Tangerhütte l In den zurückliegenden Jahren bissen die Mitglieder des Vereins „Aus einem Guss“ mit ihren Ideen, den alten Tangerhütter Gießereihallen neues Leben einzuhauchen, mehrfach beim Tangerhütter Stadtrat auf Granit. Dabei ging es um Millionenbeträge. Schließlich habe man sich im vergangenen Frühjahr entschlossen, in Sachen der Erhaltung von Tangerhütter Industriekultur „kleinere Brötchen zu backen“, so der Vereinsvorsitzende Frank Dreihaupt.

Räume für Veranstaltungen und ein Museum

Die Modelltischlerei, als Projekt eher übersichtlich, rückte in den Fokus. Gemeinsam mit hiesigen Vereinen und dem Unternehmen Techno-Guss wolle man nach einer Aufräumaktion in dem dreietagigen Gebäude Räume für Veranstaltungen und Versammlungen schaffen, ein Museum zur Tangerhütter Industriegeschichte einrichten. Diese Pläne müssten allerdings auch noch vom Stadtrat abgesegnet werden.

Zwischenzeitlich visieren die Akteure von „Aus einem Guss“ aber auch wieder die wesentlich anspruchsvollere Aufgabe an, die mittlerweile nur noch als Ruinen vorhandenen Industriehallen wiederbeleben zu wollen. Ermuntert werden sie von kommunal- und landespolitischen Beschlüssen.

Die Eisengießerei in Tangerhütte

Tangerhütte (ta) l Einst florierte dank der Eisengießerei die Wirtschaft in Tangerhütte. Heute sind von dem beeindruckenden Industrieensemble nur noch Ruinen übrig.

  • Das Eisenwerk in Tangerhütte um 1907, aufgenommen von der heutigen Industriestraße aus. Das einstige

    Das Eisenwerk in Tangerhütte um 1907, aufgenommen von der heutigen Industriestraße aus....

  • Aufbau der Gießerei III (heutige Produktionsstätten der

    Aufbau der Gießerei III (heutige Produktionsstätten der "TechnoGuss") im Jahre 1916. Bi...

  • Mitarbeiter der Eisengießerei in Tangerhütte im Jahre 1934. Wie der Schriftzug auf der Tafel vermuten lässt, könnte dieses Bild in den historischen Hallen entstanden sein, die bis heute auch von Außen den Schriftzug

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  • Zur Einweihung eines neuen Magazingebäudes auf dem Gelände der Eisengießerei wurde gefeiert. Das Objekt dürfte heute nicht mehr stehen. Bildquelle: Privatarchiv Sven Biermann

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  • Diese Luftaufnahme des Gießereigeländes soll aus dem Jahre 1935 stammen.  Das dreigeschossige Gebäude unten in der Bildmitte ist die alte Modelltischlerei an der Wagenführstraße. Oben am Bildrand dürfte das heutige Gießereigelände beginnen, die Gebäude dazwichen sind fast alle verschwunden. Bildquelle: Privatarchiv Sven Biermann

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  • Magazin-Einweihung auf dem Gießereigelände in Tangerhütte. Das Gebäude dürfte heute nicht mehr stehen. Bildquelle: Privatarchiv Sven Biermann

    Magazin-Einweihung auf dem Gießereigelände in Tangerhütte. Das Gebäude dü...

  • Mitarbeiter der Modelltischlerei im Jahr 1942 - im 100. Jahr des Bestehens der Eisenhütte. Bildquelle: Heimatmuseum Tangerhütte

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  • Das

    Das "Comptoir" - das Verwaltungsgebäude gleich am Eingang zum Betriebsgelände (heute vo...

  • 2017: Von den Dächern in den großen Produktionshallen der historischen Gießerei an der Tangerhütter Industriestraße sind  an manchen Stellen nur Rudimente geblieben. Die gusseisernen Rundbogenfenster wurden einst

    2017: Von den Dächern in den großen Produktionshallen der historischen Gießerei an...

