Stendal l Alleinerziehend, drei Kinder, mitten in der berufsbegleitenden Ausbildung zur Pflegekraft. In dieser Situation befand sich Katja Müller vor wenigen Monaten, sie versuchte, Beruf und Familie irgendwie unter einen Hut zu bringen. „In der Pflegebranche sind Schichtdienste normal“, sagt Müller, „mein Sohn ist mit sieben Monaten in die Kita nach Bindfelde gegangen. Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen.“ Endete dort die Betreuungszeit, wurde ihr Sohn mit einem Bus nach Stendal gebracht, um hier weiter betreut zu werden.

Jacqueline Liedtke, Mutter einer einjährigen Tochter und Verkäuferin in einem Möbelhaus, nickt zustimmend. „Ich arbeite in Schichten und zudem samstags. Hätte ich hier keinen Platz gekriegt, hätte ich mir Gedanken um meinen Arbeitsplatz machen müssen.“

24 Stunden geöffnet

Mit hier meinen die Stendalerinnen die Tageseinrichtung Färberhof. Denn aufgrund der Teilnahme an dem Bundesprogramm „KitaPlus“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend kann der Färberhof erweiterte Öffnungszeiten anbieten. Genauer gesagt, ist eine 24-Stunden-Öffnungszeit für die Kinderbetreuung möglich.

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„Unser Ziel ist es, außerhalb üblicher Öffnungszeiten ein Betreuungsangebot zu schaffen. Die Arbeitszeit der Eltern deckt sich eben oft nicht mit den Regelbetreuungszeiten. Gerade Studenten, Berufseinsteiger oder Rückkehrer hindert das am Einstieg in den Job“, sagt Marika Mund, Geschäftsführerin des Familienzentrums Färberhof.

Pauschale von zehn Euro

Kinder können gegen eine monatliche Pauschale von zehn Euro abends, nachts und über das Wochenende betreut werden. „Das gilt nicht nur für Kinder, die bereits im Färberhof untergebracht sind, sondern auch für sogenannte externe Familien“, sagt Mund. Diese können zudem einen Hol- und Bringdienst in Anspruch nehmen, der alle Orte im Umkreis von 30 Kilometern anfährt. Sina Riedel und Marcel Ullmann konnten als Personalkräfte, die explizit für dieses Betreuungsangebot zuständig sind, gewonnen werden.

„Wirklich neu an diesem Angebot ist, dass es alle potentiellen Nutzer nutzen können“, sagt Marika Mund. Denn der Färberhof hat bereits zwischen 2005 und 2015 eine Kinderbetreuung außerhalb der Regelbetreuungszeiten eingeführt – „allerdings war da die Nutzung abhängig von der Finanzsituation der Familien“. Da Träger und Familien das Angebot allein finanzieren mussten, kam auf den monatlichen Beitrag eine zusätzliche Summe obendrauf, die nicht tragbar war. 2014 wurde das Angebot daher eingestellt.

Finanzierung ist gesichert

Mit dem Bundesprogramm ändert sich das – und zwar nachhaltig. So wird die Finanzierung nach der 16-monatigen Laufzeit des Programms am 1. Januar 2019 in die Finanzierungsstruktur des Kinderförderungsgesetzes überführt.

Hinter dem Betreuungsangebot des Färberhofes steht das Bündnis für Familie im Landkreis Stendal. „Die Arbeitswelt hat sich völlig verändert. Da ist es doch nur konsequent, dass sich auch das Angebot verändert“, sagt Birgit Hartmann, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Stendal.

Marika Mund fügt an: „Das Kindeswohl steht im Mittelpunkt. Zeigt sich, dass ein Kind bei uns unglücklich ist, werden wir die Betreuung abbrechen müssen. Das Wohl steht über der Erwerbstätigkeit.“

 Am Mittwoch, 6. September, von 17 bis 19 Uhr und am Sonnabend, 9. September, von 9 bis 11 Uhr können sich Eltern über das Betreuungsangebot im Färberhof (Hohe Bude 5)informieren.