Auch nach dem Besuch von Justizministerin Kolb bleiben die Fronten hart

Kein Rückzug nach Wegzug: In Insel wird weiter demonstriert

Von Thomas Pusch 23.05.2012, 05:22

Greifbare Lösungen gab es nach dem Gespräch von Justizministerin Angela Kolb mit Inselern keine. Aber die Verabredung, weitere Gespräche zu führen. "Solche Prozesse brauchen lange", sagte Propst Christoph Hackbeil.

Insel l Kurz vor 18 Uhr am Montag. Der Vorplatz vom Feuerwehrgerätehaus, in dem auf Einladung der Bürgerinitiative (BI) Stendal das Gespräch zwischen Justizministerin Angela Kolb und Inselern ab 18.30 Uhr stattfinden soll, füllt sich allmählich. Diejenigen, die schon da sind, haben fast nur ein Gesprächsthema: den Wegzug des jüngeren der beiden Ex-Straftäter. Überraschend finden sie es nicht.

Birgit Weingart von der BI hadert mit dem Besuchstermin. "Es sind Ferien, da sind viele verreist, außerdem sind die Landwirte voll im Einsatz", sagt sie. Mit 40 bis 50 Teilnehmern rechnet sie. Rund 80 werden es schließlich sein. Nico Stiller befestigt noch eine Strohpuppe an der Einfahrt. Auch er zeigt sich nicht sonderlich vom Wegzug des Mannes beeindruckt. "Es ist eine wichtige Etappe, aber eben nur eine", meint er.

"Wie geht man nur mit den Widersprüchen um"

Propst Christoph Hackbeil

Seine Erwartungen sind nicht zu hoch, eine kritisch-konstruktive Diskussion soll es werden. "Wir wollen hören, welche Maßnahmen Frau Kolb ergreifen will und was bundesweit geschehen soll. Die Unterbringung von ehemals Sicherungsverwahrten ist schließlich kein Insel-spezifisches Problem", fügt er hinzu.

"Wie geht man nur mit solchen Widersprüchen um", sind die ersten Worte von Propst Christoph Hackbeil, als er um viertel Sieben das Gelände betritt. Die einen wollen Ängste zeigen, die anderen in Freiheit leben, sinniert er, als sein Blick auf ein Transparent fällt. "Opfer werden vergessen, Straftäter belohnt", steht darauf geschrieben. Mit seinen Gedanken ist der Theologe fast schon auf Tansaniareise, die er am nächsten Abend antritt. Doch nun ist er Gesprächsleiter.

Ortsbürgermeister Alexander von Bismarck (CDU) verbreitet derweil, dass er fest glaubt, dass auch der Ältere gehen werde. "Er kann sich hier doch überhaupt nicht wohlfühlen", ist der Ortsbürgermeister überzeugt und fügt hinzu, dass die Angst vor einem Rückfall im Dorf immer noch sehr groß sei.

"Man muss doch an die Zukunft denken"

Inselerin Waltraud Klingbeil

Um kurz vor halb sieben rollt die Limousine der Justizministerin vor. Schnellen Schrittes geht sie Richtung Feuerwehrgerätehaus, begrüßt von Bismarck, Hackbeil, Mitglieder der Bürgerinitiative. Um Punkt halb sieben gehen die Rolltore des Gerätehauses hinunter. Wer kein Inseler ist, muss draußen bleiben.

Fünf Minuten später erscheinen Fred Frome und Waltraud Klingbeil. Sie hat bis vor einigen Minuten noch mit Kolb und zwei weiteren Frauen, die sich auch für die Integration des verbliebenen Ex-Straftäters einsetzen, zusammengesessen. Doch Frome wird der Zugang verwehrt, obwohl er seit drei Monaten einen Zweitwohnsitz in Insel hat. "Das ist das gute Recht der BI", erklärt ihm Günter Romanowski, Vizepräsident der Polizeidirektion Nord.

Nach einer guten Stunde kommt Klingbeil aus dem Gerätehaus. Erzürnt, enttäuscht. "Die sind immer noch beim Urschleim, da wird über Sachen geredet, die Monate her sind", sagt sie. Es müsse doch um die Zukunft gehen. Denn der Ältere werde nicht wegziehen, sei krank, habe sich den Garten zurechtgemacht und wolle einfach nur seine Ruhe haben.

"Unser Anliegen war es, die Ängste zu schildern"

Inselerin Claudia Bartels}

Nach einer weiteren halben Stunde öffnen sich die Rolltore. Inseler strömen hinaus. Auch sie sind enttäuscht, erzürnt. "Ich geh zu keiner Wahl mehr, nüscht", meint eine von ihnen. "Das sind aalglatte Politiker", schätzt ein anderer ein. "Wir gehen weiter auf die Straße", darüber herrscht große Einigkeit.

In der abschließenden Pressekonferenz klingt der Ton etwas versöhnlicher. "Gespräche sind immer positiv und wir werden weiter welche führen", kündigt Justzministerin Kolb an. "Unser Anliegen war es, die Ängste zu schildern, die uns tagtäglich begleiten", sagt Claudia Bartels von der BI. Die werde sich auch an den verabredeten runden Tischen beteiligen. Doch nicht nur das. "Wir werden weiterhin protestieren, bis Ende Juni sind schon Demonstrationen angemeldet", kündigt sie an. Ob es weiterhin "Raus aus Insel" heißen werde, könne sie nicht sagen, aber: "Jeder hat Meinungsfreiheit, also kann es sein".