich die Biogutannahme befinden.
Im Gewerbegebiet West, nahe der Autobahn 14, entsteht derzeit bei Bernburg eine moderne Bioabfallvergärungsanlage. Im hohen Gebäude wird der riesige Fermenter für die Vergärung sein, im vorderen Bildbereich wird sich die Biogutannahme befinden. Fotos: Donald Lyko

Colbitz im benachbarten Bördekreis und Bernburg im Landessüden sind zwei Orte, die in den kommenden Monaten und Jahren für den Landkreis Stendal sehr interessant werden könnten und dürften – dann nämlich, wenn es um die hochwertige Verwertung von Bioabfällen geht. Ein Thema, das aktuell auf der Tagesordnung steht und für das bald die Weichen gestellt werden müssen.

Denn den Mitgliedern des Kreistages liegt ein Entwurf für die Fortschreibung des Abfallwirtschaftskonzeptes des Landkreises vor, über das demnächst abgestimmt wird. Am heutigen Dienstag soll das 161 Seiten starke Papier dem Ausschuss für Ordnung, Umwelt und Landschaftsschutz vorgestellt werden.

Eine der Kernaussagen im Unterpunkt Bioabfallverwertung: „Im Binnenvergleich von reiner Kompostierung einerseits und Vergärung mit nachgeschalteter Kompostierung andererseits gewährleistet die Vergärung im ökobilanziellen Vergleich den Schutz von Mensch und Umwelt am besten.“ Denn: Bei der Vergärung kann nicht nur der Nährstoffgehalt des Bioabfalls in Form von Kompost genutzt werden, sondern auch der Energiegehalt in Form von Biogas. Darum möchte der Landkreis Stendal die Möglichkeiten einer hochwertigen Verwertung des anfallenden Bioguts „grundsätzlich prüfen“, heißt es im Konzeptentwurf.

Geruchs- und geräuschlos: Anlage zur Vergärung ist komplett eingehaust

In die „grundsätzliche Prüfung“ hinein kommt vom Mannheimer Energieunternehmen MVV schon eine ganz konkrete Idee – und in der geht es um Bernburg. Dort, im Gewerbegebiet West unmittelbar an der Autobahn 14, entsteht gerade eine hochmoderne Bioabfallvergärungsanlage. Im Dezember war der Bau offiziell gestartet worden, im Herbst soll die Anlage im Testmodus für einen sechs- bis achtwöchigen Probebetrieb hochgefahren werden. Ab 1. Januar 2022 geht die Anlage dann richtig ans Netz.

Und nun zur Idee: Die für 33?000 Tonnen Bioabfall ausgelegte Anlage (etwa die Hälfte kommt aus dem Salzlandkreis) hat die Kapazität, ab kommendem Jahr auch Bioabfall aus dem Landkreis Stendal aufzunehmen. „Der würde mit geeigneten Transportern hergebracht werden, die kommunalen Sammelfahrzeuge selbst müssten nicht über die Autobahn kommen“, erklärt Dirk Tempke, Mitarbeiter der MVV-Geschäftsentwicklung.

Die Lieferung nach Bernburg wäre nur temporär, denn in einigen Jahren soll quasi vor der Haustür eine weitere Bioabfallvergärungsanlage an den Start gehen: in Colbitz. Dort hat sich MVV im vergangenen Jahr eine Baufläche gesichert, geplant ist eine Investition von rund 20 Millionen Euro, ähnlich der in Bernburg. Firmenvertreter hatten sich auch in Stendal zwei Standorte angeschaut, einen am Langen Weg und einen nahe des Flugplatzes Borstel. Beide sind prinzipiell für die Ansiedlung einer solchen Anlage geeignet, die komplett eingehaust und abgeschottet ist und dadurch geruchs- und geräuschlos arbeitet.

Strategische Lage gab Ausschlag für Investition in Colbitz

Am Ende war die strategische Lage von Colbitz ausschlaggebend: nicht nur an der A?14 gelegen, sondern zentral innerhalb der Gebiete, aus denen Bioabfall angenommen werden soll: aus dem Landkreis Stendal, dem Bördekreis, dem Jerichower Land und aus Magdeburg. Bei den Überlegungen wurde ein Radius von 40 bis 50 Kilometern betrachtet, in dem der Rohstoff gesammelt werden kann. Wenn alles klappt, könnte die Colbitzer Anlage im Jahr 2025 ihren Betrieb aufnehmen.

Der Vorschlag des Mannheimer Unternehmens, das international aufgestellt und auf den Ausbau der erneuerbaren Energien ausgerichtet ist, kommt auch mit Blick auf andere Entscheidungen, die im Landkreis Stendal getroffen werden müssen. Denn Mitte kommenden Jahres läuft der aktuelle Vertrag für die offene Bioabfall-Kompostierung im Tangerhütter Ortsteil Polte aus. Der Vertrag sieht als Optionen eine Verlängerung um zwei und anschließend um ein weiteres Jahr vor, insgesamt also bis spätestens 2025.

Die Karte der hochwertigen Verwertung könnte theoretisch aber schon früher gezogen werden, zumal während der sehr umfassenden Debatte im vergangenen Jahr über die neue Abfallentsorgungssatzung und die neuen Entsorgungsgebühren im Landkreis Stendal mehrfach die stoffliche und energetische Verwertung von Bioabfall angesprochen, mitunter sogar gefordert, worden war. Der Grundtenor: Warum soll das Biogut ungenutzt auf offenen Kompostierungsflächen liegen und mit den aufsteigenden Gasen die Umwelt belasten, wenn mit einer Vergärung Biomethan produziert werden kann und dazu biozertifizierter Kompost.

Dass der Weg immer mehr in Richtung klimaneutrale Entsorgung geht, ist für Dirk Tempke mehr als nur ein Trend. Mit Blick auf kommende und angekündigte Auflagen und Gesetzesänderungen zum Schutz des Grundwassers und der Luft werde mittelfristig die offene Mietenkompostierung kaum oder gar nicht mehr möglich sein, schätzt der Fachmann.

Zusammenarbeit mit regionalen Partnern, erste Gespräche in Stendal

„Heutzutage wollen wir aus allen Abfallströmen Energie gewinnen. Beim Bioabfall funktioniert das sehr gut mit hoher Wirtschaftlichkeit und hoher Qualität“, so Dirk Tempke.

Sein Kollege Julian Bott, Projektverantwortlicher bei der MVV, schließt sich dem an: „Wir dürfen den Energiegehalt von Abfällen nicht ungenutzt lassen. Gärgase sind eine wertvolle Ressource.“ Einen Vorteil in der Vergärung und der Produktion von Biogas sieht er unter anderem in der zuverlässigeren und wetterunabhängigen Verfügbarkeit gegenüber Windkraft und Sonnenenergie.

MVV arbeitet bei ihren Projekten mit Versorgern vor Ort zusammen, hat sich unter anderem schon bei den Stendaler Stadtwerken vorgestellt. „Denn wir wollen keinen Müllexport, sondern eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft durch eine regionale Lösung“, erklärt Dirk Tempke. Hier produziertes Biogas soll vor Ort genutzt werden, eingespeist ins Netz oder direkt verwendet, zum Beispiel beim Betanken von Bussen oder Abfallfahrzeugen.

So soll der Bernburger MVV-Standort in einigen Monaten aussehen, wenn er im Herbst 2021 den Probebetrieb aufnimmt.
So soll der Bernburger MVV-Standort in einigen Monaten aussehen, wenn er im Herbst 2021 den Probebetrieb aufnimmt.
Foto: Planung MVV