Stendal l Nein, aufgeregt ist Jasim Ibrahim Hassan am Montag nicht wirklich. Eher quillt ihm der Optimismus aus allen Poren. Rundherum zufrieden wirkt er. Zwei Tage zuvor hat der gebürtige Iraker seine Postfiliale an der Scharnhorststraße eröffnet. Und sich damit einen lang gehegten Traum erfüllt. Jahrelang hatte der 49-Jährige nämlich nicht weit entfernt in der Lützowstraße, in direkter Nachbarschaft zur Post, ein Bistro betrieben. Mit dem Inhaber des Paketshops, Jürgen Lange, verband ihn mehr als nur eine Geschäftsbeziehung.

So gut entwickelte sich das Verhältnis, dass Jasim Ibrahim Hassan als geschäftlicher Erbe Langes auserkoren wurde, sollte dieser einmal in den Ruhestand gehen. Im März 2019 war es schließlich so weit, die Geschäftsübergabe ging geräuschlos über die Bühne. Nur der Standort änderte sich, von der Lützowstraße wanderte das Geschäft ein paar Ecken weiter an die Scharnhorststraße.

Als Friseur durfte er nicht arbeiten

Am Montag stapeln sich in den Regalen im Lagerraum bereits die Pakete, immer wieder schwirren Kunden herein. Sie holen Post ab oder spielen Lotto. Der ein oder andere greift sich eine Zeitschrift. Die beiden Angestellten haben gut zu tun. „Ich bin sehr froh, dass es mit der Post geklappt hat. Es ist eine gute Entscheidung für die Zukunft“, schätzt der Familienvater ein.

Läuft alles nach Plan, könnte es die letzte große Unternehmung des umtriebigen Mannes sein. Denn geschäftlich hat Jasim Ibrahim Hassan schon einiges bewegt in der Hansestadt. Was alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist.

Als er im Jahre 1999 als Flüchtling aus dem Norden des Iraks in der Zentralen Aufnahmestelle in Halberstadt ankam, sprach er kein Deutsch, eine Arbeitserlaubnis fehlte zunächst. Ohne Sprachkenntnisse, ohne Job, ohne Familie – die Voraussetzungen für den Start in ein neues Leben hätten beileibe besser sein können. Jasim Ibrahim Hassen nahm es im besten Sinne sportlich. Er stellte sich der Herausforderung und wollte sie meistern.

Als Autodidakt eignete sich Jasim Ibrahim Hassan die Sprache an. „Früher gab es noch keine Sprachkurse im heutigen Stil“, erinnert er sich an die Anfangszeit. Wenigstens mit der Arbeit klappte es dann aber doch noch. Der hohen bürokratischen Hürden zum Trotz. Allerdings nicht im gewohnten Metier. Der Weg zu seinem ursprünglichen Job als Friseur war versperrt, weil „ich die Nachweise nicht liefern konnte“. Dem Neuankömmling blieb nichts anderes übrig, als sich in einer anderen Branche umzuschauen.

Gastronomie als Sprungbrett

„Ich habe dann als Küchenhilfe in einem Stendaler Restaurant angefangen“, berichtet der Unternehmer. Kurz wird er in seiner Rückschau unterbrochen, Mitarbeiter einer Spedition bringen den Safe. Freundlich weist der frisch gebackene Filialleiter die Männer ein. Der Sicherheitsschrank landet am gewünschten Platz. Dass er vor knapp 20 Jahren auf der untersten Sprosse der Karriereleiter angefangen hat, kann man sich als Besucher kaum vorstellen.

Jasim Ibrahim Hassan tut gar nicht erst so, als wäre sein erster Job in Deutschland eine Erfüllung gewesen. Überschaubare Bezahlung, schlechte Arbeitszeiten und auf den ersten Blick wenig Aufstiegschancen. Positive Seiten gewinnt er ihm dennoch ab. „Die Gastronomie bietet gute Chancen, um beruflich Fuß zu fassen“, sagt der Stendaler. Er muss es wissen. Als sich die Chance ergab, eröffnete er seinen eigenen Imbiss.

Sein Laden entwickelte sich zum Treffpunkt

Das Bistro entpuppte sich als ideale unternehmerische Schule. Wenig überraschend, dass es nicht der Schlusspunkt im Berufsleben bleiben sollte. Immer wieder schaute sich der Hobby-Fußballer – freitags steht er bei den Alten Herren von Post Stendal auf dem Platz – nach Alternativen um. Kurzzeitig dachte er darüber nach, „doch noch einen Friseursalon zu eröffnen“. Letztendlich fehlte dafür aber die letzte Überzeugung.

Stattdessen entwickelte er während der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 die Idee eines auf orientalische Waren spezialisierten Ladens. In der Ladenzeile des Altmarkforums entwickelte sich das Geschäft schnell zum Treffpunkt vieler Flüchtlinge. Hier konnten sie nicht nur Lebensmittel aus der Heimat kaufen, den ein oder anderen Tipp für das Leben im Land hatte Jasim Ibrahim Hassan ebenfalls stets parat. Ohnehin engagierte er sich in großem Maße ehrenamtlich, gab Deutsch- und Integrationskurse.

Mit dem Spezialitätenladen ist es nun vorbei. Die ganze Konzentration gilt der Postfiliale. Mit ihr möchte Jasim Ibrahim Hassan erfolgreich sein. An fehlendem Optimismus wird er dabei jedenfalls nicht scheitern. Schließlich hat er sich mit dem Geschäft einen Traum erfüllt.