Stendal l Nichts los aufm Land? Könnte man vorschnell denken, wenn man hier nur durchfährt. Oder nie zu Veranstaltungen geht. Oder über vermeintlich provinzielle Aktivitäten die Nase rümpft. Wie sehr aber in der Altmark etwas los ist, bekam man vorige Woche beim „Herbst-Salon: Heimat.Land.Jugendkultur“ vor Augen geführt. Die Veranstaltung hatte in der Kleinen Markthalle in Stendal einige Akteure zusammengebracht, die mit den Resümees ihrer Projekte und Vorhaben den Beweis antraten, dass man eine Region wie die Altmark nicht zwangsläufig verlassen oder schlechtreden muss, sondern sie mitgestalten kann.

Eingeladen hatte die Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt (abgekürzt: lkj), die schon über die Programme „Dehnungsfuge“ und „WIR.Heimat.Land.Jugendkultur“ einige Projekte in der Region unterstützt hat.

Die lkj hat dabei vor allem Jugendliche im Blick und vertritt den Standpunkt: „Kulturelle Bildung in ländlichen Räumen kann ein Wurfanker sein gegen den demografischen Wandel.“ Gleichwohl brauche man dafür die richtigen Rahmenbedingungen und nicht zuletzt Achtung und Unterstützung.

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Los sein kann aber letztlich nur etwas, weil es Menschen gibt, die es anstoßen, anschieben, umsetzen, die sich nicht entmutigen lassen, die andere mit ihrer Begeisterung und ihrem Tatendrang anstecken und letztlich: einfach machen.

Einfach selbst gestalten

Als bestes Beispiel erwiesen sich dabei Gastgeber und Einlader selbst: Marion Zosel-Mohr von der Freiwilligen-Agentur Altmark und Wegbereiterin der Kleinen Markthalle berichtete von den Anfängen dieses Bürgertreffs und ihrem Credo, dass man selbst nach Wegen suchen müsse, „alles etwas schöner zu gestalten“. Über die „Dehnungsfuge“ habe hier alles angefangen, wurde schließlich ein Ort geschaffen, „wo sich Menschen treffen, kreativ sind und mit ihren Ideen etwas bewegen“. Torsten Sowada von der lkj bestätigte diesen Erfolg und sieht die Markthalle als einen „klassischen Ort“, wo aus Leerstand etwas Nachhaltiges entsteht.

Als nachhaltig scheint sich auch das mit dem TdA umgesetzte interkulturelle Theaterprojekt „Geisterstadt, ich umarme dich“ erwiesen zu haben. Wie Eva Vogel berichtete, sei nicht nur die Auseinandersetzung mit der Frage nach Identität und Zugehörigkeit sehr intensiv gewesen, sondern hätte sich ein starkes Gemeinschaftsgefühl entwickelt – und einigen Teilnehmern hätte sich so überhaupt erst die Welt des Theaters eröffnet.

Plötzlich auf der Bühne

Dass sie mal auf einer Theaterbühne stehen würden, hätten sich wohl auch etliche Bittkauer nicht träumen lassen. Doch so war es im Juli: Mehr als 80 Mitwirkende ließen die Geschichte ihres Dorfes bei der Sommerrevue auf den Elbwiesen lebendig werden – vor sage und schreibe 1000 Zuschauern. Auch hier wirkten Dehnungsfuge und „WIR“ unterstütztend. Es hätten sich dadurch Leute zusammengefunden, die sich gar nicht kannten, und es seien Freundschaften entstanden.

Bei allem Enthusiasmus – ohne Geld kommt auch Kultur nicht dauerhaft auf die Beine. Dennoch sind viele Vorhaben und Vereine auf das wiederkehrende Wohlwollen öffentlicher Geldgeber angewiesen – Förderprogramme aus, Geld wird gestrichen.

Keine Lust auf Jammern

Ganz ohne Förderung hat die Stendalerin Sibylle Sperling ihren Altmark-Reiseführer „In the middle of Nüscht“ auf den Weg gebracht – die unerwartet große Resonanz auf das Buch erstaunt sie noch heute, zumal es bislang gar nicht so sehr, wie beabsichtigt, in den Metro­polen Absatz findet, sondern hier: „Mittlerweile sind 10 000 Exemplare gekauft worden, seit Ende 2018. Die meisten davon von Einheimischen!“ Die wiederum verschenkten das Buch oftmals an weggezogene Altmärker, wodurch die Region dann doch wieder nach außen strahlt. Warum sie es geschrieben hat? „Ich hatte einfach keine Lust mehr auf die Jammerei und wollte zeigen, dass die Altmark eine richtig schöne Ecke ist und es hier so viele Menschen gibt, die etwas bewegen.“