Stendal l Weihnachten – während so manche vermeintlich heile Familie bemüht ist, den Schein des Harmonischen zu wahren, wissen andere nur zu gut, dass in ihrer Familie vieles im Argen liegt – und tragen diese Erkenntnis bewusst mit sich, wenn sie zu den Feiertagen zusammenkommen. So geht es vielleicht auch den Kindern und Jugendlichen, die eine Zeitlang im Heim wohnen. „Wo es möglich ist und wo zu den Eltern Kontakt besteht, da sind die Kinder natürlich über Weihnachten zu Hause“, sagt Melanie Frodl, Leiterin des Kinder- und Jugendheims „Horizont“ in Stendal. „Aber wenn die Eltern zu weit weg wohnen, was selten ist, aber vorkommt, oder wenn es unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind, dann sind sie Weihnachten hier. Und die Erzieher feiern mit ihnen.“

Einladung an Nachbarn

Vorher aber gibt es diesmal noch eine gemeinschaftliche Veranstaltung für alle: für die Mitarbeiter, die Mädchen und Jungen und – die Nachbarschaft. Die ist nämlich am Sonnabend, 22. Dezember 2018, von 15 bis 18 Uhr zum kleinen Weihnachtsmarkt am Kinder- und Jugendheim in der Arnimer Straße 14e eingeladen. „Das machen wir zum ersten Mal, einfach, damit man sich mal kennenlernen kann und für ein nettes Miteinander“, sagt Melanie Frodl, die seit 2014 die Leitung anteilig innehat, seit einem Jahr vollständig. Es wird Kekse, Getränke und Gebasteltes geben – gegen Spenden.

Neuen Spielplatz als Wunsch

Diese Einnahmen sollen dazu beitragen, dass sich die Kinder des Heimes eines Tages einen langgehegten Wunsch erfüllen können: den Spielplatz auf ihrem Gelände neu zu bauen. Dafür seien schätzungsweise an die 15 000 Euro nötig. Ideen haben sie schon reichlich, vor allem soll er nicht aus Plastegeräten bestehen, sondern solchen aus Holz. „Nachhaltigkeit und Umweltschutz ist bei uns ein großes Thema“, sagt Frodl, „da kommt ganz viel Initiative von den Kindern.“ Zuletzt machten sie mit einer Aufräumaktion am Abenteuerspielplatz im Stadtforst auf sich aufmerksam, sammelten den herumliegenden Unrat auf. „Den Kindern fällt so was auf, und sie wollen den Erwachsenen damit sagen: Schaut her, das ist auch euer Müll, wenn sich jeder darum kümmern würde, sähe es sauberer aus.“ Sogar im Heim selbst gibt es unter den Kindern eine Umweltbeauftragte.

Genau dieses verantwortungsvolle Handeln im Kleinen, das umsichtige Schauen auf andere und die eigene Umgebung, ist ein Merkmal des pädagogischen Anspruchs im Haus, das sich in Trägerschaft des Paritätischen befindet. „Wir machen hier nicht nur Begleitung und Betreuung“, sagt Frodl, die unter anderem Sozialwissenschaften und Psychologie studiert hat. „Wir wollen mit den Kindern arbeiten, geben ihnen eine Prägung mit.“

Die meisten bleiben ein Jahr

Ein 20-köpfiges Kollegium aus Erziehern, Heilpädagogen, Pädagogen, Psychologen, Kindheitswissenschaftlern, Hausfrauen und Hausmeister kümmert sich im Schnitt um 20 Kinder vom Baby bis zu 18-Jährigen. Außerdem gibt es Wohngruppen und Erziehungsfachstellen. Besonders eng ist die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt des Landkreises Stendal und natürlich den Familien.

Ausbildung statt Absacken

Der noch immer verbreiteten Vorstellung, dass Kinder, wenn, dann über viele Jahre im Heim leben, sei nicht so leicht beizukommen. Die meisten bleiben etwa ein Jahr, sagt Frodl. „Wir streben als Erstes immer die Rückführung in die Familie an oder weiterführende Hilfen oder die Vermittlung in eine Pflegefamilie.“ Ob ein Kind in die Obhut des Kinderheims gegeben wird, entscheidet das Jugendamt. Auslöser gebe es verschiedene: „Das kann wegen einer akuten Bedrohung sein, wegen Vernachlässigung, wegen Erziehungsproblematiken, die nicht so einfach überwindbar sind, oder auch, weil ein alleinerziehender Elternteil ins Krankenhaus muss und keine Verwandtschaft da ist.“

Den Anspruch, mit ihrer Arbeit gleich die ganze Welt retten zu wollen, hat Melanie Frodl, die morgen 41 wird, nicht. „Darüber bin ich hinweg“, sagt sie herzlich lachend. „Aber in unserem Mikrokosmos können wir Dinge ändern, und sei es nur, dass ein Kind durch uns so gut vorbereitet ist, dass es eine Ausbildung beginnt und nicht absackt.“