Stendal l Es wird Karin Stöwesandt nicht recht sein, diesen Artikel in diesem Umfang in der Zeitung zu sehen. „Nicht so groß“, raunte sie mir beim Abschied nach unserem Gespräch noch zu. Nun, verständlich ist der Wunsch schon – aber soll man andererseits etwas verstecken, was der Anerkennung wert ist und ja nun mal gerade offizielle Anerkennung erfahren hat?

Drei Mitstreiterinnen

Die Stendalerin Karin Stöwesandt gehört zu den 21 Ehrenamtlichen, die vorige Woche von der Landesregierung mit dem Integrationspreis 2019 ausgezeichnet wurden, und eröffnet unser Gespräch über das Wofür und Warum gleich mit einem Aber, das ihr sehr wichtig ist: „Ich finde es nicht gerechtfertigt, dass ich allein den Preis bekomme, denn wir sind hier zu viert.“ Hier – das ist der Mittwochstreff „Freunde für Freunde“ in der Kleinen Markthalle, der zuvor „Helfertreff“ hieß und aus dem „Erzählcafé“ im Dom hervorgegangen ist. Wir – das sind eben außer ihr noch Edda Gehrmann, Aud Merkel und Jördis Wellmann. „Diese Namen sind genauso erwähnenswert“, findet Karin Stöwesandt und erinnert gleichwohl an wiederum drei andere Stendaler, mit denen alles anfing, 2015, als eben viele Geflüchtete auch nach Stendal kamen. „Mit Daniela Schröder, Annegret Pinnow und Hartmut Kämpfe haben wir damals das Angebot gemacht, sich in lockerer Runde zu treffen, sich kennenzulernen, Deutsch zu sprechen...“

Daumen drücken und einfach mitfreuen

Auch damals schon war Karin Stöwesandt zugleich beim Lotsendienst – Ehrenamtliche, die die Neuangekommenen auf dem Weg zu Ämtern, Ärzten oder einfach im Alltag begleitet haben. Das ist im Grunde immer noch so, nur hat sich das Tätigkeitsspektrum dieser offiziell vom Landkreis Stendal ernannten Integrationslotsen inzwischen etwas gewandelt.

„Es ist alles viel persönlicher geworden, es sind Freundschaften entstanden“, sagt die 65-Jährige, die sich gern Zeit nimmt für diese neuen Bekanntschaften, ab und an aber auch mal absagen muss, weil dann ihre Enkelkinder Vorrang haben. Und doch ist sie immer aufs Neue ganz nah bei denen, denen sie als Lotsin zur Seite steht oder die zum Mittwochstreff kommen. Das ein oder andere Problem ist ja doch immer zu klären, sei es in der Familie oder im Arbeitsalltag, oder jemand hat einen neuen wichtigen Lebensschritt vor sich – dann müssen einfach auch nur mal Daumen gedrückt werden für die Sprachprüfung.

Freude kommt zurück

Viele der von den Lotsen in der Anfangszeit um das Jahr 2015, 2016 betreuten jungen Leute haben inzwischen das höchstmögliche Sprachniveau erreicht und damit den Zugang zum Studium geschafft. Andere wiederum machen Praktika oder haben einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz bekommen. Das macht natürlich auch die Ehrenamtlichen stolz, lässt Stöwesandt erkennen und sagt: „Das waren alles sehr interessierte Leute, voller Enthusiasmus.“

Dass längst weit weniger Geflüchtete nach Stendal kommen, ist für Stöwesandt und ihre Mitstreiterinnen kein Grund, sich aus ihrem Engagement zurückzuziehen: „Es ist die Freude, die zurückkommt, und die Dankbarkeit“, sagt Karin Stöwesandt, der es ein Bedürfnis sei, für andere da zu sein, zu helfen.

Gegenwind, aggressiven gar, habe sie noch nicht zu spüren bekommen. „Bestimmt gibt es Leute, die das alles nicht gut finden“, überlegt sie, aber das ficht sie nicht an: „Es lohnt sich immer noch, für die, die hier sind.“ Selbst die Tatsache, dass die meisten der von ihnen Begleiteten Stendal irgendwann verlassen, wertet sie positiv: „Das ist doch das beste Zeichen dafür, dass sie Fuß gefasst haben, dass sie ihren Weg machen. Und gut, dass wir ihnen dabei helfen konnten.“

Die Suppe beim Nikolausbasar

Zum Mittwochstreff kommen inzwischen auch immer mehr Frauen. „Es mischt sich mehr, es sind sowieso die unterschiedlichsten Nationalitäten, Italien, Vietnam, Irak, Afghanistan, Syrien, ach, und noch mehr.“ Deutsch ist dabei die verbindende Sprache, man unterhält sich zu zweit, wechselt dann den Platz. So lernt man sich kennen – und verstehen.

Das schönste Beispiel für Integration ist für Karin Stöwesandt dieses: Ein Teilnehmer des Treffs interessierte sich für den Nikolausbasar im Dom, kochte eine arabische Linsensuppe und bot sie dort an. „Da war das Interesse auf der einen Seite, das weckte Interesse auf der anderen... Das hat mich berührt.“