Stendal l Stapelweise alte Schallplatten, Regale voller Kassetten, Poster an der Wand, in einer Ecke die Musikanlage inklusive Mikrofon und Boxen, die Hans-Joachim Wöhlert gern hochfährt, um Musik zu hören, mitzusingen und auch zu moderieren – meist nur so für sich, aus Spaß, manchmal auch für Gäste. In seinem Keller hat sich der 79-Jährige sein eigenes Reich voller Erinnerungen geschaffen. „Musik war schon immer mein Hobby, ich habe schon immer Musik gemacht“, sagt der Stendaler. Ziehharmonie hat er für den Hausgebrauch gespielt, aber bei Feiern und kleineren Festen hat er mit Begeisterung aufgelegt. „Wenn wir uns als Jugendliche im Garten bei den Kumpels getroffen haben, am Lagerfeuer, dann hatte ich oft die Ziehharmonika dabei. Dann wurde dazu getanzt, und es wurden Lieder gesungen, die nicht jeder hören musste“, erzählt Hans-Joachim Wöhlert.

Wenn der 79-Jährige auf diese Jahre zurückschaut, dann sagt er: „Es war eine ganz, ganz schlechte Zeit.“ Denn der Stendaler, der in der Bergstraße aufgewachsen und dessen „Revier“ Nord war, verlor schon früh seine Eltern, war mit 13 Jahren Vollwaise. Er bekam einen Vormund, kam mit dem aber nicht klar. Er begann eine Lehre als Ofensetzer und Fliesenleger im Sonderbaubüro, brach die aber ab und folgte Mitte der 1950er Jahre dem FDJ-Aufruf „Jugend auf die Traktoren“, um in der Landwirtschaft tätig zu werden. „Ich habe jeden Strohhalm gegriffen, um etwas zu arbeiten und damit Geld zu verdienen“, erinnert sich Hans-Joachim Wöhlert. Und wenn dann genug Geld verdient war, ging es ins HO-Warenhaus, „um Kleidung zu kaufen, damit ich ordentlich angezogen zum Tanzen gehen konnte“.

Erste Adresse war die „Ponybar“, aber auch in den Bierkeller ging er regelmäßig und später in den Waldfrieden, die Gaststätte „Zur Kachel“ im Birkenhagen war ebenso ein Treffpunkt wie bei „Patte Klinkau“ in der Straße der Freundschaft (heute Schadewachten). „Und dann gab es noch die ‚Seediele‘, dort hat der Eintritt 80 Pfennig gekostet und die Musik war immer gut“, erzählt er.

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Musikalisch habe ihn vieles begeistert, auch der Rock‘n‘Roll. „Das war immer toll, wenn die Mädels über die Schulter geworfen wurden. Sie hatten oft sogar eine Art Nägel unter den Schuhen, damit die beim Tanzen richtig schön klappern.“ Und wenn es mal etwas vornehmer zugehen sollte, wenn man in Begleitung einer jungen Dame imponieren wollte, dann ging man richtig gut gekleidet in den „Ratskeller“. Wöhlert: „Es gab schon richtig große Unterschiede zwischen den Lokalitäten.“

„Bei der Jugend gab es zwei Gruppen“, sagt der 79-Jährige: Die einen waren die, die sich freier geäußert haben und „schon etwas frecher waren als wir“. Er selbst zählt sich zur zweiten Gruppe. Der, die in den großen volkseigenen Betrieben gearbeitet haben „und anders geschult worden sind“. Dennoch erinnert er sich gern an Kneipenrunden, bei denen am Biertisch politische Gespräche geführt wurden und auch politische Witze die Runde machten. Zum Beispiel der: „Kennst du den größten Greifvogel? – ABV.“ Der sei sogar erzählt worden, wenn der Abschnittsbevollmächtigte in der Nähe war. „Aber man kannte sich ja, der war auch ganz umgänglich“, blickt der Stendaler zurück und fügt hinzu: „Man hat schon geschaut, wo man etwas sagt und ob eventuell jemand mithört.“ Auch wenn er es damals als junger Mann selbst so nicht wahrgenommen hat, sagt er heute: „Wir waren nie ohne Politik.“

Kraftfahrer und Taxi-Unternehmer

Unerwartet abbiegen auf seinem Lebensweg musste Hans-Joachim Wöhlert 1957. Er erzählt: Als 17-Jähriger sei er nach einer großen Rauferei beim Tanz in Bindfelde, bei dem der ABV sogar seine Waffe ziehen musste, mit Blick auf die Konsequenzen vor die Wahl gestellt worden: Haftstrafe oder „freiwillig“ zur Grenztruppe. Er wurde Grenzer, diente unter anderem in Peckfitz, blieb dort sechs Jahre. Anschließend kehrte er zurück nach Stendal, betreute russische Erdöl-Spezialisten und deren Familie. Dazu gehörte unter anderem, deren Wohnungen einzurichten. Danach arbeitete er als Fahrer im Kraftverkehr. Schon zu DDR-Zeiten wollte er sich mit einem Taxiunternehmen selbstständig machen, doch das hat dann erst 1990 geklappt. Zehn Jahre lang war Taxi-Wöhlert auf den Straßen Stendals unterwegs.

In all den Jahren war die Musik sein Begleiter. „Ich habe sehr viel auf Kassetten mitgeschnitten und auch wegen Schallplatten angestanden.“ Diese Mitschnitte von damals legt er noch heute gern in den Rekorder ein.