Stendal l Die Straßenkriminalität im Landkreis Stendal ist fest in der Hand der Minderjährigen. „Sie machen 15 Prozent der Bevölkerung aus, begehen aber 43 Prozent der Straftaten“, sagte Kriminalhauptkommissar Thomas Westphal während der Sitzung des Jugendhilfeausschusses. Er und Staatsanwältin Dagmar Regel sind schon seit Jahren, seit Jahrzehnten, mit der Kinder- und Jugendkriminalität im Landkreis Stendal befasst, waren so die richtigen Ansprechpartner für die Kommunalpolitiker, die angeregt hatten, sich einmal mit diesem Thema zu befassen. Bei den Rauschgiftdelikten stellen die Jugendlichen auch deutlich mehr Täter als ihrem Bevölkerungsanteil entspricht: ein Drittel.

Immer wieder die gleichen Gruppen

Westphal ging auch auf Ursachen ein – da gibt es unbewusste wie Leichtsinn, Übermut, eine gestörte Familie, schulische Unterqualifikation, kulturelle Entwurzelung, Arbeitslosigkeit oder auch fehlende sinnvolle Freizeitbeschäftigungen. „Bei einer Familie sind wir bereits in der dritten Generation der Straftäter“, nannte Westphal ein Beispiel aus seinem Berufsalltag, „jetzt will die Mutter Hilfe“. Nun sei es aber wohl zu spät.

Zu den bewussten Gründen, eine kriminelle Karriere zu beginnen, gehören die Konsum- orientierung, die zum Ladendieb, Einbrecher oder Räuber führt, der Drang nach Prestige und Statussymbolen, die ein Dealer hat, und schließlich der Wille nach Anerkennung und Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die dann zu Mitgliedern einer Bande führen. „Es sind immer wieder die gleichen Gruppen, die wir in Tangerhütte und Stendal dingfest machen“, sprach Westphal von den frustrierenden Aspekten seiner Tätigkeit.

Staatsanwältin Regel sagte, dass etwa neun Prozent der Jugendlichen straffällig würden, der Anteil bei geflüchteten Jugendlichen sei in etwa gleich hoch. Bei ihnen komme allerdings hinzu, dass sie nicht gelernt hätten, Polizei, Frauen, Richter zu respektieren. Da werde dann auch mal gesagt: „Das sind eure Gesetze, die interessieren mich nicht.“ Fest stehe aber auch: Die Kriminalität wird nicht durch Flüchtlinge geprägt.

Zumal sich auch die Werte der gesamten Gesellschaft verändert hätten. So schwinde der Respekt vor dem Alter. Wenn früher ein älterer Mensch einen Jugendlichen aufgefordert hätte, etwas aufzuheben, hätte der Folge geleistet, heute müsse der Senior mit Gewalt rechnen.

Sicht der Polizei

KHK Westphal hatte aber nicht nur Ursachen und Auswirkungen der kriminellen Aktivitäten zusammengetragen, sondern auch einen Maßnahmenkatalog, wie die eingedämmt werden könnten. So plädierte er dafür, dass das Jugendamt sich für ein besseres soziales Umfeld einsetzt, die Kommunen die Freizeitangebote erweitern, die Polizei besser ausgestattet wird und die Justiz schließlich die Verfahren schneller führt und zeitnah Strafen verhängt.

Günter Rettig (Die Linke) rief dazu auf, sich um die Kinder und Jugendlichen zu kümmern, bevor sie mit Polizei und Justiz zu tun haben. Er setzte dabei auf die Schulsozialarbeit. Gleichstellungsbeauftragte Birgit Hartmann, meinte, dass in dieser Situation die Politik gefordert sei und auf die Eltern Druck ausüben müsse. Dem widersprach Benjamin Ollendorf von Kinderstärken. „Sanktionen führen meist doch noch zu mehr Kriminalität, und die Eltern sind doch ohnehin schon überfordert“, gab er zu bedenken.

Bernd Zürcher, Regionalleiter des Paritätischen, zeigte sich recht sprachlos. „Die Probleme sind doch hausgemacht“, meinte er. Jahrelang seien die Familien vernachlässigt worden und nun werde überlegt, was man denn tun könne. Man müsse es schaffen, die Kinder und Jugendlichen in Projekte zu bekommen, ihnen eben die sinnvollen Freizeitbeschäftigungen zu geben, deren Fehlen als einer der Gründe für das Abrutschen auf die schiefe Bahn genannt worden war. „Es geht um unsere Gesellschaft, wir müssen mit denen leben, also muss es auch unser Anliegen sein“, mahnte er.

Auch Staatsanwältin Regel gab einen Einblick in ihr Berufsleben im Gerichtssaal. „Wir sind auch manchmal frustriert“, räumte sie ein. Bei vielen Jugendlichen nehme die Interessenlosigkeit zu, sie könnten gar nicht mehr drei Wünsche benennen, hätten überhaupt keine Träume mehr. Tröstlich sei für sie allerdings der Gedanke, dass es sich nicht um die Mehrheit, sondern um neun Prozent handele. „Sonst“, gab sie offen zu, „hätte ich diesen Beruf gar nicht so lange Zeit ausüben können.“