  • Dieses Foto zur Veranschidung von Walther Eickemeyer enstand1971/1972 in der Modelltischlerei, ganz links im Bild der spätere Lehrmeister für Generationen von Lehrlingen, Wilfried Hannemann. Bidlquelle: Privatarchiv Wilfried Hannemann

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  • Die alten Hallen der Gießerei Tangerhütte fallen nach und nach in sich zusammen. Foto: Tanja Andrys

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  • Die Fassade der Gießereihallen in Tangerhütte von der Industriestraße aus gesehen. Archivfoto: Birgit Schulze

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  • In den alten Gießereihallen in Tangerhütte sind sogar noch Artefakte von früher zurückgeblieben. Foto: Tanja Andrys

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  • Die Ruinen der alten Gießereihallen in Tangerhütte. Foto: Tanja Andrys

    Die Ruinen der alten Gießereihallen in Tangerhütte. Foto: Tanja Andrys

  • Blick in eine der hinteren Hallen der historischen Gießerei in Tangerhütte: Haufenweise Altreifen bis auf Kopfhöhe sind durch die Fenster zu sehen. Foto: Birgit Schulze

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  • Alte Holzmodelle, die bei der Gussproduktion zum Einsatz kamen, liegen überall auf dem Gelände der historischen Gießereihallen in Tangerhütte herum. Zu DDR-Zeiten wurde unter dem Namen

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  • Offenbar ein ehemaliger Technikraum der alten Gießereihallen in Tangerhütte. Rechts und links stehen noch alte Regale. Foto: Birgit Schulze

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  • Blick in die historischen Gießereihallen an der Tangerhütter Industriestraße. So wie an dieser Stelle sind ein Großteil der Dachkonstruktionen inzwischen eingestürzt. Lediglich die Fassaden stehen noch. Foto:

    Blick in die historischen Gießereihallen an der Tangerhütter Industriestraße. So w...

  • Gießerei heute: Abguss am Hochofen der Tangerhütter Firma

    Gießerei heute: Abguss am Hochofen der Tangerhütter Firma "TechnoGuss". Archivfoto: Bir...

  • Nicht nur die Historikgruppe

    Nicht nur die Historikgruppe "Tanzfein" weiß den Tangerhütter Kunstgusspavillon zu sch&...

  • Ein Stück Raseneisenerz, wie es in der Tangerniederung bis heute zu finden  ist. Foto: Birgit Schulze

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  • Der Kunstgusspavillon in Tangerhütte, hier schön beleuchtet beim Parkfest 2012. Foto: Tanja Andrys

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  • Die gusseiserne Uhr in Konstanz nahm Volksstimme-Leser Thomas Schmidt 2009 auf. Auch sie stammt aus Tangerhütter Produktion. Bildquelle: Privatarchiv Thomas Schmidt

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  • Johann Jacobus Wagenführ (Gründer der Hütte am Tanger). Bildquelle: Heimatmuseum Tangerhütte

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  • Ferdinand Rudolf Curt von Arnim, der zweite Mann der Witwe Marie Wagenführ übernahm 1889 die Leitung der Hütte. Im Hintergrund ist das

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  • Johannn Jacobus Robert Franz Wagenführ ist der letzte Besitzer der Gießerei in Tangerhütte. Er verlässt mit dem Einmarsch der Roten Armee die Heimat und auch sämtliche Besitztümer. Quelle: Heimatmuseum Tangerhütte

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Unterstützung aus Magdeburg erhofft

So votierte der Tangerhütter Stadtrat auf seiner jüngsten Sitzung mehrheitlich für die Stellungnahmen der Kommune zur Fortschreibung des Kreisentwicklungskonzeptes. Diese kritisierte unter anderem, dass die Region baukulturell keine Erwähnung fand. „Allein Tangerhütte hat mit seinem Schloss, dem Schlosspark sowie dem Industriehallendenkmal eine hohe Denkmalbedeutung für Deutschland und sollte in der Liste mit aufgenommen werden“, so der Hinweis aus der Einheitsgemeinde, der klarmacht, dass die Mehrheit des Stadtrates sich zur Erhaltung des Ensembles bekennt.

