Stendal l Inklusion – ein sperriges Wort, aber ein wichtiges Thema. Wie sollen Menschen ohne Behinderung mit Menschen mit Behinderung umgehen? Unsicherheiten gibt es hüben wie drüben. Kein Wunder, bereitet einen doch niemand darauf vor. In Stendal soll sich das nun ändern.

Was Jan Wulf-Schnabel am Institut für inklusive Bildung in Kiel bereits erfolgreich angestoßen hat, wollen Matthias Morfeld und Wiebke Bretschneider am Hochschulstandort Stendal nun ebenfalls umsetzen. Er ist Professor im Fachbereich Angewandte Humanwissenschaften der Hochschule und Leiter des Projektes, sie ist Koordinatorin. Innerhalb von drei Jahren wollen sie Menschen mit geistiger Behinderung zu Bildungsfachkräften ausbilden.

Mit statt über Behinderte reden

Vorreiter Jan Wulf-Schnabel sagt: Man müsse endlich aufhören, über Behinderte statt mit ihnen zu reden. „Nicht ohne uns über uns“ lautet daher das Motto des Projektes. In diesen drei Jahren sollen die Menschen mit Handicap in einer professionellen Ausbildung vor allem in zwei Fragen geschult werden: Wie kann ich Menschen etwas beibringen und wie kann ich gut von meinen Erfahrungen berichten?

Modellprojekt aus Kiel

Nach dem Modellprojekt in Kiel von 2013 bis 2016 hat Wulf-Schnabel bereits allerhand Erfahrungen gesammelt. Fünf Bildungsfachkräfte mit geistiger Behinderung gibt es dort nun. Fortan sind sie fester Bestandteil des Lehrkörpers. „Manche haben eine außergewöhnliche Entwicklung genommen“, sagt er. Der eine oder andere habe nie vor einer größeren Gruppe referiert und nun manche schon zwei Mal bei den Vereinten Nationen in Wien. Vor 500 Teilnehmern. Aus 70 Nationen. Denn derlei Projekte breiten sich nicht nur in Städten wie Heidelberg, Dresden oder Leipzig aus, sondern auch in anderen Ländern.

Zum ersten Mal können Menschen, die sonst in einer Werkstatt für Behinderte unterkommen, ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Dabei sollen die Auszubildenden nicht nur die didaktischen Kompetenzen erlernen, sondern auch ihre Persönlichkeit entwickeln, sagt Wulf-Schnabel. „Normalerweise haben diese Menschen keine Chance, erwerbstätig zu werden. Die wollen wir ihnen geben.“

Umgang miteinander lernen

Und wer zu viel Angst hat? Der kann sich seiner Angst stellen. Einmal habe eine angehende Bildungsfachkraft vor lauter Nervosität in einem vollbesetzten Hörsaal einen Krampfanfall bekommen. Die Studenten hätten sensibel reagiert und schließlich „konnte der Applaus die Frau ermuntern, ihren Vortrag zu beginnen“, erzählt er.

Dass die Menschen mit Behinderung davon profitieren sollen, ist das eine. Das andere sind die Studenten, die genauso den angemessenen Umgang mit behinderten Menschen lernen sollen. „Jeder Student soll in seinem Studium in Kontakt mit den Bildungsfachkräften kommen“, sagt Morfeld. Beide Seiten sollen den Umgang miteinander lernen. Auch für Morfeld wird es eine neue Erfahrung. Er weiß noch nicht genau, was ihn erwartet, doch er freut sich auf seine Aufgabe. „Ich bin gespannt“, sagt er. Ein bisschen fühle er sich wie ein Mentor. Seine Kinder habe er großgezogen, nun wartet eine andere Rolle auf ihn.

Projektbeirat soll Hochschule Feedback geben

Gerade weil es für die Hochschule ein neues Projekt ist, soll ihr zudem ein Projektbeirat auf die Finger schauen. „Denn der Teufel steckt oft im Detail“, weiß Wulf-Schnabel aus Erfahrung. Darin sitzen die Gleichstellungs- und Behindertenbeauftragte des Landkreises, Birgit Hartmann, und diverse Angehörige aus dem sozialen Bereich. Sie sollen fortwährend Feedback geben und vor allem lösungsorientiert denken. Nach dem Motto: Das ist eine tolle Idee, also bekommen wir das hin, sagt Morfeld. Alle hätten zudem sofort zugesagt, ergänzt Wiebke Bretschneider.

Sie selbst kommt aus Stendal, studiert hat sie in Bremen und Halle, promoviert in Basel. Nun ist sie wieder in der Heimat. „Ich habe vieles ausprobiert, aber festgestellt, dass das nichts für mich war“, sagt sie. Also habe sie sich bei der Hochschule beworben. Und wurde genommen.

Jeder Bewerber hat faire Chance

Sie leitet nun alles Organisatorische in die Wege, damit die Ausbildung der Bildungsfachkräfte am 1. März 2019 erfolgreich beginnen kann. Bewerben kann sich jeder, der eine geistige Behinderung hat. Sollte jemand nicht schreiben können, brauche er sich dennoch nicht zu sorgen, sagt Wulf-Schnabel. Die Bewerbungsbögen seien so aufbereitet, dass jeder eine faire Chance habe. Am Ende entscheide das Sendungsbewusstsein, sagt er. „Nach festen Kriterien wählen wir aus, ob wir in jemandem die nötige Entwicklungsperspektive sehen.“

Die Ausbildung ist streng durchstrukturiert und befasst sich unter anderem mit den Bereichen Arbeit, Freizeit und Beziehungen, gibt Morfeld einen ersten Einblick. Das Landesministerium für Arbeit, Soziales und Integration fördert das Projekt. Probleme gab es dabei nicht. „Das lief alles sehr geschmeidig“, sagt Morfeld. In jedem Fall hoffen die Verantwortlichen darauf, mit dem Projekt den Weg zu einer wirksamen Inklusion zu ebnen. Einer Inklusion, von der alle etwas haben.

Bewerbungen sind möglich bis zum 14. Dezember 2018. Sie sind zu richten an die Hochschule Magdeburg-Stendal, Projekt „Inklusive Bildung Sachsen-Anhalt“, z. Hd. Frau Dr. Wiebke Bretschneider, Osterburger Straße 25, 39 576 Stendal