Schwerer wiegt allerdings ein Landtagsbeschluss aus dem Mai 2018, der im Mai des Vorjahres noch einmal bekräftigt wurde. Dieser sieht vor, die Industriekultur in Sachsen-Anhalt gezielt weiterzuentwickeln. Im dazugehörigen Strategiepapier werden 302 Orte und Denkmale der Industriekultur des Landes aufgezählt. 14 von ihnen gelten als gefährdete, „aber (als) für die Landesgeschichte unverzichtbare Denkmale“. Genau in dieser Riege findet sich auch „Tangerhütte mit Gießereihallen, Fabrikantenvillen und Arbeiterhäusern“ wieder. Weiter werden Wege gezeigt wie die Objekte gesichert, umgenutzt und vermarktet werden können. Auch Fördermöglichkeiten werden aufgezählt.

Gießereihallen in der Landespolitik

Wie Tangerhütte nun mit seinen historischen Bauten per Landtagsbeschluss auf diese wichtige Prioritätenliste kam, ist Dreihaupt nicht bekannt, „aber ich finde das ganz toll“. Sachsen-Anhalt bekenne sich also zu den historischen Bauten in Tangerhütte, entsprechende Unterstützung aus Magdeburg sei also zu erwarten, hofft der Vereinsvorsitzende. Er habe in dieser Angelegenheit deshalb bereits den Kontakt zur Staatskanzlei gesucht und hofft auch auf Hilfe aus dem Technikmuseum Magdeburg.

Mit den Planungen zur Nutzung des Areals muss der Verein nicht bei null anfangen. Bereits 2007 legten die damaligen Architekturstudentinnen Jenny Ahrens und Isabelle Frase mit ihrer Diplomarbeit umfassendes Material zur Gießerei Tangerhütte vor. Sie dokumentierten die Schäden, aber auch die noch vorhandenen erhaltenswerten historischen Teile, sie stellten außerdem ein Sanierungs- und Nutzungskonzept auf.

Umbau der alten Gießerei

Darauf aufbauend konkretisierte ein Berliner Architekturbüro die Pläne. Finanziert wurde dieses Papier mit Fördermitteln aus dem Bundesprogramm Landaufschwung und mit Eigenmitteln des Vereins. Es entwickelte sich die Idee, die Ruinen zu einem Ensemble aus Veranstaltungszentrum, Gastronomie, Gewerbe und Museum zu entwickeln. Die dafür notwendigen Kosten wurden auf sechs Millionen Euro geschätzt. Eine Förderung vorausgesetzt, hätte der Eigenanteil über eine Bürgergenossenschaft aufgebracht werden können, so die damaligen Vorstellungen des Vereins. In diesem Zusammenhang verwies Dreihaupt auf die aktuell elf Mitglieder. Es handele sich zu einem großen Teil um Unternehmer, die bereit seien, eigenes Geld in die Umsetzung der Pläne zu stecken.

Unternehmer sitzen mit im Boot

Dreihaupts Ziel ist, dass das Projekt „Gießereihallen“ wieder auf die Tagesordnung des Stadtrates gesetzt wird, schließlich ist die Kommune Eigentümerin des Arals. Dort stand es bereits mehrfach. Ein Teil der Gremiumsmitglieder lehnt die Pläne des Vereins „Aus einem Guss“ aber ab, befürchtet wird eine Konkurrenz zum Kulturhaus. Im September 2018 wurde selbst ein Grundsatzbeschluss, der besagte, dass die Stadt das Projekt unterstützt, von der Tagesordnung genommen. Die Vereinsmitglieder durften ihre Pläne nicht einmal vorstellen.

Dass Akteure aus der hiesigen Wirtschaft bereit sind bezüglich der Wiederbelebung der Gießereihallen ein finanzielles Risiko einzugehen, habe laut Dreihaupt einer von ihnen 2019 bewiesen. Ein Firmenkonsortium habe damit geliebäugelt, in Tangerhütte eine Fortbildungseinrichtung zu bauen. Eine 90-prozentige Förderung wäre möglich gewesen. Ein Unternehmer aus der Einheitsgemeinde sei bereit gewesen, den verbleibenden Eigenanteil von 600 000 Euro zu zahlen. Der Tangerhütter Stadtrat lehnte ab.